Durchgelesen: William S. Burroughs – „Naked Lunch“


"Naked Lunch" ist eine Höllenfahrt.

Autor William S. Burroughs
Titel Naked Lunch
Verlag Zweitausendeins
Erscheinungsjahr 1959
Bewertung ***

Hier von harter Kost zu sprechen, wäre schamlos untertrieben. „Eine Höllenfahrt durch die Ängste und Horrorvisionen der Zivilisation“ nannte die „Zeit“ diesen Roman, und Burroughs selbst räumt hier im Nachwort der ersten ungekürzten deutschen Ausgabe ein, sein Werk sei „brutal, obszön und abstoßend“.

Anderswo äußert er sich kurz zu seiner Herangehensweise: „Ein Schriftsteller kann immer nur über eines schreiben: was seine Sinne im Augenblick des Schreibens wahrnehmen… Ich bin ein Instrument, das Sinneseindrücke registriert…Ich maße mir nicht an, dem Leser eine ‚Story‘, eine ‚Handlung‘, eine „‚Kontinuität‘ aufzunötigen…Nur sofern es mir gelingt, gewisse psychische Vorgänge direkt aufzuzeichnen, mag ich eine begrenzte Funktion haben…Ich bin kein Entertainer…“.

Fürwahr. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Der Zynismus, die Leere, das Pornographische – all dies macht „Naked Lunch“ zu einer manchmal kaum zu ertragenden Tour de Force. Doch dann erkannt man in all dem Horror plötzlich, warum diese Abgründe so schauderlich sind: Weil man sie auch selber in sich hat, vielleicht noch nicht erkannt und entdeckt, aber doch erahnt. Burroughs verabschiedet den Humanismus, er bricht das Tabu und zeigt den Barbar und das Tier in uns allen, und das ist das erschreckende Verdienst von „Naked Lunch“.

Dazu kommt die stilistische Komponente, die Collage-Technik von Burroughs. Das Auseinanderreißen und Neuzusammensetzen von Texten ist hier ungemein anstrengend, wirkt manchmal willkürlich und sperrig, erweist sich aber als ebenso visionär. Das Wort „Remix“ war damals schließlich noch längst nicht erfunden. Burroughs zeigt sich auch darin als radikaler Neuerer mit ungeheurer Wirkungsmacht. Kein Lied von Marilyn Manson, kein Film von Jonas Akerlund wäre ohne sein Werk denkbar.

Beste Stelle: „Ich lehnte mich zurück und ließ mein Gehirn arbeiten, ohne es zu drängeln. Wenn man es zu sehr drängelt, bricht es zusammen wie eine überlastete Telefonvermittlung, oder es sabotiert einen, indem es verkehrt schaltet. Und einen Fehler durfte ich mir nicht leisten. Amerikaner haben einen eigentümlichen Horror davor, das Heft aus der Hand zu geben und die Dinge einfach laufen zu lassen. Am liebsten würden sie in ihren Magen runtersteigen und die Verdauung selbst in die Hand nehmen und anschließend auch noch die Kacke rausschaufeln.“

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