Draufgeschaut: Rolling Stones – Havanna Moon


Film The Rolling Stones – Havanna Moon

Havanna Moon Rolling Stones Kritik Rezension

450.000 Fans sahen die Rolling Stones in Havanna.

Produktionsland USA
Jahr 2016
Spielzeit 138 Minuten
Regie Paul Dugdale
Hauptdarsteller Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts, Ron Wood
Bewertung

Worum geht’s?

Nach dem Abtritt von Fidel Castro öffnet sich Kuba dem Westen. Als spektakuläres Symbol für diesen sanften Wandel darf nun auch eine Band in Havanna auftreten, deren Musik dort einst verboten war: die Rolling Stones. Zum Konzert am 25. März 2016 kommen 450.000 Fans, die Band spielt 22 Lieder, und zwar gratis. Die Show wurde zudem weltweit in Kinos übertragen und als DVD veröffentlicht.

Das sagt shitesite:

Vieles ist symbolträchtig an diesem Abend, und Regisseur Paul Dugdale gelingt es, das Besondere dieses Auftritts einzufangen: Die riesige Menge wird nicht nur in der Totalen eingefangen, sondern immer wieder pickt die Kamera auch einzelne, im höchsten Maße verzückte Gesichter heraus, die durch ihre Unterschiedlichkeit ebenfalls zeigen, dass dies ein Event ist, der alle vereint. Die ernome Bühne, an der wochenlang gebaut wurde, wird noch ein bisschen gigantischer, wenn man weiß, wie schwierig so etwas in Kuba auf die Beine zu stellen ist. Nicht zuletzt ist auch die Band selbst weit von Routine entfernt: Die Rolling Stones haben genauso lange über das Musikgeschäft regiert wie Fidel Castro einst über dieses Land, und man merkt ihnen an, dass Kuba einer der wenigen weißen Flecken auf ihrer persönlichen Landkarte ist, den sie nun unbedingt erobern wollen. „Wir sind hier, endlich“, sagt Mick Jagger zur Begrüßung – auf Spanisch, und so, als hätte er ebenso sehr auf diesen Tag gewartet wie die Fans.

Die Kubaner feiern die Stones, sie feiern sich selbst und die Geschichte, die in diesem Moment gemacht wird. Das ist nicht erst klar, als Satisfaction nach knapp zwei Stunden als obligatorische Zugabe erklingt. Das Lied wird nicht bejubelt, weil es so gut gespielt ist (oder wegen des Twerks von Mick Jagger und Backgroundsängerin Sasha Allen), sondern weil es hier gespielt wird, an diesem Ort, von diesen Männern, an diesem Abend. Schon zuvor tragen beide Seiten, die Band auf der Bühne und die Fans davor, zur gegenseitigen Überhöhung bei. Glücklicherweise begeht Havanna Moon nicht den Fehler, diesem Kontext zu viel Raum zu geben. Abgesehen von ein paar Bildern aus der Stadt und aus dem Publikum konzentriert sich der Film auf das, was schließlich auch an diesem Abend zählt: die Show.

Der Auftakt ist natürlich Jumping Jack Flash, auch wenn das legendäre Riff zunächst verschleiert wird. Dann erklingt It’s Only Rock’N’Roll, als wollten die Stones sich selbst daran erinnern, dass an diesem Abend keineswegs die Politik die Hauptrolle spielen sollte, und zugleich vorführen, wie kraftvoll und aufrührerisch diese Musik sein kann, wie viel mehr als bloß Musik. Jenseits des historischen Moments ist das der beeindruckendste Effekt von Havanna Moon: Der Sound der Rolling Stones ist auch an diesem Abend unfassbar lebendig, sogar ein wenig ramshackle – ein herrlicher Kontrast zu dem Mega-Aufwand und dem Mega-Business, das jedes Konzert der Band mittlerweile begleitet.

Out Of Control wird extrem spannend, Angie ist wundervoll gesungen, Midnight Rambler wird so schillernd und extravagant wie die Sneakers von Ronnie Wood, eine ausufernde, irre Performance. Paint It Black klingt zumindest am Anfang tatsächlich noch wie ein Lied, das die Welt zum Einstürzen bringen könnte, zu Brown Sugar wird die kubanische Flagge auf die Bühne geholt, für Sympathy For The Devil schlüpft Mick in seine rote Pelzjacke als Mephisto-Kostüm, in You Can’t Always Get What You Want greift er zur Gitarre, was den Song am Anfang klassisch und erhaben klingen lässt, am Ende wie einen Karneval.

Keith Richards weilt derweil offensichtlich in seiner ganz eigenen Welt. Es gibt von ihm spontane und wahllose Gesten der Kumpanei mit den Bandkollegen, auch die Bewegungen, die er an und mit der Gitarre vollführt, haben wenig Einfluss auf das, was man hört. Manchmal scheint er komplett zu vergessen, dass vor seiner Hüfte eine Gitarre hängt, manchmal betrachtet er das Instrument mit Verblüffung oder Skepsis. Das ist entweder die wenig verwunderliche Folge seines mittlerweile 72 Jahre währenden Lebenswandels oder eine grandiose Art, das eigene erratische Image zu pflegen. Oder beides.

Trotz der erfreulichen Fokussierung auf die Musik gelingt es Havanna Moon dabei doch, der Verbundenheit nachzuspüren, die diesen Abend prägt. Sie ist in einer Verwandtschaft begründet, die nicht allzu schwer zu erkennen ist: Die Rolling Stones waren mal gefährlich und wollten eine Revolution anzetteln, ebenso wie Kuba. Heute darf man sich bei beiden die Frage stellen, wie lange sie noch bestehen und wie lange sie noch besonders sein werden. Nicht zuletzt beruht diese Verbundenheit aber auf der unwiderstehlichen Wirkung der Musik und ihrer universellen Botschaft: Rock’N’Roll soll Gemeinschaft sein, Lebensfreude, Verrücktheit, Sex und Freiheit. Die Kubaner wussten das sicher schon immer, aber an diesem Abend bekommen sie auch den Beweis geliefert: Der Klassenfeind hat die besseren Bands.

Bestes Zitat:

„It’s going to be a liberation, musically.“ (Keith Richards)

Eines der Highlights: Kuba gerät Out Of Control.

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