Leonard Cohen – Bird On A Wire


Film Leonard Cohen – Bird On A Wire

Für "Bird On A Wire" begleitete ein Filmteam Leonard Cohen auf seiner Europatour 1972.

Für „Bird On A Wire“ begleitete ein Filmteam Leonard Cohen auf seiner Europatour 1972.

Produktionsland Großbritannien
Jahr 1974
Spielzeit 106 Minuten
Regie Tony Palmer
Hauptdarsteller Leonard Cohen, Jennifer Warnes
Bewertung

Worum geht’s?

Filmemacher Tony Palmer begleitete den damals 37-jährigen Leonard Cohen auf dessen Europatournee im Frühjahr 1972 durch 20 Städte. Seine Dokumentation zeigt den Musiker auf der Bühne, in Interviews und backstage. Mit dem Ergebnis war Cohen damals nicht einverstanden, er ließ den Film umschneiden. Erst 2010 erschien diese Fassung nach den Vorstellungen von Regisseur Tony Palmer.

Das sagt shitesite:

Die Querelen nach dem Dreh kann man leicht nachvollziehen, wenn man diese Dokumentation sieht: Es bleibt kein Zweifel daran, wie sehr Leonard Cohen – damals gerade erst zum zweiten Mal auf Tournee, und auch erst mit seinem dritten Album Songs Of Love And Hate – bereits eine Ikone war, eine Identifikationsfigur, für manche ein Messias. Zugleich zeigt Bird On A Wire unmissverständlich, wie unwohl sich der Kanadier quasi permanent in dieser Rolle fühlte. Bird On A Wire ist dabei als Film beinahe ebenso zerrissen. Der Streifen ist:

Banal: In einige Sequenzen wirken Leonard Cohen und seine Band wie Touristen. Sie besuchen das geteilte Berlin, den Eiffelturm, die Klagemauer in Jerusalem, sie genießen all das zumindest gelegentlich und Palmer scheint sich in der Rolle des Urlaubsfotografen zu gefallen.

Entlarvend: Kaum zu fassen ist im Rückblick, wie amateurhaft die Konzertreise offenbar organisiert war. Die Lautsprecheranlage war seit dem zweiten Gig defekt, sodass Cohen in einer Szene einem unzufriedenen Fan sein Geld zurück geben muss, der sich über den Klang beschwerte. Die winzigen Bühnen waren vollgestopft mit Musikern. Nach dem Konzert musste sich Leonard Cohen den Weg in die Garderobe meist durch ein reichlich zudringliches Spalier an Fans bahnen. Wenn der Bus eine Panne hat, muss die Band ein spontanes Picknick am Straßenrand einlegen und als der Kontrabass per Flugzeug transportiert werden soll, muss er mit Kopfkissen gepolstert werden, um im Frachtraum keinen Schaden zu nehmen.

Intim: Gleich dreimal ist Leonard Cohen nackt im Bild (für die Freunde des erotischen Details: beim Schwimmen im Hotelpool, unter der Dusche und in der Badewanne). Die Kamera hält auch drauf, als er von einer deutschen Schauspielerin und später von einer israelischen Sängerin ungeniert angebaggert wird (und reichlich verlegen wird, was er mit der Anwesenheit des Filmteams begründet). Nicht zuletzt gibt es am Ende sehr private Szenen, als Leonard Cohen nach dem letzten Konzert der Tournee in Jerusalem in seiner Garderobe sitzt und hemmungslos weint. Ein bisschen Erschöpfung wirkt sich da aus, viel Erleichterung am Ende der Tour und dazu ungläubige Freude und Dankbarkeit nach einer famosen letzten Show. Völlig (auf)gelöst ist Leonard Cohen in diesen Momenten, und es sind diese Szenen, in denen man ihm am deutlichsten ansieht, wie sehr er seine Lieder liebt.

Gewagt: Insgesamt wirkt Leonard Cohen in Bird On A Wire genervt, von den logistischen Unzulänglichkeiten der Tour, vor allem aber von den Versuchen, ihn zu vereinnahmen, ihn wahlweise als Philosophen, Folk-Heiligen oder Weiberhelden zu stilisieren. Schnippische Interviewsequenzen zeigen das, oder eine Szene, als er in Berlin auf der Bühne steht und das lärmende Publikum ausgerechnet mit der Frage „Wollt ihr den totalen Krieg?“ zu disziplinieren versucht. Immer wieder zeigt sich in solchen Szenen aber auch, dass Cohen einen sehr gesunden Humor hat: Er lacht gerne über sein Image, aber niemals über seine Kunst.

Spannend: Fast ebenso sehr wie ein Tourneefilm ist Bird On A Wire die Dokumentation einer höchst bewegten Zeit. Freizügig, hoffnungsvoll, politisiert, aggressiv – diese Stimmung durchweht den Film, und sie wird in der Musik wunderbar eingefangen. Dazu gehört auch die Spontaneität auf der Bühne. Herrlich ist der Moment, als Leonard Cohen erst verzweifelt angesichts eines (schon wieder) kaputten Lautsprechers und dann ein Lied über das Feedback improvisiert. Auch abseits der Shows wird gerne die Gitarre herausgeholt oder ein Lied angestimmt.

Fragwürdig: Ärgerlich ist, dass der Film immer wieder versucht, Leonard Cohen und seine Lieder zu politisieren. So suggeriert die Eingangsszene, seine Musik beschwöre beim Konzert in Tel Aviv praktisch Ausschreitungen zwischen Fans und Sicherheitskräften herauf. Auch von Journalisten wird er während der Reise immer wieder auf Politik angesprochen. Das mag verständlich sein mitten in der Amtszeit von Richard Nixon und ein ganzes Stück vor dem Ende des Vietnamkriegs. Aber trotz der bewegten Zeiten, in denen die Musiker unterwegs waren, machen die Lieder von Leonard Cohen und auch seine Interviewaussagen eigentlich unmissverständlich klar, dass man ihm mit einer solchen Kategorisierung Unrecht tun würde. Wenn man erlebt, welches Ausmaß von Intensität er in Bird On A Wire von sich selbst verlangt, wenn man hört, wie tiefgehend er sein eigenes Werk, seine Wirkung und auch das Konzerterlebnis reflektiert hat, wenn klar wird, wie gering seine Bereitschaft zu Kompromissen, Routinen oder Verstellung ist, dann kann eigentlich kein Zweifel mehr bleiben: Leonard Cohen will nicht predigen, sondern kommunizieren.

Bestes Zitat:

“All songs have a political meaning, because loneliness is a political act today. The reason why we are lonely is that we have not organized our lives so that we can meet ourselves and each other. So loneliness itself is a political act. And every song about loneliness is a political song.”

Der Trailer zum Film:

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