Daniel Blumberg – „On&On“


Künstler Daniel Blumberg

Daniel Blumberg On&On Review Kritik

Ganz wichtig bei Daniel Blumbergs „On&On“: keine Leerzeichen!

Album On&On
Label Mute
Erscheinungsjahr 2020
Bewertung

Normalerweise gebe ich nichts auf die typographischen Extravaganzen, die sich Musiker so ausdenken. Ein Kleinbuchstabe am Beginn, ein Punkt am Ende, ein Unterstrich irgendwo im Bandnamen oder gleich alles in Versalien? Geschenkt! Beim neuen Album von Daniel Blumberg, das am Freitag erscheint, gibt es gute Gründe, eine Ausnahme zu machen. Der in London lebende Künstler, der früher bei Yuck gespielt hat, jetzt auch malt und Filme macht, hat die Platte On&On genannt, wohlgemerkt gibt es vor und nach dem & keine Leerzeichen. Das ist bezeichnend, denn vieles geht bei ihm nahtlos ineinander über. Man kann diese neun Stücke im Kern vielleicht als Folk oder Country begreifen, aber freie Improvisationen sind dabei ein genauso wichtiges Element.

Neben dem Quasi-Titelsong On&On gibt es hier auch Stücke, in deren Namen das „On“ drei-, vier- und fünfmal vorkommt, entsprechend werden darin Motive der Vorgänger wieder aufgegriffen, variiert und weiterentwickelt (wir sind am Ende also bei On&On&On&On&On, natürlich auch alles ohne Leerzeichen). Daniel Blumberg hat diese Ästhetik rund um sein Hauptquartier im Cafe Oto entwickelt, wo die Platte in Live-Sessions auch aufgenommen wurde. Mit von der Partie sind die Leute, die schon auf dem Vorgänger Minus (2018) am Werk waren: Ute Kanngiesser (Cello), Billy Steiger (Violine), Tom Wheatley (Kontrabass) und Jim White (Schlagzeug), zusätzlich diesmal auch die experimentelle Musikerin und Sängerin Elvin Brandhi.

„Wenn ich am Klavier sitze oder auf dem Motorrad, summe ich immer Lieder vor mich hin“, sagt Blumberg, der auf On&On indes aufs Klavier verzichtet. So ursprünglich das klingt, so ungewöhnlich sind die Sounds, die man hier hören kann. Der Autor David Toop, der einen begleitenden Essay zu dieser Platte verfasst hat, muss auf Bilder von Fasern, Tieren, Räumen und Malerei zurückgreifen, um diese Klänge irgendwie in Worte zu fassen. An einer Stelle seines sehr lesenswerten Textes vergleicht er das Schlagzeug mit dem Geräusch von „Ratten, die über einen ungekehrten Boden rennen“, und bezeichnenderweise erinnert sich Ute Kanngiesser beim Rückblick auf die Entstehungsphase dieser Stücke auch zuerst an Tiere: “Als wir abends fertig waren, saß ich noch auf der Terrasse und schaute mir die Mondfinsternis an. Das war im Januar 2019, der Wolf-Mond, Super-Mond, Blut-Mond. Ich habe zugeschaut, wie er immer dunkler wurde, eine Sepia-Farbe bekam und dann schließlich völlig verschwand. In diesem Moment begannen die Eulen im Wald einen Chorgesang. Es war unglaublich.“

Passend zu diesem Erlebnis kommen die ersten Töne von On&On von irgendwo hereingeschwebt, zwischendurch knallt etwas, und im Text verrät uns Daniel Blumberg: Die Sache, die immer weiter geht, ist natürlich die Liebe. Es gibt Momente mit einem Rumpeln wie bei Tom Waits, in dem der Gesang schmerzgeplagt mit kurzen Phasen des Wohlergehens ist (Sidestep Summer). Andere Stücke klingen wie wirklich experimentelle Radiohead (Silence Breaker) oder eine besonders innige Variante der Lemonheads (Teethgritter). Mit dem erwähnten Ratten-Rennen-Schlagzeug bekommt Bound tatsächlich so etwas wie einen Groove und beinahe auch Schwung hin.

Die wohl größte Leistung auf On&On ist: Man hört, dass vieles hier spontan und intuitiv entstanden ist, und doch wirkt nichts austauschbar oder beliebig. Selbst in den besonders luftigen, kauzigen und windschiefen Momenten fühlt es sich an, als ob jeder Ton an genau der richtigen Stelle ist.

Das Klavier fehlt, im Video zu On&On gibt es aber immerhin das Motorrad.

Website von Daniel Blumberg.

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