Der Realitäts-Check für Ralf Rangnick


Ganz hinten am Horizont ist Ralf Rangnick. Und vielleicht irgendwann einmal der Profifußball für Leipzig.

Ganz hinten am Horizont ist Ralf Rangnick. Und vielleicht irgendwann einmal der Profifußball für Leipzig.

Willkommen im Leben. So könnte man den gestrigen Abend wohl für Ralf Rangnick umschreiben. Der 54-Jährige hat in seiner Karriere sicherlich schon genug erlebt, um zu wissen, wie Fußballfans ticken. Bei Stationen in Ulm und Hoffenheim hat er auch die nötigen Erfahrungen bei Clubs gesammelt, die ein ganzes Stück weg sind vom ganz großen Fußballgeschäft. Doch die Podiumsdiskussion der Leipziger Volkszeitung zum Fußball in der sächsischen Messestadt dürfte ihm endgültig klar gemacht haben, wo er nun gelandet ist.

Als Rangnick vor knapp fünf Wochen als neuer Sportdirektor von RB Leipzig vorgestellt wurde, da war da zumindest ein bisschen Flair von Erstklassigkeit. Die Pressekonferenz fand im WM-tauglichen Leipziger Stadion statt, mehrere Kamerateams waren vor Ort, Rangnick sprach vom FC Barcelona und der Champions League.

Nun sitzt er im obersten Stock des Verlagsgebäudes der LVZ und darf erfahren, welche Probleme die Leipziger Fußballwelt wirklich prägen. Jugendarbeit, die Eintrittspreise beim Stadionfest, persönliche Gespräche am Zaun hinter dem Trainingsplatz nach einem Testspiel gegen den FC Grün-Weiß Piesteritz. Und vor allem: Die Eifersüchteleien der maßgebenden Clubs in der Stadt, die sich in den vergangenen 20 Jahren gerne selbst im Weg gestanden haben. Als Ergebnis dieser Selbstzerfleischung ist RB Leipzig mittlerweile das sportliche Aushängeschild in der Stadt des ersten deutschen Fußballmeisters, als Viertligist. Der nach Insolvenz neu gegründete 1. FC Lok hat sich mittlerweile ebenfalls bis in die Regionalliga hochgesiegt. Die BSG Chemie Leipzig spielt noch einmal zwei Klassen tiefer in der Sachsenliga.

Das ist natürlich deutlich zu wenig für die Ansprüche einer Stadt, die sich mal eben die Ausrichtung der Olympischen Spiele zutraut. Die Leipziger Nachwende-Fußballgeschichte ist eine Geschichte von Pleiten, Pech und Pannen – vor allem Pleiten. „An den finanziellen Mitteln in der Stadt hat es nie gemangelt. Aber es wurde viel Geld in die Pleiße geworfen“, stellt René Müller auf dem Podium richtig fest, der als Torhüter bei Lok einst noch die glorreichen Zeiten des Leipziger Fußballs mitgeprägt hat. Auch das mit viel Red-Bull-Finanzkraft ausgerüstete RB Leipzig scheint sich bereits in diese Tradition einzureihen. Zweimal in Folge wurde zuletzt der fest eingeplante Aufstieg in die dritte Liga verpasst.

Beinahe die Verkörperung der Enttäuschtheit der Leipziger Fußballfans (egal welcher Couleur) scheint Moderator Winfried Wächter zu sein. Der  Sportchef der LVZ führt sehr unterhaltsam durch den Abend, und sein Hang zum Zynismus ist der Lage der Dinge durchaus angemessen. Denn man darf nicht vergessen: Hätte Lok nicht mit Ach und Krach den Aufstieg geschafft und RB nicht Rangnick als Hoffnungsträger verpflichtet, dann hätte diese Diskussion durchaus den Titel „Krisengipfel“ verdient. Wieder einmal.

Der verpasste Aufstieg der Roten Bullen lag nach Ansicht von René Müller in erster Linie daran, dass Trainer und Mannschaft die vierte Liga nicht gut genug kannten. Klaus Reichenbach, Präsident des Sächsischen Fußball-Verbands, hat RB Leipzig zu oft „blauäugig und bei Rückständen verkrampft“ erlebt. Und Hubert Wolf, Präsident des in der Nachbarschaft spielenden ZFC Meuselwitz, möchte zumindest nicht persönlich schuld sein: Neben der Heimschlappe von RB Leipzig gegen Meuselwitz habe es auch noch weitere unnötige Punktverluste gegeben, betont er schmunzelnd.

Ansonsten wird der Blick an diesem Abend aber in die Zukunft gerichtet. Und da ist an ambitionierten Plänen selbstredend kein Mangel. Michael Notzon, Präsident des vor einigen Jahren noch zwölftklassigen 1. FC Lok Leipzig, macht klar: „In unserer Vorstellung ist unser Weg noch nicht beendet. Wir wollen nicht hundert Jahre in der vierten Liga spielen. Das Ziel ist der bezahlte Fußball, und der fängt bekanntlich in der dritten Liga an.“

Reichenbach hat nach eigenem Bekunden „volles Vertrauen in RB. Ganz Sachsen kann davon profitieren.“ Vor allem im Jugendbereich hofft er darauf, dass ein höherklassiger Verein mit hochprofessioneller Infrastruktur der ganzen Region einen neuen Schub gibt. Profifußball müsste in seinen Augen in Leipzig selbstverständlich sein: „Diese Stadt verträgt locker einen Erst- und einen Zweitligisten.“ Auch Müller geht davon aus, dass sich RB über kurz oder lang als Zugpferd erweisen wird, und dass auch die anderen Clubs der Stadt davon beflügelt werden. „Im Windschatten von RB kann Lok sehr gut segeln“, lautet seine Empfehlung.

Davon will man beim Traditionsverein freilich nichts wissen, und auch bei den Fans sind die Gräben spürbar, an denen jahrzehntelang geschaufelt wurde. Wenn auf dem Podium die Engstirnigkeit der Verantwortlichen beklagt wird, die Unfähigkeit, die Vereinsbrille auch nur einen Moment lang abzusetzen, oder auch mal die „Dummheit“ der Fans, die nur das Wohl ihres eigenen Vereins sehen, dann rumort es im Publikum. Egal, wie sehr sich die meisten der Herren auf dem Podium die Kooperation wünschen – im Publikum ist weiterhin Konfrontation angesagt.

Bedenkt man, wie tief die Feindschaft zwischen Lok und Chemie verwurzelt ist, und wie hoch die Wellen schlugen, als dann auch noch Emporkömmling RB hinzu kam, dann ist die Stimmung allerdings erstaunlich gelassen. Es wird zwar schnell grundsätzlich, wenn etwa René Müller den Fans aus Aue unterstellt, sie hätten kein Geschichtsverständnis (ähnlich wie heute RB Leipzig war einst Wismut Aue ein äußerst finanzstarker Club, trotzdem haben die Fans aus dem Erzgebirge unlängst ein Testspiel gegen RB Leipzig mit ihren Protesten verhindert). Reichenbach muss sich von einem Besucher ein zweifelhaftes Demokratieverständnis vorwerfen lassen, weil er es skandalös findet, dass Lok Leipzig im Jugendbereich nicht mit RB kooperieren will, die Mitglieder des Vereins aber nun einmal mehrheitlich so entschieden haben. Es wird aber – was keineswegs selbstverständlich ist – nicht gepöbelt und nicht geschrien.

Das mag zum Teil daran liegen, dass alle davon ausgehen, dass RB über kurz oder lang der Leipziger Konkurrenz enteilt und die dann wieder genüsslich in ihrem eigenen Saft schmoren kann. Es ist aber vor allem einem nach 14 Jahren ohne Proficlub kaum mehr zu bändigenden Lokalpatriotismus geschuldet. Immer wieder manifestiert sich unter dem Dach des LVZ-Gebäudes der Wunsch der Leipziger, endlich mal wieder einen Verein aus ihrer Stadt in der Sportschau zu sehen – zur Not auch den mit den falschen Farben.

Womöglich hat die lange Durststrecke tatsächlich so etwas wie Toleranz geschaffen, als ein Boden, auf dem alle drei großen Clubs der Stadt gedeihen können. Ein Zwischenruf aus dem Publikum („Grün-weiße Sitzkissen und rot-weißer Schal“) deutet darauf hin, dass man zugleich Chemie und RB die Daumen drücken kann. Und auch Meuselwitz-Boss Wolf, der aus ein paar Kilometern Distanz offensichtlich einen guten Gesamtblick auf das Geschehen hat, weist darauf hin, dass durchaus Platz für alle ist, weil auch die Zielgruppen unterschiedlich sind. „RB praktiziert Familien- und Unterhaltungsfußball, Lok und Chemie machen Fanfußball“, lautet seine Diagnose.

Und Rangnick? Der dürfte sich ein bisschen gewundert haben über so viel provinzielles Gezänk. Gewohnt eloquent propagiert er aber die friedliche Kosexistenz, und macht dabei genau das Richtige: Er nimmt die Lage so hin, wie sie ist und versucht, sich beliebt zu machen bei den Leipzigern. Der RB-Sportdirektor betont seine lange Verbindung zu Sachsen (schon als 13-Jähriger war er in Aue im Stadion bei einem Spiel gegen Zwickau), gibt sich bescheiden („Wir müssen erst beweisen, dass wir in der Lage sind, den Vorsprung einzuholen, den andere Vereine in der Region noch haben“, sagt er mit Blick auf Dresden, Aue oder Erfurt). Er preist die Vorzüge der Stadt, die auch Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz überzeugt hätten, der in Leipzig erst ein „Probesitzen“ an mehreren Orten in der Stadt gemacht habe, bevor er sein Okay für die Investition bei RB Leipzig gab. Und er hofft wohl, dass sich der Wettstreit möglichst schnell wieder auf den grünen Rasen verlagern wird. Da wird sich schließlich entscheiden, ob die Leipziger Fußballmisere demnächst ein Ende finden wird. Wie steinig der Weg sein wird, macht Rangnick wie schon bei seinem Amtsantritt auch an diesem Abend noch einmal klar: „Der erste Aufstieg wird der schwierigste, weil wir selbst als Meister noch in die Relegationsspiele müssten. Die werden noch einmal genauso schwer wie die 30 Spiele davor.“

Hier gibt es den Beitrag der LVZ über die Diskussion, mit einem Video.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.