Draufgeschaut: Into The Wild


Film Into The Wild

Into The Wild Film Kritik Rezension

Chris (Emile Hirsch) lässt sein altes Leben hinter sich.

Produktionsland USA
Jahr 2007
Spielzeit 148 Minuten
Regie Sean Penn
Hauptdarsteller Emile Hirsch, Vince Vaughn, Marcia Gay Harden, William Hurt, Jena Malone, Brian Dierker, Catherine Keener, Kristen Stewart
Bewertung

Worum geht’s?

Der Weg für Chris McCandless scheint vorgezeichnet: Er hat gerade seinen College-Abschluss in der Tasche, das stattliche Einkommen seines Vaters, der bei der Nasa arbeitet, hat ihm das ermöglicht. Nun winkt dem 22-Jährigen eine gute Karriere: Job, Familie, Eigenheim. Doch Chris will, so vertraut er seiner Schwester an, „nicht länger von der Zivilisation vergiftet werden“ und macht sich deshalb auf eigene Faust auf den Weg in den äußersten Norden der USA. Niemanden hatte er zuvor informiert, den Draht zu seiner Vergangenheit und seiner Familie kappt er vollständig und nennt sich selbst nun „Alexander Supertramp“. Ein leer stehender Bus in der Wildnis wird sein neues Zuhause, wo er von dem lebt, was das Land hergibt. Er genießt diese Ungebundenheit, muss aber auch feststellen, wie hart das Überleben als Aussteiger ist – erst recht im Winter in Alaska.

Das sagt shitesite:

Man könnte Into The Wild für einen philosophischen Film halten, dessen zentrale Fragen man sich schon in der Antike gestellt hat. „Anstatt Liebe, Berühmtheit oder Geld oder Vertrauen oder Fairness, gebt mir Wahrheit“, ist einer der Wahlsprüche (von Henry David Thoreau), der Chris beeindruckt, als er auf seiner Wanderung durch Amerika und dann während der Monate im „Magic Bus“ viel Zeit zum Lesen hat. Das deutet auf die Suche nach dem Kern der Existenz hin, auf die Idee, man könne größtmögliche Freiheit gewinnen, wenn man nur von der eigenen Hände Arbeit lebt. Askese als Voraussetzung für Moral – all dies schwingt hier mit.

Doch das wäre ein Trugschluss. Die von Sean Penn verfilmte Geschichte, basierend auf einer wahren Begebenheit, die Jon Krakauer in einer Reportage aufgegriffen hat, erzählt in erster Linie nicht von der uralten Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, sondern von Amerika. Chris ist intelligent, wächst behütet und privilegiert auf, ihm steht die Welt offen. Doch der Materialismus seiner Heimat und die Oberflächlichkeit der Generation seiner Eltern öden ihn an. Amerika ist (in seiner gegenwärtigen Form) das Korsett, das er ablegen möchte, und zugleich (in seiner mythischen Variante) der Traum, dem er nachjagt. Es ist der Widerspruch zwischen Realität und Idee, zwischen System und Legende, der ihn zum Aussteiger werden lässt.

Eindrucksvoll ist Into The Wild vor allem aus zwei Gründen. Zunächst ist Christopher McCandless kein typischer Eremit. Er ist nicht frustriert und introvertiert, sondern lebensfroh und abenteuerlustig, voller Tatendrang und Wissensdurst – sonst wäre es für den Zuschauer auch kaum zu ertragen, seinem Weg in die Abgeschiedenheit zweieinhalb Stunden lang zu folgen. Zum anderen erzählt der Film die Geschichte aus Sicht seiner Schwester, die aus den Notizen in seinem Tagebuch die Reise von Chris rekonstruiert. Das ist ebenfalls ein beinahe notwendiger Kniff, denn in der Ich-Perspektive hätte diese Odyssee schnell selbstgerecht wirken können.

Der Blick der Hinterbliebenen verweist freilich auch auf die beiden größten Mängel dieses Films. Erstens wähnt sich Chris in einer Märtyrer-Rolle, er will offensichtlich Beispiel und Vorreiter sein für einen neuen Lebensstil und eine andere Welt. Aber statt diese Welt zu verändern, flieht er sie. Statt seine eigene Perspektive zu hinterfragen, sucht er eine Umgebung, in der er nur Bestätigung dafür finden kann. Das ist letztlich nicht mutig und weitblickend, sondern egozentrisch. Zweitens schafft es Into The Wild nie, die passenden Bilder für die inneren Kämpfe zu finden, die Chris wahrscheinlich mit sich ausficht. Stattdessen fällt der Film selbst auf Hobo- und Bagpacker-Romantik herein, bietet reichlich Figuren, die mit ihrer eigenen Isolation ihren Frieden gemacht haben, und reichlich schöne Landschaften. Dass selbst der Hungertod am Ende idyllisch wirkt, unterstreicht nur, dass dieser Film letztlich nicht Idealismus und Entschlossenheit feiert, sondern Naivität.

Bestes Zitat:

„Es war keine Frage, dass Chris sich absetzen wollte. Und als er es tat, tat er es mit der ihm typischen Maßlosigkeit.“

Der Trailer zum Film.

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