Der Himmel für PS-Junkies


Irgendwo hierdrin stecken acht Zylinder und 400 PS.

Irgendwo hierdrin stecken acht Zylinder und 400 PS.

Eigentlich fährt man mit dem Auto, um irgendwo hinzukommen. Man kommt nicht irgendwo hin, um Auto zu fahren. Schon gar nicht im Urlaub. Es sei denn: Es ist ein ganz besonderes Auto. Und eine ganz besondere Reise. Für Autonarren und PS-Junkies womöglich sogar ein unvergesslicher, himmlischer Trip.

Das Ziel klingt zunächst ganz irdisch: Mannheim. Allerdings hat die Stadt am Neckar durchaus ihre Reize – nicht nur, aber gerade für Motor-Fans. Schließlich war es hier, wo Carl Benz 1886 das Patent für das erste Automobil der Welt anmeldete, nachdem er zuvor schon Aufsehen erregende Testfahrten durch Mannheims Straßen unternommen hatte. Noch heute ist der Erfinder in der Stadt allgegenwärtig. Und man kann auch heute noch auf den Straßen Mannheims Aufsehen erregen – wenn man denn das richtige Auto fährt.

Einen feuerroten Flitzer zum Beispiel, mit acht kräftig pumpenden Zylindern und 400 wilden Pferdestärken, die das Geschoss in viereinhalb Sekunden von 0 auf 100 Stundenkilometer beschleunigen. Etwas sachlicher ausgedrückt: einen Ferrari 360 Modena.

Schön und gut, möchte man meinen. Freilich fällt man mit so einem roten Renner auf. Bloß kann man sich ein Auto zum Preis eines kleinen Einfamilienhauses als Normalsterblicher eben leider nicht leisten. Zumindest hineinschnuppern in die Welt der Traumautos kann man aber. Das Maritim Parkhotel in Mannheim bietet nun ein Paket mit zwei Übernachtungen an – Ferrari inklusive.

Einen Tag lang steht dem Gast der Modena für Ausfahrten zur Verfügung. Das Besondere daran: Ein Fahrlehrer ist mit an Bord. Das ist auch ratsam, denn technische Finessen wie die Tiptronic-Schaltung bedürfen durchaus einer Erklärung. Außerdem kann der Trainer über eigene Pedale notfalls eingreifen, wenn ein ungeübter Fahrer die Kontrolle über das wertvolle Kraftpaket zu verlieren droht.

Jens Seybold hat allerdings nur ganz selten mit verhinderten Rennfahrern zu tun, die im Ferrari den Rausch der Geschwindigkeit erleben wollen. „Natürlich gibt es einige, die vorher eine große Lippe riskieren. Aber wenn sie dann drin sitzen und das Lenkrad in der Hand haben, dann spürt man auch bei denen, dass sie Respekt vor dem Auto haben“, erzählt er. Gemeinsam mit Stefan Fischer betreibt er das Netzwerk „Just Drive It“, das an über 100 Fahrschulen in Deutschland kleine Trainingseinheiten im Ferrari anbietet und nun auch Partner des Mannheimer Maritim Parkhotels ist. „Den meisten Leuten merkt man die Aufregung an, wenn sie zum ersten Mal in so einem Auto sitzen“, sagt Jens Seybold.

Kein Wunder: Blankes Metall blitzt einem von dort entgegen, wo die Pedale sind. Die Sitzposition erinnert an einen Liegestuhl. Genau im Blick hat man den Drehzahlmesser für die bis zu 6000 Touren. Und dann ist da ja noch das schwarze Pferdchen auf gelbem Grund, das in der Mitte des Lenkrads prangt. Formel-1-Feeling kommt schon auf, bevor der Motor überhaupt läuft.

Dann drehe ich den Zündschlüssel um, den vorher schon so viele schweißnasse Hände umgedreht haben. Doch die erste Aufregung erweist sich als unbegründet: Das erwartete Losjauchzen des Motors bleibt aus, es gibt auch keine Vibrationen oder plötzlich blinkenden Lämpchen. Man richtet einfach die Spiegel, löst die Handbremse, setzt den Blinker und fährt los. Die nächste Überraschung: Der Ferrari ist handzahm. Der Wagen prescht keineswegs gleich davon, wenn man ein bisschen aufs Gas tippt, sondern reagiert gelassen.

Man kann einen Ferrari also auch ganz entspannt fahren, sogar mit der innerorts zulässigen Höchstgeschwindigkeit – wenn man denn die 50 auf dem Tacho findet. Wo bei meinem Auto die 50 steht, ist hier schon längst die 100-Stundenkilometer-Marke überschritten. Wie ich jetzt erst bemerke, reicht die Skala bis zu ebenso verheißungsvollen wie beängstigenden 340 km/h.

Diesem Wert nähert sich die Nadel dann auf der Autobahn. Und nun zeigt der Italiener, dass er doch ein Heißsporn ist. Während andere Autos respektvoll Platz machen, kann der Ferrari seine ganze Pracht entfalten. Rasantes Tempo. Eine sagenhafte Beschleunigung. Vor allem aber: ein Höllensound. „Die 70 lassen wir jetzt mal 70 sein. Tritt mal richtig drauf“, sagt Jens an meiner Seite, kurz bevor wir unter einer Brücke durchfahren. Wann hört man schon einmal diesen Satz von einem Fahrlehrer?, wundere ich mich und gebe Gas.

Was sich dann abspielt, als wir unter der Brücke sind, lässt sich mit Worten kaum beschreiben. Der Ferrari lässt einen Brunftschrei los, der von den Wänden noch verstärkt wird. Er röhrt und grunzt und brüllt – ein Geräusch von entfesselter Kraft und wilder Männlichkeit. Nie hätte ich geglaubt, dass ein Auto so klingen kann.

Das Adrenalin wirkt auch auf der Rückfahrt zum Hotel noch nach. Da kann man beim Aussteigen aus dem tief liegenden Wagen schon einmal ins Stolpern kommen – die Straße ist schließlich auch erstaunlich nahe am Sitz. Jens Seybold ist derlei Missgeschicke gewohnt. Er strahlt nach jeder Tour mit dem Ferrari immer noch fast genauso wie seine Fahrschüler. „Ich habe schon eine Menge Spaß an dem Job“, sagt er. Das überrascht nicht – hat er den meisten seiner Kunden doch nichts weniger als einen Traum erfüllt.

Auch ohne den Ferrari bietet die Reise für Motor-Fans reizvolle Ziele. Im Mannheimer Landesmuseum für Technik und Arbeit geht es selbstverständlich auch um die Geschichte des Autos. Und zum Hockenheimring ist es ebenfalls nicht weit. Dort kann man bei einem Fahrsicherheitstraining seine eigenen Grenzen (und die der Technik) erleben. Von der richtigen Sitzposition bis zur Crash-Simulation auf nasser Fahrbahn wird alles geboten. Beim Fahren mit einem VW Golf, der statt Hinterreifen die Räder eines Einkaufswagens (und dementsprechend wenig Haftung) hat, kommt neben dem Trainingseffekt sogar Spaß auf.

Nicht zuletzt kann man die Zeit auch im traditionsreichen Hotel in bester Lage genießen: Den Ausblick auf den Friedrichsplatz mit Mannheims Wahrzeichen, dem Wasserturm. Einen leckeren Cocktail an der Bar. Oder einen Plausch mit Hoteldirektor Bernd Ringer. Der kennt sich übrigens schon aus familiären Gründen mit Autos aus: Seine Ur-Ur-Großmutter war Bertha Benz, die Ehefrau von Carl. Mannheim hat eben Benzin im Blut.

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