Die Gewinner und Verlierer der EM-Vorrunde


Mario Gomez. Nicht mehr im Bild: Gurken. Foto: obs/HUGO BOSS Fragrances

Mario Gomez. Nicht mehr im Bild: Gurken. Foto: obs/HUGO BOSS Fragrances

Auf dem Weg zum Titel ist Halbzeit bei der EM. Wer hat in der Vorrunde enttäuscht, wer trumpfte groß auf? Ich zeige die besten Spieler, die schwächsten Teams und die wichtigsten Trends.

Gewinner 1: Deutschland

Alle Qualifikationsspiele gewonnen, alle Vorrundenspiele gewonnen – die DFB-Elf ist auf dem Papier so gut wie noch nie. Als einziges Team der EM hat Deutschland neun Punkte in der Vorrunde geholt. Auch die neue Spielweise, die weniger von Hurra-Stil und mehr von Effektivität geprägt ist, dürfte den Konkurrenten klar machen: Diesmal soll der Titel her!

Gewinner 2: Die Routiniers

Der Schwede Olof Mellberg, der schon seine vierte EM spielt, glänzte als Torschütze, der 35-jährige Andrej Schewtschenko sicherte sich in seinem Heimatland endgültig den Status als Fußballgott. Auch sonst wussten die Oldies bei der Europameisterschaft zu überzeugen. Shay Given (36) war im irischen Tor zuverlässig wie immer, Steven Gerrard (32) zog im englischen Mittelfeld gekonnt die Fäden und glänzte im letzten Spiel auch noch als Vorbereiter des entscheidenden Tors, der Russe Andrey Arshavin (31) erlebte in Polen und der Ukraine seinen zweiten Frühling. Auch Spaniens Mittelfeldstratege Xavi (32) bewies, dass man mit Ü30 noch Top-Leistungen bringen kann. Der vielleicht beste der Alten Herren bisher: Andrea Pirlo (33), der schon in der Serie A eine extrem starke Saison gespielt hat und nun an diese Leistungen anknüpft. In jedem Fall haben die Altstars bisher für mehr Furore gesorgt als die Talente. Denn ein Shootingstar bei der EM ist bisher nicht in Sicht.

Gewinner 3: Der Chip im Ball

Bis auf die überzogenen Vorwürfe aus Kroatien gegen Wolfgang Stark nach dem 0:1 gegen Spanien und die schwache Leistung von Carlos Velsaco Carballo im Eröffnungsspiel gab es nichts zu meckern: Die Referees leisteten sich nicht nur keine größeren Fehlentscheidungen, sondern strahlten auch fast immer Souveränität und Ruhe aus. Dass es in 24 Partien bisher erst eine Rote Karte gab (2008 waren es zu diesem Zeitpunkt schon drei), spricht ebenfalls für Schiedsrichter, die das Geschehen im Griff haben. So kann es weitergehen, hätte man meinen können, wäre da nicht das Detail, dass der Ukraine im letzten Spiel ein klarer Treffer nicht anerkannt wurde, weil der Torrichter nicht sah, dass der Ball hinter der Linie war. Wenn man die Schiri-Teams schon auf fünf Mann pro Spiel aufbläht und extra einen Referee auf die Torlinie stellt, dann darf so etwas nicht passieren. Dieser Fehler überlagerte die vielen guten Schiedsrichter-Auftritte der Vorrunde und war der letzte Beweis: Der Chip im Ball ist die bessere Lösung.

Gewinner 4: Mehmet Scholl

Als ARD-Experte sorgte er mit seiner Kritik an Mario Gomez trotz dessen Siegtors im Spiel gegen Portugal für Wirbel. Scholl bewies nicht nur Größe, weil er sich danach nicht stur auf Gomez einschoss, sondern ihn nach dem starken Spiel gegen Holland lobte. Der Ex-Bayern-Profi hat auch sonst zumindest gelegentlich etwas Substanzielles zur Spielanalyse beizutragen – was man von seinem Kollegen Oliver Kahn im ZDF bei Gott nicht behaupten kann. Auch wenn Scholl nicht immer richtig liegt, hat er während der EM doch deutlich an Profil gewonnen.

Gewinner 5: Mario Gomez

Auch sein souveräner Umgang mit der Häme von Scholl hat zur bärenstarken EM-Vorrunde von Mario Gomez beigetragen. Der FC-Bayern-Star hat Deutschland gegen Portugal und Holland zum Sieg geschossen und gegen Dänemark die Führung vorbereitet. Egal, was jetzt noch im Turnier passiert: Das Image vom Gurken-Mario, das ihm nach der letzten EM anhaftete, hat der 26-Jährige nun auch in der Nationalmannschaft endgültig abgelegt.

Gewinner 6: Die Offensive

Wer befürchtet hatte, die Chelsea-Schule werde zur neuen Erfolgsstrategie im europäischen Fußball, sieht sich nach der EM-Vorrunde erfreulicherweise getäuscht. 60 Tore fielen in der Vorrunde, das waren drei mehr als beim letzten EM-Turnier zu diesem Zeitpunkt und im Schnitt 2,5 pro Spiel. Zudem gab es in Polen und der Ukraine bisher kein einziges 0:0. Das macht Lust auf mehr.

Gewinner 7: Sami Khedira

Bastian Schweinsteiger glänzte mit zwei Torvorlagen im Prestigeduell gegen Holland. Doch ansonsten reißt mittlerweile Sami Khedira die Chefrolle im Mittelfeld an sich. Der 25-Jährige von Real Madrid gibt den Takt vor, schließt Räume, erobert viele Bälle und taucht immer wieder gefährlich vor dem gegnerischen Tor auf. Wie hoch diese Leistung einzuschätzen ist, wird vor allem klar, wenn man zur letzten EM zurückschaut. Da musste sich Khedira noch mit Konkurrenten wie Tim Borowski, Thomas Hitzlsperger oder Simon Rolfes um seine Position streiten – der beste Beweis dafür, was er mittlerweile für eine beeindruckende Entwicklung hingelegt hat.

Gewinner 8: Die Bundesliga

Nicht nur die starken Auftritte der DFB-Elf waren bisher Werbung für Fußball made in Germany. Unter den Top10 der Torjäger stehen mit Mario Gomez, Mario Mandzukic und Petr Jiracek drei Bundesligaspieler – Spanien und England sind jeweils nur zweimal vertreten. Unter den insgesamt 47 Bundesliga-Profis, die für die EM nominiert waren, haben sich beispielsweise auch Jakub Blaszczykowski (Dortmund) oder William Kvist (Stuttgart) international noch mehr ins Rampenlicht gespielt.

Gewinner 9: Griechenland

Gemeinsam mit Irland galten die Griechen vor der EM sicher als schwächstes Team. Doch mit dem Minimalismus, der Griechenland vor acht Jahren den Titel einbrachte, hat sich die Mannschaft unter dem portugiesischen Trainer Fernando Santos ins Viertelfinale gekämpft: Nur ein Sieg und ein Torverhältnis von 3:3 reichten dafür. In der krisengeschüttelten Heimat hat das für seltene Glücksgefühle gesorgt – wenn sie jetzt ordnungsgemäß im Viertelfinale gegen Deutschland ausscheiden, gönnt ihnen wohl jeder diesen Erfolg.

Gewinner 10: Die Spannung

13 der 19 Vorrundenspiele, bei denen es einen Sieger gab, wurden nur mit einem Tor Vorsprung gewonnen. Das zeigt die Ausgeglichenheit der Gruppen und sorgte für reichlich Nervenkitzel: Spiele wie Schweden gegen England oder Kroatien gegen Spanien boten tolles Spektakel für die Zuschauer.

Verlierer 1: Umbro

Nur eins von drei Teams, die bei der EM in Trikots des englischen Ausrüsters aufliefen, hat die Vorrunde überstanden: England. Schweden und Irland sind dagegen gescheitert, damit hat Umbro die schlechteste Quote aller Ausrüster. Am besten läuft es bisher für Puma, das beide Teams (Tschechien und Italien) weiter im Rennen hat. Adidas hat mit Griechenland, Spanien und Deutschland drei von sechs Teams in die K.o.-Runde gebracht. Von fünf Nike-EM-Teams stehen mit Portugal und Frankreich nur noch zwei im Viertelfinale.

Verlierer 2: Spanien

Die Vorrunde des Titelverteidigers war solide, trotzdem dürften die Gegner den Spaniern künftig mit etwas weniger Ehrfurcht begegnen. Italien und Kroatien hatten die Iberer am Rande einer Niederlage. Besonders blöd: Selbst wenn Spanien sich noch steigert und erneut Europameister wird, dann mit dem falschen Wappen auf der Brust. Peinlich.

Verlierer 3: Mesut Özil

Als Kreativ-Zentrale des deutschen Mittelfelds bleibt Özil bisher blass. Eine Torvorlage, kaum gelungene Aktionen, wenig Torgefahr – so sieht seine Vorrundenbilanz aus. Natürlich hat er damit zu kämpfen, dass die DFB-Elf etwas vorsichtiger agiert und die Gegner sehr defensiv gegen Deutschland agieren. Aber von einem Spieler, der Leistungsträger bei Real Madrid ist, muss man mehr erwarten können – zumal mit Mario Götze und Marco Reus gute Alternativen bereit stehen.

Verlierer 4: Das Fair Play

Das längst etablierte Gentlemen’s Agreement, dass der Ball ins Aus gespielt wird, wenn ein Spieler verletzt auf dem Feld liegt, scheint bei dieser Europameisterschaft nicht mehr zu gelten. Gleich reihenweise wurde in solchen Situationen in der Vorrunde weitergespielt, bis der Schiedsrichter eingriff. Schade.

Verlierer 5: Holland

Als Mitfavorit ins Turnier gegangen, mit null Punkten nach Hause gefahren – katastrophaler kann eine Bilanz nicht ausfallen. Das wirklich Peinliche daran: Die Niederlande enttäuschten nicht nur mit ihren Ergebnissen, sondern auch spielerisch. Zudem hatte Oranje in keinem Spiel den Spirit, um bei diesem Turnier ernsthaft etwas zu reißen. Dass auch Trainer Dick Advocaat mit Russland vorzeitig die Koffer packen muss, macht die Vorrunden-Schmach für unsere Nachbarn perfekt.

Verlierer 6: ARD und ZDF

Mehmet Scholl wurde nach seiner Kritik an Mario Gomez zur Zielscheibe. Im ZDF mussten sich Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn gleich im Doppelpack ihre mangelnde Kompetenz vorwerfen lassen. Bei den Interviews nach den EM-Spielen überbieten sich die Reporter gegenseitig mit möglichst sinnfreien Fragen. Wolf-Dieter Poschmann hat es noch immer nicht nötig, sich vor einer EM-Partie wenigstens die korrekten Namen der Spieler zu merken. Eine gute Berichterstattung sieht anders aus. Wenn man sich nicht auf die Zeit beschränkt, in der der Ball rollt, kann einem das durchaus den EM-Spaß verderben.

Verlierer 7: Die Gastgeber

Es war klar, dass Polen und die Ukraine den Heimvorteil nutzen mussten, um die Vorrunde zu überstehen. Dass es keiner von beiden schaffte, ist trotzdem enttäuschend, ebenso wie das Abschneiden für den Ostblock insgesamt, der nur noch Tschechien im Rennen hat. Vor allem den Polen wäre in einer relativ einfachen Gruppe und mit ihrer starken Dortmund-Achse mehr zuzutrauen gewesen. Immerhin: Polen und die Ukraine haben zusammen mehr Punkte geholt (5) als die Schweiz und Österreich bei der letzten EM (4).

Verlierer 8: Die Tradition

Ein Fußballer trägt schwarze Schuhe. Zumindest beim Tischkicker ist das so, bei Fritz Walter, Franz Beckenbauer und Lothar Matthäus war das so und das ist es wohl auch noch, wenn Kindergartenkinder die Bilder ihrer Helden malen. Die Realität der EM sieht anders aus. Beispielsweise das Spiel zwischen Deutschland und Dänemark sah auf Höhe der Grasnarbe aus wie ein Park voller Kanarienvögel. Der einzige Akteur mit schwarzen Fußballschuhen auf dem Platz war der Schiedsrichter. Unschön.

Verlierer 9: Der Modus

Die Regelung, bei Punktgleichheit den direkten Vergleich zu werten, sorgte zwar für viel Spannung. Es fühlt sich trotzdem seltsam an, wenn Deutschland mit sieben Punkten auf dem Konto in der Blitztabelle noch um den Viertelfinal-Einzug zittern muss. Kroatien hatte bis zum letzten Gegentor gegen Spanien in einer Gruppe mit den letzten beiden Weltmeistern fünf Punkte geholt und wäre trotzdem ausgeschieden – ungeschlagen. Gerecht erscheint das nicht immer, und verständlich für den Fan schon gar nicht.

Verlierer 10: Nicklas Bendtner

Für Dänemark zwei Tore gemacht – die EM-Bilanz von Nicklas Bendtner wäre eigentlich mehr als ordentlich gewesen. Aber mit seinem Unterhosenblitzer machte er den guten Eindruck auf dem Platz zunichte. Die Affäre zeigte einerseits, dass die Uefa keinen Spaß versteht, wenn es ums Geld geht. Sie brummte dem Stürmer ein Spiel Sperre und 100.000 Euro Strafe auf und sorgte damit unfreiwillig dafür, dass die unerlaubte Werbung auf Bendtners Unterhosenbund noch mehr Aufmerksamkeit bekam. Andererseits machte auch Bendtner klar, dass bei ihm der Sport nicht an erster Stelle steht – das dürfte wenig hilfreich sein bei der Suche nach einem neuen Verein.

Die zehn Gewinner und Verlierer der Vorrunde gibt es als Fotostrecke auch bei news.de.

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