Der Goldene Handschuh


Film Der Goldene Handschuh

Der Goldene Handschuh Review Kritik

Gerda (Margarethe Tiesel) wird eines der Opfer von Fritz Honka (Jonas Dassler).

Produktionsland Deutschland, Frankreich
Jahr 2019
Spielzeit 110 Minuten
Regie Fatih Akin
Hauptdarsteller*innen Jonas Dassler, Margarethe Tiesel, Katja Studt
Bewertung

Worum geht’s?

Hamburg 1970: Der Hilfsarbeiter Fritz Honka kommt regelmäßig in die Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“ auf St. Pauli. Beim Wirt und den anderen Stammgästen gilt er als einsam, schüchtern und etwas kauzig, und all das ist er auch. Er gilt aber auch als harmlos, und das ist er keineswegs – sondern ein Serienkiller. Zu späterer Stunde lädt er gerne heruntergekommene Damen auf ein Getränk ein, gerne auch in seine Wohnung, wenn sie kein anderes Obdach haben. Dort misshandelt, vergewaltigt und tötet er sie. Als Honka zum Opfer eines Verkehrsunfalls wird und ins Krankenhaus muss, beschließt er, sein Leben zu ändern. Er verzichtet auf Alkohol und findet einen Job als Nachtwächter, wo er sich mit einer Putzfrau anfreundet. Doch seinen Drang, Frauen kontrollieren und demütigen zu wollen, bekommt er nicht in den Griff.

Das sagt shitesite:

In der ersten Szene des Films wird eine Frauenleiche ungeschickt in einen Müllsack verpackt. Es ist das erste Opfer von Fritz Honka, das er noch auf einer Müllhalde entsorgt, während er bei seinen folgenden Taten die Leichen einfach hinter einer versteckten Tür in seiner Wohnung deponiert. Schon nach diesem Beginn ist deutlich: Dieser Täter ist kein gewiefter Krimineller, sondern ein überforderter Verlierer. Und Frauen sind für ihn bloß Objekte, die sofort lästig werden, wenn sie nicht mehr dem einzigen Zweck genügen, den er für sie vorgesehen hat, nämlich ihm zu gehorchen.

Bezeichnenderweise sind es Maden, die ihn letztlich entlarven. Sie quellen aus den verwesenden Frauenkörpern und finden den Weg in die Wohnung der Nachbarn. Auch das ist sehr treffend für Der Goldene Handschuh, denn die dominierenden Wirkungen dieses Films sind Ekel und Abscheu. Man spürt den Gestank in dem Drecksloch unterm Dach, in dem Honka wohnt, ebenso wie den Siff in seiner Stammkneipe. Widerlich ist indes auch, dass der Film, basierend auf dem Roman von Heinz Strunk, der wiederum wahre Ereignisse verarbeitet, aus der Perspektive des Täters erzählt. Natürlich erfolgt hier keine Apologie eines sadistischen Serienkillers, aber auch, weil das Publikum gezwungen wird, das Geschehen mit seinen Augen zu verfolgen und den Verlauf der Ereignisse so zu erleben, wie er ihn gestaltet hat, wird der Film so belastend und schwer zu ertragen. Jonas Dassler gibt diese Figur mit ganz viel Körpereinsatz, allerdings bleibt unter seiner grotesken Maske kaum Raum für Finesse. Honka bewegt sich wie ein Zombie durch diesen Film, er giert und geifert, er ist so abgestumpft gegenüber jeglicher sozialen Konvention, dass er nahe an der Karikatur landet. Was ihn prägt, ist ausschließlich Frustration und der felsenfeste Glaube, als Mann die Kommandos geben zu dürfen – heute würde man „Incel“ sagen.

Die Kneipe wird auch hier zum Mikrokosmos, wo man Klartext redet, Korn auch im Colaglas serviert und die letzten Gäste offen die Neigen austrinken. Es wird geflucht, gelästert und philosophiert, während die Schlagertexte aus den Lautsprechern dem Weltschmerz der Menschen an der Theke entsprechen. Ein wenig kann man hier auch einen frühen Prozess von Strukturwandel erkennen: Die hart schuftenden Hafenarbeiter, die sich nach Feierabend ihren mehr oder weniger ausgeprägten Alkoholismus gönnen dürfen, sind Auslaufmodelle. Das neue Ideal sind 9-to5-Büromenschen, denen Honka in seinem späteren Job als Nachtwächter zumindest räumlich näher kommt, wenn auch nicht vom Tagesablauf oder gar sozialen Status her.

Das Problem an der Verfilmung von Fatih Akin ist, dass seine Adaption des Stoffes dem Roman lediglich eine seltsame Rahmenhandlung hinzufügt, in der Honka vergeblich einem jungen Mädchen nachstellt, dafür aber viele Zwischentöne weglässt. Auch die Idee mit der eingangs als Traumfrau inszenierten Abiturientin ist heikel, deutet sie doch (nach allem, was man weiß, entgegen der historischen Tatsachen) an, dass Honka nicht nur an Gewalt, Demütigung und Missbrauch interessiert war, sondern auch an einer romantischen Beziehung. Auch in weiteren Szenen von Der Goldene Handschuh, wenn Gerda für ihn zur Putzkraft wird oder er Helga beeindrucken will, wird seine zumindest gelegentliche Suche nach Nähe, Verständnis, Zuneigung und Zärtlichkeit gezeigt, was nicht nur im Widerspruch zum bizarr-monsterhaften Äußeren steht, das hier gewählt wurde, sondern aus dem Triebtäter dann doch so etwas wie einen, nunja, Kinohelden macht, dem hier mit deutlich mehr Aufmerksamkeit und sogar mehr Empathie begegnet wird als den getöteten Frauen.

Bestes Zitat:

„Lachen und Kotzen sitzen nebeneinander in der Kehle.“

Der Trailer zum Film.

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