Durchgelesen: Adrian McKinty – „Die verlorenen Schwestern“


Autor Adrian McKinty

Einen IRA-Boss jagt der Ermittler in "Die verlorenen Schwestern".

Einen IRA-Boss jagt der Ermittler in „Die verlorenen Schwestern“.

Titel Die verlorenen Schwestern
Otiginaltitel In The Morning I’ll Be Gone
Verlag Suhrkamp Nova
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

„Endlich!“, so möchte man ausrufen. Ein Krimi, der nicht durch einen ach so besonderen Kommissar beeindrucken will, sondern durch ein sehr geschickt gewähltes Setting begeistert! Zumindest wird es all jenen so gehen, die Inspector Sergeant Sean Duffy (so wie ich) erst jetzt entdecken (Die verlorenen Schwestern ist allerdings schon der dritte Band in einer Reihe rund um diesen Ermittler, auf Englisch liegt mittlerweile sogar bereits ein vierter Teil vor). Auch allen anderen sei der Roman wärmstens empfohlen. Als „den bisher besten Duffy“ hat ihn die Sunday Times gelobt.

Egal ob Fan oder Novize: Man muss Adrian McKinty, geboren 1968 in Belfast und mittlerweile in Melbourne zuhause, herzlich danken für das Erfinden dieser Figur, die abgebrüht und schnoddrig ist, aber ansonsten beinahe normal. Das hebt ihn wohltuend von anderen Krimihelden voller Neurosen, Traumata und dunkler Geheimnisse ab. Sean Duffy hat noch Kontakt zu beiden Elternteilen, er hat (zumindest ab und zu mal) eine Frau, ein halbwegs intaktes soziales Umfeld und eine vergleichsweise unspektakuläre Vergangenheit. Er trinkt, wie es an einer Stelle heißt, auch nicht mehr als alle anderen. Und er schaut, bevor er in seinen BMW steigt, stets am Unterboden nach, ob dort vielleicht eine Bombe versteckt ist.

Denn das ist das besondere Setting: Nordirland 1983, Bürgerkrieg. Sean Duffy ist katholisch und wollte unmittelbar nach dem blutigen Sonntag selbst zur IRA. Jetzt arbeitet er für die Briten. Diese Entscheidung verweist auf die vermutlich einzig gestörte Beziehung, die er hat: die zu seiner Heimat. „Ich hegte keine Liebe zu dem Land. Es war gerade gut genug für die Asche meiner Zigarette und den Dreck von den Absätzen meiner Schuhe“, bekennt er kurz vor dem Ende von Die verlorenen Schwestern.

Zu diesem Zeitpunkt hat Sean Duffy, den Elmar Krekeler in Der Welt mal die „vielleicht coolste Nummer, die jemals Dienst getan hat in der britischen Kriminalliteratur“ genannt hat, eine ziemlich turbulente Zeit hinter sich. 38 IRA-Terroristen sind aus einem Hochsicherheitsgefängnis ausgebrochen, unter ihnen auch Dermot McCann, Bombenspezialist, mutmaßlicher Anführer der Ausbrecher und ehemaliger Schulfreund von Sean Duffy.

Der Geheimdienst setzt auf diese alte Verbindung und beauftragt Duffy mit der Suche nach McCann. Der ist untergetaucht, doch seine Ex-Schwiegermutter könnte eine Spur zu ihm kennen. Sie verspricht Duffy, ihm zu helfen, stellt aber eine Bedingung: Der Polizist soll herausfinden, was hinter dem Tod ihrer Tochter Lizzie steckt. Vier Jahre zuvor war ihre Leiche in einem von innen verriegelten Pub gefunden worden. Unfall oder Mord?

Adrian McKinty packt also zwei Fälle in einem in dieses Buch – und etliche Anspielungen. Ein Kapitel heißt wie ein Roman von Hemingway, auch sonst gibt es etliche literarische Querverweise, nicht zuletzt ist der verschlossene Raum, in dem Lizzie ums Leben kommt, ein klassisches Krimi-Motiv. Dazu kommt eine sehr dichte Atmosphäre, im beinahe gleichen Maße getrübt vom irischen Mistwetter und der sozialen Kälte der Thatcher-Ära. „Ich zog die Vorhänge auf. Wieder mal ein spülwasserfarbener Himmel, und der Regen fiel so langsam, dass man sich fragte, ob er überhaupt jemals unten ankam. So als müsse man ihn aus den Wolken zerren, um einen weiteren trüben Tag in Ulster zu wässern“, ist eine typische Passage dazu.

Dass Adrian McKinty die politische Dimension dieses Romans sehr deutlich macht, aber nie überstrapaziert, ist eine der Stärken dieses Krimis. Er wählt einen unspektakulären, fast sachlichen Duktus, der sehr gut zum Pragmatismus passt, den die Figuren in diesem Roman nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs an den Tag legen.

Nie verliert der Autor seinen Fall aus dem Blick, und das hat einen zweiten beeindruckenden Effekt: Die verlorenen Schwestern funktioniert völlig für sich, man muss nicht die zwei vorherigen Sean-Duffy-Krimis kennen, um in den vollen Genuss der Lektüre zu kommen, und man hat nie den Eindruck, hier bloß einen Ausschnitt eines größeren Ganzen vorgesetzt zu bekommen, bei dem der Autor sich bewusst ein paar Schmankerl für spätere Folgen aufgehoben hat. Lust darauf, auch die anderen Fälle von Sean Duffy kennen zu lernen, hat man nach Die verlorenen Schwestern aber definitiv.

Bestes Zitat: „Wenn die Krankheiten der Moderne Angst und Eintönigkeit waren, dann hatten wir in Nordirland das Gegenmittel entdeckt. Die Allgegenwart des Todes presste Ambitionen, Sorgen, Ironie, Langeweile zu einem einzigen Wort zusammen. Leben! Zu leben war Wunder genug.“

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