Draufgeschaut: Privatunterricht


Didier (Yannick Renier) hilft Jonas (Jonas Bloquet) beim Lernen.

Didier (Yannick Renier) hilft Jonas (Jonas Bloquet) beim Lernen.

Film Privatunterricht
Originaltitel Élève libre
Produktionsland Belgien/Frankreich
Jahr 2008
Spielzeit 104 Minuten
Regie Joachim Lafosse
Hauptdarsteller Jonas Bloquet, Jonathan Zaccaï, Claire Bodson, Yannick Renier, Pauline Etienne, Anne Coesens
Bewertung

Worum geht’s?

Jonas ist ein guter Tennisspieler, aber ein schlechter Schüler. Für einen brauchbaren Abschluss hat er nur noch eine Chance: Er muss in den Ferien den Stoff von drei Jahren nachholen und dann die Nachprüfungen meistern. Beim Büffeln wollen ihm Didier, Natalie und Pierre helfen, Freunde seiner Mutter, bei denen er seit der Trennung seiner Eltern lebt. Sie bringen ihm schnell Erdkunde, Mathe, Geschichte und Literatur nahe, sind aber auch sehr daran interessiert, dem Liebesleben von Jonas auf die Sprünge zu helfen. Er hat gerade das erste Mal mit einem Mädchen geschlafen – und die freizügige Beratung der Erwachsenen kommt ihm zunächst ganz recht.

Das sagt shitesite:

„Unseren Grenzen gewidmet“, steht fast unscheinbar im Vorspann von Privatunterricht, und das ist ein wichtiger Hinweis. Denn der Teenager Jonas steht in dieser seltsamen Coming-Of-Age-Geschichte immer wieder vor der Frage, wie er seine Grenzen einschätzen soll. Hat er das Zeug zum Tennisprofi oder überschätzt er sich? Ist er zu dumm für die Schule oder hat er bloß Prüfungsangst? Soll er bei seiner Schulfreundin Delphine in die Offensive gehen oder will sie nichts von ihm wissen? All das muss er ausloten, und die erwachsenen Berater, mit denen er das Haus teilt, sind ihm dabei tatsächlich eine große Stütze.

Doch nach und nach wird aus dieser Geste der Großherzigkeit eine Geschichte der Manipulation. Jonas plaudert offenherzig über sein Liebes- und Sexleben, und seine doppelt so alten Mitbewohner sind neugierig und amüsiert. Sie ermuntern ihn, sich auszuprobieren, sie geben auch schonmal ganz praktischen Anschauungsunterricht in Fellatio, und sie plaudern beim Abendessen am liebsten über Beschneidung, Klitoris und Stellungen (in jedem anderen Land als Frankreich wäre das kaum denkbar, und auch hier sind die trotz des Generationenunterschieds nicht vorhandenen Schamgrenzen gelegentlich wenig glaubwürdig). Jonas wird für sie zum Versuchskaninchen und sein eigenes emotionales Befinden bleibt dabei auf der Strecke. Die Hilfestellungen sind für die Erwachsenen nur ein Spiel, dabei stehen für Jonas tatsächlich entscheidende Weichenstellungen in seinem Leben (Was für eine Schule? Was für eine Freundin? Was für eine Sexualität?) an. Und sie nehmen ihm die Möglichkeit, seine eigenen Erfahrungen zu sammeln, seine vielleicht naiven Vorstellungen von Sex und Beziehungen selbst zu überwinden.

Die Frage nach den Grenzen wird in Privatunterricht aber noch auf zwei weiteren Ebenen gestellt: Als Jonas sich von seinem Aushilfslehrer zum Sex überreden lässt, ist das längst kein Experiment mehr, sondern Missbrauch. Wie weit kann die Freizügigkeit gehen, wie viel Rücksicht muss man auf die Unentschlossenheit eines Teenagers nehmen – der Film stellt diese Fragen vor allem durch viele Einstellungen, in denen eindrucksvoll geschwiegen wird.

Mit einem anderen formalen Mittel wird schließlich die letzte Grenze aufgezeigt: Ganz oft verharrt die Kamera in einer Einstellung, während das Geschehen längst woanders spielt. Damit zeigt der Film, wie schwierig es ist, Innenleben und Außenwelt, körperliche und emotionale Entwicklung, Wünsche und Erwartungen in Einklang zu bringen. Zudem lässt Privatunterricht viele wichtige Fragen, die sich dem Zuschauer stellen, bewusst unbeantwortet: Wie alt ist Jonas? Wo spielt die Handlung? Was hat die halbwegs Fremden dazu bewogen, ihn bei sich wohnen zu lassen? Auch das trägt zu einem filigranen Spiel mit dem Ungewissen bei und zur Botschaft: Wenn wir uns selbst nicht kennen, sollten uns erst recht nicht von anderen einreden lassen, wer wir sind.

Bestes Zitat:

„Es gibt mutige, neugierige Menschen und die anderen. Die Schwachen, die Märchen erzählen und sich belügen. Wir haben Angst vor unserer Neugier, auf andere zuzugehen. Aber die Zensur und die Verbote nützen keinem. Was immer du tust: Da, wo die Angst ist, ist auch Begehren.“

Der Trailer zum Film:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.