Draufgeschaut: Kapitalismus – eine Liebesgeschichte


Film Kapitalismus – eine Liebesgeschichte

Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte Kritik Rezension

Michael Moore nimmt die Verknüpfung von Wall Street und Regierung unter die Lupe.

Produktionsland USA
Jahr 2009
Spielzeit 120 Minuten
Regie Michael Moore
Hauptdarsteller Michael Moore
Bewertung

Worum geht’s?

Ausgehend von der schwierigen wirtschaftlichen Situation in seiner Heimatstadt Flint, Michigan, blickt Filmemacher Michael Moore auf die Frage: Warum finden wir Amerikaner eigentlich den Kapitalismus so toll, wenn er für so viele von uns doch bloß Armut, Obdachlosigkeit und Ausbeutung bereithält? Er blickt auf die 2008 kulminierende Finanzkrise und ihre historischen Ursachen, auf die engen Beziehungen zwischen Wall Street und Capitol Hill und die Frage, warum sich die Schere zwischen arm und reich in den USA immer weiter öffnet. Dabei kommen Betroffene, Manager, Geistliche und Experten zu Wort.

Das sagt shitesite:

Ach, Michael Moore! Wie immer kann man ihm bei der Wahl seines Gegners und der prinzipiellen Aufrichtigkeit seiner Mission keinen Vorwurf machen. Auch in Kapitalismus – eine Liebesgeschichte legt er mit viel Überzeugung und Leidenschaft den Finger in die Wunde und prangert Zustände an, an die sich viele von uns gewöhnt haben, die aber dennoch skandalös sind. Das Problem dabei ist, ähnlich wie in seinen früheren Filmen: Er gefällt sich viel zu sehr als Oberlehrer, zudem setzt er Methoden ein, die sich kaum von denen seiner Gegner unterscheiden.

Schon die ersten Minuten könnten kaum plumper und polemischer sein: Szenen aus dem antiken Römischen Reich werden darin der Situation in den USA unserer Tage gegenübergestellt, mit der wenig überraschenden Erkenntnis: Auch heute regieren Dekadenz, Aristokratie und Sklaverei, nur unter anderen Vorzeichen. Auch danach bleibt Kapitalismus – eine Liebesgeschichte in der Wahl seiner Mittel fragwürdig. Das gilt für den Besuch im einstmals prosperierenden Autoindustriestandort Flint, wo Michael Moore gemeinsam mit seinem Vater einen sentimentalen Blick auf verfallende Fabrikgebäude wirft, ebenso wie für den inszenierten Widerstand gegen die Polizei, als sie eine Zwangsräumung von ehemaligen Hauseigentümern durchsetzt, die im Zuge der Immobilienkrise ihr Zuhause verloren haben, oder beim Versuch, ein paar Banker an Ort und Stelle zu verhaften inklusive meterweise „Crime scene“-Polizeiabsperrung rund um die Firmenzentralen der Finanzmarkt-Großkonzerne. Erst recht gilt es in einigen Momenten, in denen der Film gefährlich mit der Suggestion flirtet, gewaltsamer Widerstand könnte das letzte verbliebene Mittel sein.

Michael Moore gelingt es in diesen zwei Stunden durchaus, wichtige Hintergründe und Fakten zu vermitteln. Zu den wichtigsten gehören die Geschichte eines quasi permanenten Krieges als Voraussetzung für die Vorherrschaft und das Wachstum des Westens, die sich mit der Präsidentschaft Ronald Reagans auf fast selbstmörderische Weise verstärkende Deregulierung des Finanzsektors, die systematische Kastration der Gewerkschaften in den USA seit den späten 1970er Jahren und die Instrumentalisierung der Religion. Vielleicht das größte Verdienst des Films ist der permanente Hinweis darauf, dass Demokratie und Kapitalismus keineswegs Synonyme sind, dass sehr wohl das eine ohne das andere vorstellbar wäre.

Aber Moore ist hat beim Überbringen dieser Botschaft mindestens drei Probleme. Erstens genügt ihm „überbringen“ nicht, er will eintrichtern. Genau wie die Leute, die er angreift, gibt er eine Perspektive vor, indem er hochgradig selektiv vorgeht, und lässt dem Zuschauer keineswegs die Möglichkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Gerade die mitunter beliebig wirkende Wahl der Beispiele, mit denen er die Verderbtheit des Kapitalismus aufzeigen möchte, schmälert dabei seine Glaubwürdigkeit, denn zu offensichtlich sind die melodramatischen Anklänge darin, zu wenig repräsentativ wirken sie zudem. Zweitens ist der Filmemacher nicht neutral, sondern ein Betroffener, ein Aktivist. Statt eine Stärke daraus zu machen, schlüpft er vor allem in den Interviewszenen allerdings immer wieder in die Rolle des vermeintlich objektiven Reporters oder des ahnungslosen Normalbürgers, der sich wundert über die Lage des Landes und die Not der kleinen Leute. Auch das wirkt letztlich nicht überzeugend oder empathisch, sondern manipulativ.

Drittens, und darin liegt die größte Schwäche von Kapitalismus – eine Liebesgeschichte, fehlt ein roter Faden ebenso wie eine sinnvolle Synthese. Das Vertrauen in die Präsidentschaft Barack Obamas, das den Film abschließt, ist gerade angesichts der hier zuvor aufgezeigten Verstrickungen von Finanzbranche und Politik, auch angesichts der offensichtlichen Lethargie der Wähler gegenüber den Tricks und Mauscheleien dieses Konglomerats, nicht weniger naiv als der Glaube, der freie Markt werde schon irgendwie Wohlstand für alle fabrizieren. Als Aktivist glänzt Michael Moore hier wieder mit viel Engagement für eine gerechte Sache. Als Filmemacher versagt er.

Bestes Zitat:

„The people who became rich in this country in the last decade were not even making the things that everybody loved. They were playing games that ended up harming everybody.“

Der Trailer zum Film.

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