David F. Ross – „Schottenrock“


Autor David F. Ross

David F. Ross Schottenrock Review Kritik

Die Geschichte der Miraculous Vespas erzählt David F. Ross in „Schottenrock“.

Titel Schottenrock
Originaltitel The Rise And Fall Of The Miraculous Vespas
Verlag Heyne Hardcore
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Gangsterbosse spielen eine wichtige Rolle in Schottenrock, und einer von ihnen, Fat Franny Duncan, ist ein großer Fan von Der Pate. Er stellt sich oft vor, was Don Vito Corleone in einer bestimmten Situation tun oder sagen würde und möchte ihm gerne nacheifern. Das ist ein fein selbstironischer Seitenhieb, denn David F. Ross liefert hier selbst den zweiten Teil einer Trilogie ab. Was mit Schottendisco begann, wird nun mit Schottenrock fortgesetzt, der dritte Teil wird dann Schotten dicht sein.

Anders als beim Mafia-Epos von Scorsese handelt sich sich bei den Romanen des Schotten aber um drei jeweils abgeschlossene Geschichten. Schottenrock ist anfangs lose mit dem Vorgänger verknüpft, entfaltet dann aber Ereignisse, die sich teilweise parallel zum Plot von Schottendisco entfalten, ebenfalls 1982 in Kilmarnock im Westen Schottlands. Im Mittelpunkt steht der 19-jährige Dale Wishart, Sänger einer Hobby-Band und Sohn eines auf Geldwäsche spezialisierten Kriminellen. Er wurde bei einem Auftritt schlimm verprügelt (von seinen eigenen Bandkollegen, wie sich herausstellt). Als er wieder zu sich kommt, haben die Kopfverletzungen dazu geführt, dass er ein komplett anderer Charakter ist. Jähzornig, entschlossen und mit einer Ausdrucksweise nahe an Tourette. Passend zu seinem Wesenswandel gibt er sich einen neuen Namen und nennt sich fortan Max Mojo. Sein Traum: Er will eine Band ganz nach oben bringen, nicht mehr als Sänger, sondern als Manager.

David F. Ross macht daraus eine hoch unterhaltsame, fast atemlos erzählte Geschichte. Seine Liebe zur Musik, die schon in seinem Debütroman zentral war, kann er auch hier fleißig ausleben. Er hat am Ende des Buches wieder eine Playlist platziert, diesmal etwa mit Kraftwerk, Madness, Orange Juice, Bryan Ferry, The Smiths, Jonathan Richman und Velvet Underground. Parallel zum Buch hat er tatsächlich zwei Songs geschrieben, gemeinsam mit seinem Kumpel Robert Hodgens (The Bluebells). Er zeichnet im Roman genüsslich die Parallelen zwischen Musikgeschäft und organisierter Kriminalität nach und spielt gekonnt auf echte Popstars aus den Eighties an. Immer wieder taucht beispielsweise Boy George auf, der schließlich ungewollt zur Schlüsselfigur von Schottenrock wird. Der echte Boy George war mit seiner Rolle in diesem Roman übrigens einverstanden, der Autor hat sich zuvor persönlich bei ihm rückversichert.

Allein die Zusammensetzung der Band, die vom Manager den Namen „The Miraculous Vespas“ verpasst bekommt, ist ein Fest für alle Musikfans, denn man kann in dem Quartett etliche Bezüge zu realen Musikhelden ausmachen. Grant Dale ist der markante, sensible Sänger, in dem ein bisschen Morrissey zu stecken scheint. Die aus Jamaika stammende Schlagzeugerin Maggie Abernethy kann man sich wie Cindy Blackman vorstellen, die viele Jahre für Lenny Kravitz an den Drums saß. Dazu kommt ein Brüderpaar mit einer reichlich turbulenten Beziehung à la Gallagher, Davies, Everly oder Knopfler, hier heißen sie Eddie Sylvester (kleptomanischer Bassist) und Simon Sylvester (virtuoser Gitarrist). Letzter wird bald „Motorcycle Boy“ genannt, und allein die Begebenheit, wie er zu diesem Spitznamen kommt, beweist die Fantasie und Liebe zum Detail, mit denen der Autor hier an vielen Stellen glänzen kann.

Schottenrock lebt von der großen Zuneigung zu seinen Figuren und der großen Identifikation mit dieser Ära. Susanne Luerweg hat das Buch im Deutschlandfunk als „ein Sittengemälde der Achtzigerjahre, als Träume noch in Vinyl gepresst waren“ bezeichnet, und das ist nicht übertrieben. Im Vergleich zum ersten Teil wird Ross hier aber weniger politisch. An einigen Stellen macht der Autor zwar geschickt deutlich, wie schockierend salonfähig Rassismus und Sexismus damals noch waren. Auch dieser Roman zeigt zudem, dass die kriminellen Familienclans, die in Kilmarnock und Umgebung um den Reibach mit Drogen, Geldwäsche, Pornovideos oder Zinswucher konkurrieren, auch deshalb eine so große Anziehungskraft haben, weil saubere Geschäfte kaum mehr möglich sind in einem Land, dessen Arbeiterklasse der Thatcherismus in den Ruin getrieben hat. Aber insgesamt setzt er deutlich mehr auf Entertainment als auf Gesellschaftskritik. Wenn man so will, soll Schottenrock mehr Hit und Glamour sein, weniger Punk und Protest.

Reichlich subversiv ist die Geschichte natürlich trotzdem. Das Startkapital der Band ist aus dem Tresor von Fat Franny Duncan geklaut, der Roman zeigt eine erstaunliche Vielfalt von Schimpfwörtern (liebevoll übersetzt von Daniel Müller) und wimmelt von skurrilen Figuren. Am Anfang gibt es sicherheitshalber noch einmal eine Übersicht der handelnden Personen, die 31 Charaktere umfasst, verteilt unter anderem auf vier Gangster-Kartelle, die Band mit ihrer Entourage und die örtlichen Ermittlungsbehörden. Dass Ross den Leser ohne einen Moment der Langweile durch diesen Dschungel führt und all das in einem tollen Finale zusammenführt, ist eine wunderbare Leistung.

„Wer sehnsüchtig auf einen Roman wartet, der Irvine Welsh und John Niven vereint: Hier ist er“, verspricht André Boße bei Classic Rock, schießt mit dieser Einschätzung aber doch ein wenig übers Ziel hinaus. Die beiden genannten Vorbilder sind auch hier sehr deutlich erkennbar, auch wenn Schottenrock mehr Eigenständigkeit zeigt als das Debüt. Zu den genannten Meistern ihres Faches bleibt aber ein Abstand erkennbar: Sprachlich ist der Roman gut, aber nicht überragend, in der Ausgangsidee ist er charmant, aber nicht horrend originell. Der Star ist letztlich der Plot – und, ebenso wie bei Schottendisco, die unverkennbare Liebe zur Musik als Brücke in eine bessere Welt. Diese Grundidee hat David F. Ross auch in einem Interview erklärt: „Jeder hat Hoffnungen und Träume. Und dann gibt es diese jungen Menschen, die aus der Arbeiterklasse kommen, und auf jeden Fall vermeiden wollen, ohne Job dazustehen. Und Musik und Fußball sind vielleicht Chancen dem zu entkommen.“

Das beste Zitat ist die Selbstbeschreibung, die Manager Max Mojo für die Band formuliert hat, auch weil sie so viele Musikjournalismus-Klischees zusammenführt: „Angeführt von einem wahrhaftigen Rockgott namens Grant Delgado verkörpern The Miraculous Vespas aus Ayrshire Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des intelligenten Rock’N’Roll. Ein mysteriöser Supergitarrist namens The Motorcycle Boy sorgt mit der Linken für die Harmonien, während Butter Biscuit mit einer unangestrengt exotischen Coolness an den Drums den Rhythmus vorgibt und Bass-Monster Simon Sylvester bei den tiefen Frequenzen mit jeder Note den Nagel auf den Kopf trifft.“

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