Die schockierende Welt von Margot Honecker


Auch 22 Jahre nach dem Ende der DDR ist sich Margot Honecker keiner Schuld bewusst. Foto: NDR

Auch 22 Jahre nach dem Ende der DDR ist sich Margot Honecker keiner Schuld bewusst. Foto: NDR

La Reina heißt der Stadtteil in Santiago de Chile, in dem Margot Honecker heute lebt. Übersetzt bedeutet das: die Königin. Und genau so führt sich die ehemals mächtigste Frau der DDR auf in ihrem ersten Fernsehinterview seit mehr als 20 Jahren.

Das Ende der DDR? Eine Verschwörung! Die marode Wirtschaft? Eine Lüge! Ihre einstigen Gegner? Banditen, Kriminelle, suspekte Elemente! Die Vorwürfe gegen sie wegen des im SED-Regime begangenen Unrechts? Majestätsbeleidigung!

Keinen Moment lang kommt die 84-Jährige in Versuchung, sich selbst zu hinterfragen. Dass ihre Macht jedenfalls nie demokratisch legitimiert war, blendet sie aus. Dass das SED-Regime auch seine eigenen Ansprüchen (und den Versprechungen der eigenen Politik, etwa nach der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte in Helsinki) niemals gerecht wurde, ficht sie auch nicht an.

Man kann sich nur wundern über ihre Positionen. Und man kann anhand ihrer spektakulären, empörenden Aussagen erkennen, wie die 90 Minuten von Der Sturz – Honeckers Ende, die ursprünglich als Dokumentation über Erich Honecker geplant waren, mehr und mehr zu einem Porträt seiner Frau wurden.

4,2 Millionen Zuschauer schalteten ein und hatten das Vergnügen zu betrachten, wie gut es Filmemacher Eric Fiedler gelungen ist, beides miteinander zu verweben. Der Sturz ist eine sehr gelungene Collage, mit Zeitsprüngen, mit wichtigen Protagonisten, mit Bildern, die Geschichte gemacht haben, und immer wieder mit Aussagen von Margot Honecker. «Sie will aufräumen mit den Lügen über sie, ihren Mann und die DDR», erklärt eine Stimme aus dem Off die Ausgangsposition für das Interview. Doch es sind gerade ihre Aussagen, die dafür sorgen, dass man am Ende von Der Sturz nicht einmal ein bisschen Mitleid haben kann mit diesem Ehepaar.

Dabei hätte der Absturz kaum tiefer sein können, den die Honeckers erlebten. Der Film macht die Rasanz beeindruckend deutlich. Noch am 7. Oktober 1989 lassen sich die Honeckers beim 40. Jahrestag der DDR feiern. Niemand hat in der Geschichte des SED-Staates so viel Macht gehabt wie Erich Honecker. Zehn Tage später wurde er von den Mitgliedern des Politbüros abserviert, genau wie er einst seinen Vorgänger Walter Ulbricht abserviert hatte. Schnell spielt Honecker keinerlei Rolle mehr im politischen Geschehen.

Die nächsten Etappen reihen eine Demütigung an die nächste: Anklage wegen Hochverrats. Verhaftung aus dem Krankenbett heraus. Asyl ausgerechnet in einem Pfarrhaus, nachdem Honecker nach seiner Freilassung niemand sonst aufnehmen wollte. Todesangst, weil sich vor der Tür eine wütende Menge versammelt, vor der ihn niemand beschützt. Flucht nach zehn Wochen in ein anderes Quartier, schließlich eine Abreise aus der DDR, die einem Spießrutenlauf gleicht. Asyl in der chilenischen Botschaft in Moskau. Erneute Anklage, diesmal wegen des Schießbefehls an der innerdeutschen Grenze. Einstellung des Verfahrens wegen Haftunfähigkeit. Abflug nach Chile, den ihm die PLO bezahlen muss. Tod am 29. Mai 1994, einsam und 12.000 Kilometer von der Heimat entfernt.

Was das für eine menschliche Tragödie war, bringt Der Sturz durchaus nahe. Der ehemalige Staatsratsvorsitzende war nach seiner Freilassung aus der U-Haft Ende Januar 1990 «der berühmteste und wahrscheinlich einzige Obdachlose der DDR», sagt Ralf Romahn, der Volkspolizist, der für die Vernehmung Honeckers zuständig war. Honecker wurde behandelt «wie eine heiße Kartoffel», sagt Uwe Vollmer, der Pastor, der die Honeckers schließlich bei sich aufnahm und zehn Wochen lang beherbergte. Von «Pogromstimmung» spricht ein Augenzeuge, der Honeckers letzte Stunden in Deutschland miterlebt hat.

Unendlich einsam müssen sich Erich und Margot Honecker in diesen Tagen gefühlt haben, missverstanden, von allen verraten. «Die DDR war für mich mein Leben. Es ist eine Tragik, dass es dieses Land nicht mehr gibt», gesteht Margot Honecker an einer Stelle der Dokunentation. Ihr Mann hatte als junger Kommunist zehn Jahre Gestapo-Haft überstanden. Nun musste er fürchten, vom eigenen Volk gelyncht zu werden, in dem Land, das er mit aufgebaut hatte. Was muss das für ein Gefühl sein – vor allem für einen Mann, der von seiner Umgebung als «schlichtes Gemüt» beschrieben wird? Der Sturz lässt die Antwort nur erahnen. Vor allem aber lässt die Doku kein Bedauern zu. Denn dafür ist Margot Honecker in ihrem Rückblick zu eiskalt, schamlos, unmenschlich.

«Es gab keinen Schießbefehl, sondern nur Waffengebrauchsbestimmungen», doziert sie. Und macht dann deutlich, all jene, die auf Fluchtversuchen ihr Leben verloren haben, seien schließlich nicht gewzungen worden, «über die Mauer zu klettern. Diese Dummheit mit dem Leben zu bezahlen, das ist schon bitter.» Es ist der Höhepunkt von ganz viel Borniertheit. Bei solchen Sätzen bleibt einem als Zuschauer die Spucke weg – man mag sich kaum vorstellen, wie sich die Angehörigen der Opfer bei solchen Zitaten fühlen mögen.

Dabei präsentiert sich die ehemalige Ministerin für Volksbildung durchaus geistig fit und sogar rhetorisch trickreich. Aber sie ist verblendet, gefangen in ihrer eigenen Ideologie. Auch eine Generation nach dem Ende der DDR und dem Untergang des Kommunismus spricht sie von Klassenkampf und Konterrevolution. Den Mauerfall nennt sie «besorgniserregend», ihren Hass auf Gorbatschow kann sie kaum verhehlen.

Vor allem aber zeigt Margot Honecker, die mittlerweile von 1500 Euro Rente lebt und diesen Betrag als Schikane empfindet, nicht ein bisschen Reue. Es ist eine der Stärken der Dokumentation, dass der Film dies deutlich macht, ohne Stellung zu beziehen. Stattdessen wird die 84-Jährige direkt mit den Aussagen anderer konfrontiert, umgekehrt antworten beispielsweise Opfer des DDR-Regimes auf ihre Interview-Zitate. «Es wurden Fehler gemacht», gibt Margot Honecker zu, aber sie übernimmt nicht die geringste persönliche Verantwortung. Wenn es um Unrecht geht, dann formuliert sie im Passiv. Sie sagt «man hat» oder «du machst». Nur einmal sagt sie «ich», als sie erklärt, wie sie mit angeblich ungerechtfertigten Vorwürfen umgeht: «Da habe ich einen Panzer.»

Nur eine Schwäche hat Der Sturz: Der Fokus liegt so stark auf den biografischen Aspekten, dass die Rolle Honeckers während der friedlichen Revolution zu kurz kommt. Wie entscheidend es womöglich war, dass er zu Beginn des Umbruchs wegen einer Operation an der Galle außer Gefecht gesetzt war, wird nicht erwähnt. Wie sehr in der SED die Hörigkeit nach oben und die Fixierung auf den Staatschef ausgeprägt waren, was schließlich dazu führte, dass das Regime den Protesten erst tatenlos und dann fast ohnmächtig gegenüberstand, das wird allenfalls angedeutet. Wie sehr Honecker schließlich selbst von den Ereignissen (auch innerhalb seiner eigenen Partei) überrumpelt wurde, das kommt nur zwischen den Zeilen heraus.

Die Gründe dafür zeigt die insgesamt sehr gelungene Dokumentation trotzdem auf: Rund um Honecker herum wurde für ihn jahrzehntelang eine eigene Wirklichkeit aufgebaut. Erich Honecker war ein Mann, der sein eigenes Land und sein eigenes Volk nicht kannte – zudem ein Diktator, der die Wahrheit auch nicht kennen wollte. Und er schaffte es, ebenso wie seine Ehefrau, auch nach dem Ende der DDR nicht, diesen Fehler zu erkennen. «Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben», hat der DDR-Staatschef einst gesagt. Für die Mauer in den Köpfen der Honeckers gilt das in jedem Fall.

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