Corona-Musik 33 mit Luke Evans, Scooter, Nnamdï, Blink-182, Frankie Cosmos und Onejiru


Luke Evans Blue Horizon Review

Luke Evans ist auf seinem zweiten Album erstmals auch Autor. Foto: Add-On Music / Ed Cooke

Man kennt Luke Evans vor allem aus Filmen wie Der Hobbit, Fast And Furious 6 oder Die Schöne und das Biest. Als seine „erste Liebe“ bezeichnet der Waliser aber den Gesang. Umso erfreuter dürfte er gewesen sein, als 2019 sein erstes Album At Last so gut ankam. Mit A Song For You legt er am 4. November nach, und die Platte wird eine Premiere bieten: Bei 2 der 14 Songs ist Luke Evans gemeinsam mit Amy Wadge (Ed Sheeran, Jessie Ware, James Blunt) auch als Autor genannt, nämlich bei Horizons Blue und Busy Breaking Yours. Dass er nun Songs schreibt, hat im doppelten Sinne mit Corona zu tun. Denn Horizons Blue (***), das als erste Kostprobe des neuen Albums veröffentlicht wird, entstand während des Lockdowns in Florida. „Ich habe geschrieben, als die Sonne über dem Atlantik aufging. Ich saß am Strand und der Horizont war so blau wie das Meer. Man konnte wirklich keinen Unterschied dazwischen erkennen. Und überhaupt war sonst nichts zu sehen, weil es keinerlei Bewegung gab – keine Schiffe, keine Flugzeuge. Nur ich, das Meer, ein paar Pelikane“, erzählt Evans. „Das Lied handelt vom Sich-Verlieben. Von diesen Momenten, wenn man einem anderen Menschen zum ersten Mal begegnet, wenn einem diese ganzen kleinen Details auffallen – und man alles in sich aufsaugt. In so einem Moment ist alles gut, alles ist pure Zuversicht. Ich dachte nur, wie schön, wie optimistisch und offen dieses Blau des Horizonts doch wirkt. Und so wurde daraus also der Titel des Songs – und der Rest entstand dann wie von selbst. Nach einer Stunde hatte ich alles geschrieben.“ Bei der tatsächlichen Umsetzung in ein Lied machte sich dann abermals Corona bemerkbar. Luke Evans hatte Amy Wedge während der Dreharbeiten zu The Pembrokeshire Murders in Wales erstmals getroffen, wo sie ganz in der Nähe wohnt. „Eines Tages schaute Amy dann am Set vorbei und wir aßen zusammen Mittag. Ich sagte ihr: ‚Ich würde echt gerne zusammen mit dir Songs schreiben. Ich habe schon viele Texte fertig. Ich habe viele Gedichte geschrieben. Nur weiß ich halt nicht, ob ich auch einen Song schreiben kann.'“ Von den ersten Skizzen, die er ihr präsentierte, war die Songwriterin, die unter anderem Thinking Out Loud mit Ed Sheeran geschrieben hat, beeindruckt. Als man gerade mit der Zusammenarbeit loslegen wollte, schlug die Pandemie zu. „Ich war in Florida, sie in Pontypridd. Also bestellte ich mir die Aufnahmegeräte, die ich brauchte, um mit meinem Laptop zu arbeiten. Und dann machten wir viel über Zoom-Calls“, erzählt Evans. Das äußerst hübsche Liebeslied zeigt vor allem durch das anfangs recht reduzierte Arrangement, wie gut sein Tenor ist, und man sollte auch mehr als nur passabel singen können, wenn man sich an Stücke wie Bridge Over Troubled Water oder My Way wagt, die es auf A Song For You geben wird. Unterstützung erhält Luke Evans unter anderem von den Prager Philharmonikern und dem Treorchy Male Voice Choir sowie zwei prominenten Damen, mit denen er im Duett zu hören sein wird. Nicole Kidman (mit ihr hat er unlängst die Miniserie Nine Perfect Strangers in Australien gedreht) ist bei Say Something seine Partnerin, Charlotte Church (sie hatten vor vielen Jahren die gleiche Gesangslehrerin) bei Come What May. „Das Tolle an diesem Album ist, dass ich damit zeigen kann, in welchem Bereich meine Stimme am besten klingt. Was die Auswahl angeht, sind das ja alles absolute Klassiker – ich weiß schließlich vom Erfolg des Vorgängeralbums, dass die Leute genau diese Art von Songs hören wollen. Nur gibt es dazu eben jetzt auch noch ein paar Originalkompositionen. Und auf die bin ich wirklich extrem stolz.“

Coverversionen wird man auf Please Have A Seat nicht finden. Im Gegenteil: Nnamdï, Multi-Instrumentalist, Songwriter und nach Meinung einiger Kolleg*innen der fleißigste Mann in Chicago, hat für sein am 7. Oktober erscheinendes neues Album alle 14 Songs selbst geschrieben, produziert und eingespielt. Eine Kostprobe gibt es jetzt mit Dedication (****), das mit seinen elektronischen Elementen, dem verspielten Refrain und etwas, das wie ein digitales Geigensolo klingt, viel von dem zeigt, was diesen extrem vielseitigen Künstler ausmacht. „Ich habe diesen Song mitten in der Pandemie 2020 geschrieben, um mich selbst zu motivieren, mich aus der lähmenden Flaute herauszuholen, einfach um mich dazu zu bringen, irgendetwas zu tun. Ich habe das Lied gespielt, wenn ich Joggen oder Trainieren war, bevor ich dann weiter an meiner Musik gearbeitet oder Anrufe beantwortet habe. Ich habe mich damit einfach selbst motiviert, etwas zu tun, um die Flaute zu überwinden und diese schwierigen Wochen zu überstehen“, sagt er. Mit seinem enormen Vorwärtsdrang und Energielevel ist das Stück allerdings nicht unbedingt typisch für die neue Platte, sagt der Künstler, der beispielsweise mit Wilco, Sleater-Kinney und Black Midi auf Tour war. Denn Please Have A Seat – der Titel lässt es erahnen – soll etwas besonnener und reflektierter sein als seine bisherigen Werke. Nnamdï: „Ich habe gemerkt, dass ich mir nie die Zeit nehme, mich einfach hinzusetzen und zu begreifen, wo ich stehe. Es ist einfach schön, diesmal nicht im ‚Go, Go, Go!‘-Modus zu sein und neu zu bewerten, wo ich musikalisch hin will.“

Mit F.O.O.F. (****) geben Frankie Cosmos einen weiteren Vorgeschmack auf ihr neues Album Inner World Peace, das für 21. Oktober angekündigt ist. Die Einschränkungen durch Covid-19 haben die Band aus New York bis an den Rand der Auflösung gebracht. Frontfrau Greta Kline hat seit Beginn der Pandemie zwar mehr als 100 Songs geschrieben, aber sie konnte sich auch mehr als 500 Tage lang nicht mit Lauren Martin (Keyboards), Luke Pyenson (Schlagzeug) und Alex Bailey (Bass, Gitarre) treffen, um daraus gemeinsames Material der Band zu machen. Umso größer war die Freude, als man zuhause in Brooklyn dann mit den Co-Produzent*innen Nate Mendelsohn und Katie Von Schleicher wieder ins Studio konnte. Der neue Song mit einem spektakulären Video von Cole Montminy trägt nicht nur in seinem etwas zerbrechlichen, bewusst unfertigen Sound ebenfalls deutliche Corona-Spuren: „Für mich geht es bei F.O.O.F. darum, sich selbst willkürliche Grenzen und Deadlines zu setzen, um ein Gefühl von Kontrolle zu haben. Das Gefühl, dass die Zeit in unterschiedlichen Geschwindigkeiten vergeht und dass man mit Musik durch die Zeit reist. Ich liebe Coles Kunst, und wir waren alle so aufgeregt und dankbar, dass er für dieses Video an Bord war. Während der Pandemie hatte ich sehr mit dem Gefühl der Isolation zu kämpfen, genauso hat mich die überall zunehmende Nutzung von Technologie beunruhigt. Dieses Video verkörpert dies, und das Ende vermittelt ein Gefühl der Erleichterung und Befreiung von diesen Gefühlen. Wir könnten alle unsere Computer zertrümmern und etwas Gras anfassen.“

Auch bei Onejiru steckt der Corona-Bezug direkt im Clip. Im Video zu Shake Some Action (***1/2), ihrer ungemein schmissigen und erstaunlich eleganten Version des gleichnamigen Hits von The Flamin‘ Groovies aus dem Jahr 1976, spielt die in Nairobi geborene, in Wanne-Eickel aufgewachsene und seit vielen Jahren in Hamburg lebende Sängerin ein fiktives Konzert, wobei das Publikum aus ihren eigenen (mit sehr witzigen Spitznamen versehenen) Alter Egos besteht – auch als Reaktion darauf, dass zuletzt kaum noch wirkliche Livemusik möglich war. Umgesetzt hat sie die Idee mit Matthias Arfmann (Regie) und den Bochumer Videokünstlern Kay und Jens Schilling (Regie/Kamera). Diese Zusammenarbeit ist typisch für die bestens vernetzte Aktivistin, die bürgerlich Onejiru Arfmann heißt. Sie ist neben ihrem musikalischen Schaffen unter anderem Mitglied im Hamburger Künstlerkollektiv Turtle Bay Country Club, Spokesperson von Music Hamburg Women (einem Netzwerk für Frauen in der Musikwirtschaft), Mitinitiatorin und Co-Gründerin von „eeden“ (einem co-creation Space und Netzwerk für visionäre Frauen), Beirätin der Viva con Agua Stiftung und Gründerin von Future Female Africa, mit dem sie weibliche Führungskräfte aus der Diaspora branchenübergreifend und nachhaltig mit dem afrikanischen Kontinent vernetzen will.

Blink-182 sind ja gerade wieder eine große Nummer, weil sie angekündigt haben, demnächst wieder in Originalbesetzung auf Tour zu gehen. Das soll als Anlass reichen, um mit etwas Verspätung auf ihren Beitrag zur Pandemie hinzuweisen: Schon im August 2020 haben sie Quarantine (***1/2) veröffentlicht, geschrieben und gesungen von Bassist Mark Hoppus und lustigerweise ohne die Beteiligung von Gitarrist Matt Skiba, der die Studioaufnahmen verpasste, weil er damals Kontaktperson eines Infizierten war und in Quarantäne bleiben musste (mittlerweile wurde er wieder komplett durch Gründungsmitglied Tom DeLonge ersetzt). Der Song ist inspiriertes, kurzweiliges, plakatives und eingängiges Knüppeln, wie man es von dieser Band schätzt, mit ein bisschen Selbstironie angesichts des Privilegs der eigenen Langeweile und auch einem Seitenhieb auf die medizinischen Kompetenzen von Donald Trump. „Fuck this disease“, singt Hoppus, und man möchte antworten: Amen.

Noch ein Nachtrag: Die für ihre, ähm, subtilen Protestsongs zur gesellschaftlichen Entwicklung weltweit geschätzte Band Scooter hat schon vor knapp zwei Jahren eine Folge des ZDF Magazins Royale mit ihrem Song Fck 2020 (***) eröffnet. Auch das ist natürlich als Statement zur Pandemie gedacht, die für H. P. Baxxter & Co. „a nightmare came true“ ist, wie es im Track heißt. Allzu groß scheinen die Auswirkungen von Covid-19 auf die Scooter-Welt aber nicht zu sein: Im Video gibt es knapp bekleidete Girls und viel Pyro wie eh und je, der Sound lebt derweil von Gaga-Reimen und reichlich Bumms.

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