David F. Ross – „Schottendisco“


Autor David F. Ross

David F. Ross Schottendisco Review Kritik

„Schottendisco“ ist als Beginn einer Trilogie vorgesehen.

Titel Schottendisco
Originaltitel Last Days Of Disco
Verlag Heyne Hardcore
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

This town, is coming like a ghost town
Why must the youth fight against themselves?
Government leaving the youth on the shelf
This place, is coming like a ghost town
No job to be found in this country
Can’t go on no more
The people getting angry

Das ist eine Strophe aus Ghost Town, mit dem The Specials 1981 einen Nummer-1-Hit in England hatten. Das Lied ist Teil der Playlist, die David F. Ross am Ende seines Debütromans Schottendisco empfiehlt, und die zudem Lieder beispielsweise von The Clash, The Human League, Blondie oder Dexy’s Midnight Runners enthält (zusätzlich hat Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen ihren wundervollen Song Der fünfte Four Top als kostenlosen Download für die deutschen Leser zur Verfügung gestellt). Das ist im doppelten Sinne schlüssig: Erstens ist Musik die prägende Kraft in dieser Coming-of-Age-Geschichte, zweitens gibt die Specials-Strophe bestens die Ausgangssituation für das Buch wider.

Die Helden sind Bobby Cassidy und Joey Miller, beide lieben Musik, beide sehen als 18-Jährige in der westschottischen Provinz keinerlei Perspektive angesichts der Misere, die drei Jahre Regierungszeit von Maggie Thatcher bis dahin über das Land gebracht haben. „Keine Sau in unserm Alter hat irgendeine Chance auf einen normalen Job. Alle kassieren entweder Stütze oder hängen in irgendeiner nutzlosen Maßnahme rum“, fasst Joey die Situation zusammen. Ein Ausweg erscheint möglich, als die beiden – wegen ihrer Leidenschaft für Punk und Northern Soul ebenso wie wegen ihrer stattlichen Plattensammlung – als DJs für eine private Party angefragt werden. Kurzerhand sagen sie zu, leihen sich ein bisschen Equipment und nennen ihre mobile Disco „Heatwave“, nach einem ihrer Lieblingssongs von The Jam. Trotz etlicher Pannen und Peinlichkeiten machen sie sich schnell einen Namen in und um Kilmarnock. Was sie allerdings nicht auf dem Schirm hatten: Das örtliche Unterhaltungs-Business ist fest in der Hand von Fat Franny Duncan. Der ist eine gefürchtete Größe des lokalen Kriminellen-Milieus, verdient auch mit Zinswucher und Drogengeschäften sein Geld und hat keinerlei Lust auf Konkurrenz im DJ-Geschäft. Schon bald müssen Bobby und Joey also nicht nur Gäste fürchten, die sich Mainstream-Mist wie Chris de Burgh wünschen, sondern auch Schlägertrupps aus der Halbwelt.

David F. Ross macht daraus eine Geschichte, die nostalgisch, witzig, sozialkritisch und turbulent ist, vor allem aber authentisch. Er wurde 1964 in Glasgow geboren und verbrachte seine Teenager-Jahre in Kilmarnock. „Der Roman trägt autobiografische Züge, denn die Figuren wären kaum entstanden, wenn ich damals nicht ähnliche Leute gekannt hätte. Und die Leute wären nicht so gewesen, wenn die Zeit eine andere gewesen wäre“, hat er im Gespräch mit Intro erzählt. Entsprechend porträtiert er Ayrshire als Heimat etlicher zwielichtiger Gestalten (eigentlich gibt es niemanden in diesem Roman, der einen regulären Beruf hat), in der die moralischen Grenzen entlang der Linien Mod-Popper oder Celtic-Rangers verlaufen, sich aber alle in ihrem Hass auf den Thatcherismus einig sind. Eine der witzigsten Szenen des Romans ist bezeichnenderweise eine Party in der örtlichen Parteizentrale der Tories, für die Heatwave gebucht werden. Sie hauen den anwesenden Konservativen reichlich Protestsongs um die Ohren, bis sie in einem Tumult von der Bühne gejagt werden. Zur Authentizität der Geschichte gehört auch, dass man fast wetten möchte, David F. Ross (der im Hauptberuf als Architekt tätig ist) habe auch selbst schon als Schallplattenunterhalter gearbeitet, denn das DJ-Gefühl fängt er an etlichen Stellen von Schottendisco sehr treffend ein, etwa hier: „Er hatte die Macht gespürt, die ein DJ in solchen Momenten über die Menge hat, die Erwartung der Leute, welche Nummer als Nächstes kommen würde – und das flüchtige Gefühl, wie Musik Atmosphäre erzeugt.“

Nur zwei Schwächen kann man bei diesem Debüt ausmachen. Erstens ist die Nähe zu Vorbildern wie John Niven (er lobt Schottendisco als „brillanten Debütroman“) und Irvine Welsh („Kauf ich mir blind, jetzt, sofort“, sagt er über dieses Buch) sehr offensichtlich, und beide sind im Zweifel etwas witziger, radikaler oder subtiler als David F. Ross. Zweitens wirken ein paar Elemente des Romans etwas aufgesetzt. Dazu gehört der arg abenteuerliche Handlungsstrang mit dem Falklandkrieg, in den Bobbys älterer Bruder geschickt wird, der sich freiwillig zum Militär gemeldet hat, weil er ebenfalls keine Chance auf ein anderes Auskommen sah und sich zudem gegenüber seinem Vater als echter, pflichtbewusster Mann beweisen wollte. Auch wenn die beiden Nachwuchs-DJs seltene Soul-Platten auf einem Flohmarkt aufstöbern, wirkt das ein wenig, als wolle der Autor mit seiner Fachkenntnis und seinem exklusiven Geschmack glänzen. Zugleich zeigt es natürlich auch die Leidenschaft und Hingabe von Bobby und Joey und letztlich die zentrale Idee dieses Romans, der noch zwei Fortsetzungen bekommen soll: In einer deprimierenden Welt kann Musik ein neues Zuhause werden. Und ein guter Song kann dich ein paar Minuten lang die Scheiße vergessen lassen, die dich permanent umgibt.

Das beste Zitat beschreibt Bobby nach seinem ersten Abend im legendären Wigan Casino: „Als Bobby das alte Kino aus rotem Backstein verließ, entwickelte die Sonne gerade ein bisschen Wärme; sein weißes Fred-Perry-T-Shirt war schweißnass, seine Levi’s anscheinend von einem viel dunkleren Blau als beim Reingehen. Er war eingehüllt in einen Nebel, den er selbst ausdampfte. Er fühlte sich erfrischt. Sicher war das auch noch die Wirkung der Amphetamine, doch der Hauptgrund für seine Hochstimmung war der Geist der Musik.“

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