Die Angst der Verlage 1


Die Medienbranche trifft sich. Es wird gejammert - und gegessen.

Gerade komme ich zurück vom Medientreffpunkt Mitteldeutschland. In Leipzigs Media City kommt die Branche zusammen und tut in erster Linie das, was sie seit Jahren tut: Sie jammert.

Allerdings hat sich dabei Entscheidendes verändert. Im vergangenen Jahr konnte man als Journalist dort noch den Eindruck haben, man habe definitiv den falschen Beruf ergriffen. Niemand verdient mehr Geld mit diesem Metier, das Publikum will nur noch Seichtes und wenn es in dieser Branche überhaupt die Chance auf ein sicheres Auskommen gibt, dann im öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder bei den etablierten, aber leicht angestaubten Qualitätsmedien.

Dieses Bild hat sich gehörig gewandelt. Die irre Entwicklungsgeschwindigkeit des Web 2.0 und neue Hoffnungsträger für eine Refinanzierung im Netz (jaja, das olle iPad) haben die Gewichte verschoben. Zittern tun jetzt: der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die etablierten, verdammt angestaubten Qualitätsmedien.

Die Medienbranche steckt noch immer in der Krise. Doch alle Vorträge hier machen klar: Es ist keine Krise der Journalisten oder des Journalismus. Es ist eine Krise der Verbreiter, also der Sender und Verlage. Als Macher, als Schreiber, als Journalist konnte man fast ein bisschen Mitleid haben mit deren halbgaren Versuchen, sich in die Moderne hineinzuzwängen wie in einen völlig falsch geschnittenen Anzug, dessen Farbe ihnen zudem missfällt und den sie viel zu freizügig finden.

Ob das als Symbol gemeint ist? Eine Notaufnahme mitten in der Media City.

Zwei davon saßen gleich morgens im Studio 3. Ausgerechnet dort, wo sonst das MDR-Riverboat produziert wird (das man mit gutem Recht für die unsinnigste Gebührenverschwendung seit Bruce Darnell halten kann), wurde über die Neuordnung der Rundfunkfinanzierung diskutiert. Hermann Eicher, Leiter der ARD-Clearingstelle gegen Schleichwerbung und Justiziar des SWR, schwärmte dort von der „heilen Welt“, die es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gab, bis 1999 der böse böse Internet-Wolf über die Anstalts-Geißlein herfiel. Auch Carl Eugen Eberle, Justiziar des ZDF, beharrte fleißig auf dem Anrecht der Mainzelmänner, am Interesse des Publikums und den Vorgaben des Rundfunkstaatsvertrags vorbeizusenden. „Es kommt darauf an, dass Angebote vorhanden sind, dass Nutzung möglich ist“, sagte er allen Ernstes. Wie die Angebote aussehen und ob sie genutzt werden, spielt für ihn offensichtlich keine Rolle – Hauptsache, sie werden pünktlich bezahlt. Später sagt er noch einmal klipp und klar: „Man kann nicht verlangen, dass sich die Finanzierung nach den Inhalten richtet“.

Peter Zimmermann, Sprecher der thüringischen Landesregierung, machte sich derweil fleißig Notizen. Als er das Wort ergriff, musste man zunächst vermuten, auf seinem Notizblock stünde vor allem das Wort „äh“. Dann wurde er schnell eloquenter. Und er war es schließlich auch, der nach geschlagenen 25 Minuten erstmals die Perspektive des Publikums in die Debatte einbrachte, wenn auch mit der bürokratischen Formulierungen des „Mediennutzungsverhalten“. Zwei Minuten später war der gelernte Radioredakteur beim Kern des Problems angelangt: „Wir haben ein Wahrhaftigkeitsproblem“, befand er, und meinte damit: Es leuchtet den Menschen verständlicherweise nicht ein, dass sie für etwas bezahlen sollen, was sie nicht nutzen – egal, ob das per Steuer oder Abgabe geschieht, als GEZ-Gerätegebühr oder nun angestrebte Haushaltspauschale (Eberle: „Das ist die Flatrate für die Nutzung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.“).

Zimmermann war auch der Einzige in der Runde, der den Mut hatte, von diesem Punkt aus den Schritt zum Programm zu machen. Wenn ARD und ZDF nicht so viel Schrott senden würden, könnten sie auch mit besserem Recht auf die Gebühren pochen, lautete die Botschaft zwischen den Zeilen, auch Zimmermann das umständlich als eine „Erhöhung der Atrraktivität der Angebote in den Zielgruppen“ formulierte.

Dafür werden eine Menge Gebühren fällig, würde ich sagen.

Eicher hatte dem nur ein wenig gehaltvolles Mahnen an die Tradition entgegenzusetzen. „Die Idee im öffentlich-rechtlichen Rundfunk war noch nie: Ich bezahle nur das, was ich auch nutze. Es gab schon immer ein Solidarmodell. Und ohne diesen Grundgedanken sehe ich schwarz.“ „Ich auch!“, wollte ihm da sicher mancher spezieller Freund der GEZ entgegen rufen.

Beim nächsten Thema war Christoph Keese der Ewiggestrige. „Leistungsschutzrecht – Der Machtkampf im Netz“ lautete das Thema in der Werkstatt der Media City. Der Ort schien wieder symbolträchtig, denn zwischen Spanholzplatten und Schraubenkisten lagen auch ein paar umgestürzte römische Deko-Säulen – Sinnbild für die wankende Macht der Verlage. Der Springer-Sprecher hatte nur Claus Grewenig vom Verband der Privatsender an seiner Seite und kämpfte gegen eine Phalanx, die aus Google-Hausjurist Arnd Haller, Kai Schächtele (Kämpfer für die Rechte freier Journalisten), dem ebenfalls nicht ganz neutralen Moderator Martin Jahrfeld und jedem halbwegs vernünftig denkendem Menschen im Raum bestand.

Denn hier wurde am deutlichsten, wie sehr die Verlage um ihre Pfründe fürchten. Ihre Lage ist offensichtlich so verzweifelt, dass Keese im Falle einer Einführung eines Leistungsschutzrechts „eine großzügige Beteiligung“ der Journalisten versprach. Dass ihm das keiner glaubte, lag auch an der Verlogenheit seiner Argumentation. Nur mit der neuen Abgabe könne der Qualitätsjournalismus bewahrt werden, behauptete er – und führte dann wenig später als Praxisbeispiel ausgerechnet das Recht von RTL an, die gestern aufgetauchten Nacktbilder von Lena Meyer-Landrut in Eigenregie und exklusiv zu vermarkten.

An drei Tagen wurde in den Räumen der Media City diskutiert.

Da musste selbst FDP-Politiker Stephan Thomae einschreiten: Ein mögliches Gesetz, wie die Verleger es fordern, garantiere „Schutz, aber keine Qualität“, merkte er an.

Was niemand auf dem Podium erwähnte: Der Qualitätsjournalismus befand sich schon lange vor Google und Internet im Niedergang. Wenn jemand diesen zu verantworten hat, dann die Verlage selbst. Wenn jemand dafür zuständig ist, Journalismus im Netz profitabel zu machen, dann sind das ebenfalls die Verlage – und nicht die Politik.

Angesichts der heftigen Attacken, die RTL-Gründer Helmut Thomas tags zuvor gegen die öffentlich-rechtlichen Sender gefahren hatte, musste noch ein anderes Versäumnis an Keeses Argumentation fast putzig erscheinen. Er vergisst nämlich einen naheliegenden Fakt: Niemand hat die Verleger gezwungen, ihre Inhalte kostenlos im Netz anzubieten. Aber jetzt, wo sie merken, dass sich das nicht rechnet, schreien sie nach der Politik. Das erinnert verdächtig an eben jene Strategie, die die Verleger den Öffentlich-Rechtlichen immer vorwerfen (Stichwort: Drei-Stufen-Test): erst ein Angebot schaffen, und dann das Publikum auf Gedeih und Verderb dazu zwingen, dafür auch den Geldbeutel zu öffnen.

Vergleichbare Versäumnisse (und wie überall auch hier: reichlich Nostalgie) gab es auch bei der dritten Veranstaltung. Auch im Studio 5 musste man vermuten, dass ein sehr zynischer Kobold bei der Ausgestaltung des Ortes seine Finger im Spiel hatte. Denn an einer Wand lehnte, im Rücken der Zuhörer, aber stets im Blick der Referenten, eine übriggebliebene Kulisse vom Großen Volksmusikquiz. Das war vielleicht die beste Antwort auf die Frage „20 Jahre danach – Was schauen die Ostdeutschen heute?“

Das ist wohl die Antwort auf die Frage nach den TV-Vorlieben der Ostdeutschen.

Sonst gab es wenig Erhellendes. Die Ostdeutschen verbringen im Schnitt mehr als vier Stunden pro Tag vor dem Fernseher, das sind 45 Minuten mehr als im Westen. Das überrascht aber nicht, weil es eben mehr Alte und Arme im Osten gibt – und die haben genug Zeit zum Fernsehen beziehungsweise kaum Möglichkeiten für eine andere Freizeitgestaltung.

Ansonsten lauteten die Thesen: „Man muss die Kirche im Dorf lassen“, „Bayern wollen auch ein anderes Programm als Fischköppe“ und „Der MDR ist ein toller Sender“. Die letzte Frage von Moderator Joachim Huber (Tagesspiegel) war wohl als Witz gemeint: Ob die deutsche Einheit nun so weit sei, dass Wolfgang Lippert doch wieder als Nachfolger von Thomas Gottschalk taugen würde? „Silbereisen!“ kam da ein Zwischenruf aus dem Publikum. Ein schönes Schlusswort.


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