Draufgeschaut: Er ist wieder da


Film Er ist wieder da

Szene aus dem Film Er ist wieder da mit Oliver Masucci als Adolf Hitler

Adolf Hitler (Oliver Masucci) erwacht im Jahr 2014.

Produktionsland Deutschland
Jahr 2015
Spielzeit 116 Minuten
Regie David Wnendt
Hauptdarsteller Oliver Masucci, Fabian Busch, Katja Riemann, Christoph Maria Herbst, Franziska Wulf, Michael Kessler, Lars Rudolph, Thomas Thieme
Bewertung

Worum geht’s?

Mitten im Berlin des Jahres 2014 wacht Adolf Hitler auf, genau dort, wo früher der Führerbunker stand. Seine Uniform ist etwas lädiert, sein Ego ist allerdings intakt und seine Überzeugung, der geborene Führer für das deutsche Volk zu sein, scheint ungebrochen. Zunächst hat er einige Schwierigkeiten, zu glauben, dass er tatsächlich im 21. Jahrhundert gelandet ist. Noch schwerer fällt es allerdings den Menschen in der Hauptstadt, ihm zu glauben, dass er der echte Adolf Hitler ist. Alle halten ihn für einen Schauspieler, der seine Rolle eben mit besonderer Konsequenz durchzieht. So landet er beim Fernsehen – und erobert die Herzen der Deutschen.

Das sagt shitesite:

Als Fan des Buches von Timur Vermes hätte man kaum auf eine so gelungene Verfilmung hoffen dürfen: Er ist wieder da ist auch auf der Leinwand ein herrlich intelligentes Vergnügen. Der Film kann platt sein und schockierend, albern und subversiv. Wie das Buch hat er viele Szenen, in denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt. In keinem Moment tappt der Film in die Falle, Adolf Hitler zu verharmlosen, in keinem Moment ist andererseits der erhobene Zeigefinger so sichtbar, dass der Unterhaltungsfaktor darunter leiden würde.

Ein Glücksfall für Er ist wieder da ist Oliver Masucci in der Hauptrolle, dem das schwierige Kunststück gelingt, furchteinflößend zu sein und den Zuschauer, der die Handlung schließlich aus Hitlers Perspektive heraus erlebt, dennoch zur Identifikation einzuladen. Dass dies seine erste Kinorolle ist, erweist sich zusätzlich als Pluspunkt. Denn Regisseur und Drehbuchautor David Wnendt, der zuvor schon bei Feuchtgebiete die Verfilmung eines kontroversen Bestsellers verantwortete, reichert die Geschichte des Buches um dokumentarische Szenen an: In bester Borat-Manier lässt er seinen verkleideten Hauptdarsteller aufs echte Volk los und hält erstaunliche Reaktionen mit der Kamera fest, auf der Fanmeile, im „Deutschen Haus“ oder im Gespräch mit einem AfD-Politiker.

Das ist eine spannende Form, um die wichtigste Aussage von Er ist wieder da zu unterstützen: Wir sind so sehr in Ironie und Gleichgültigkeit gefangen, haben uns so sehr an Provokation und Anything Goes gewöhnt, dass nicht einmal ein Massenmörder, der aus tiefster Überzeugung heraus eine menschenverachtende Ideologie propagiert, uns noch erschüttern kann. Dieser Hitler wird, im Buch und im Film, nicht als Monster, Verbrecher oder Bedrohung wahrgenommen, sondern als Event, als Hofnarr, allenfalls als Freak.

Fast noch stärker als das Buch setzt die Verfilmung auf das Prinzip der Verunsicherung. Dazu trägt gleich die erste Szene bei, die nicht Hitlers Erwachen in der Hauptstadt zeigt, sondern sein Aufeinandertreffen mit einem Benimm-Trainer, bei dem er das notorische Ausbleiben eines ordentlichen Grußes beklagt. Später fragt sich Hitler, als er langsam zu begreifen beginnt, dass er in einer völlig veränderten Welt zu sich gekommen ist, ob ihm vielleicht ausländische Geheimdienste einen Streich spielen. Genau diese Fragen (Ist das ernst gemeint? Ist das real?) stellen sich dann auch die Deutschen des Jahres 2014, die ihm begegnen. Als Kino-Zuschauer ist man dem Rätseln darüber ausgesetzt, welche Szenen nun fiktional sind, welche Film im Film und welche dokumentarisch.

Mit dieser Verunsicherung ist die Basis dafür geschaffen, die eigene Perspektive zu hinterfragen, was erstaunliche Resultate zeitigt. Dieser Hitler ist natürlich schockierend. Er ist aber auch grotesk. Und er ist überzeugend. Die Zustimmung, die er erntet, speist sich aus der Sehnsucht nach Unbedingtheit, nach einer Überzeugung ohne Hintertür, auf Leben und Tod. Er ist wieder da zeigt: Solche Überzeugungen gibt es nicht mehr, und wer sie doch noch hegt, wird als Spinner betrachtet – im Hinblick auf die Nazi-Ideologie ist das erfreulich, im Hinblick auf den Einsatz für andere Ziele ist es allerdings auch ernüchternd, vielleicht beschämend.

Auch diese Botschaft überträgt Wnendt sehr überzeugend auf die Leinwand. Noch stärker wird seine Umsetzung von Er ist wieder da als Mediensatire. Das Ausmaß an Schrott im Fernsehen, das Ausmaß an Zynismus in der Medienbranche, die Skrupellosigkeit, mit der viele Massenmedien mit ihrer Macht umgehen – all das wird hier wunderbar aufgezeigt und zugleich mehrfach gebrochen (wozu auch reichlich Cameo-Auftritte beitragen). Im Vergleich zum Buch liegt der Fokus dabei etwas mehr auf Online-Kanälen: Die Szenen, in denen Tweets mit „I met Hitler“-Selfies wie ein Trommelfeuer die Leinwand durchlöchern oder etliche YouTube-Stars ihre Gedanklein zu Hitler als vermeintlichem Comedian äußern, haben dabei genau das richtige Maß an Oberflächlich- und Atemlosigkeit.

Einzig das Ende von Er ist wieder da gerät ein wenig enttäuschend. Dass es auch 70 Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs reichlich Menschen in Deutschland gibt, die rechte Überzeugungen haben, dass es einen fruchtbaren Boden für eine Neonazi-Saat gab und gibt, hat der Film auch zuvor schon deutlich gemacht. Der Verweis auf Pegida und Neue Rechte in ganz Europa, der am Ende von Er ist wieder da steht („Damit kann man arbeiten“, lautet Hitlers Einschätzung im Film), mag moralisch und politisch wichtig sein. Künstlerisch stärker wäre es gewesen, auf einen derart expliziten Schlusspunkt zu verzichten.

Bestes Zitat:

„Die Trümmer sind verschwunden. Aber die Menschen scheinen vollständig verrückt geworden zu sein.“

Der Trailer zum Film.

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