Durchgelesen: Åke Edwardson – „Das dunkle Haus“


Einen Dreifachmord muss Kommissar Winter in "Das dunkle Haus" aufklären.

Einen Dreifachmord muss Kommissar Winter in „Das dunkle Haus“ aufklären.

Autor Åke Edwardson
Titel Das dunkle Haus
Verlag Ullstein
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Früher war Erik Winter der jüngste Kriminalkommissar in Schweden. Nach einer perfiden Attacke auf seine eigene Familie brauchte er eine Auszeit und zog für zwei Jahre mit seiner Frau und den beiden Töchtern nach Spanien. Jetzt kehrt er zurück nach Göteborg, als 52-Jähriger, der meint, schon alles gesehen zu haben – und der gerade deshalb einen Instinkt für das Böse entwickelt hat.

Mit diesem Comeback beginnt Åke Edwardson, einer der weltweit erfolgreichsten Krimiautoren, den elften Teil seiner Erik-Winter-Reihe. Aus dem Tausch der andalusischen Sonne gegen das frostige Grau in Göteborg erwächst die erste Spannung in diesem Roman: Muss Erik Winter zurück? Will er? Warum? Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. „Er wusste, dass etwas Entsetzliches geschehen würde, wenn er in den Norden zurückkehrte, etwas, das er noch nie erlebt hatte. Es zog ihn an. Es wartete auf ihn.“

Es sind diese beinahe übersinnlichen Kräfte, die Kommissar Winter auch in Das dunkle Haus auszeichnen und die sich wie ein roter Faden durch das Buch ziehen. Man könnte es für Faulheit des Autors halten, seinen Helden derart auszustatten, schließlich hätte er so eine einfache Methode, sich über Logik und harte Ermittlungsarbeit hinwegzusetzen. In der Tat erkennt Erik Winter mehrfach quasi telepathisch den entscheidenden Moment, den wichtigen Ort, den verdächtigen Zeugen. Er träumt sogar Hinweise zur Tat. „Er wusste es. Es war jetzt, es war hier. Er wusste, wie nur Narren und Kinder etwas wissen können“, wird diese Gabe an einer Stelle umschrieben.

Freilich ist Edwardson schlau und routiniert genug, um nicht in diese Falle zu tappen und derlei Tricks nicht nötig zu haben. Er entwickelt einen Fall, der nicht Gefühligkeit braucht, sondern ein gerütteltes Maß an Abgebrühtheit: Sandra Mars und zwei ihrer Kinder wurden umgebracht, erst drei Tage später findet man die Leichen in einem einsamen Haus. Das kleinste Kind der Familie, ein Baby, hat der Täter erstaunlicherweise am Leben gelassen. Mehr noch: Jemand muss es in der Zwischenzeit versorgt haben, sonst hätte es nicht tagelang ohne Essen und Trinken überleben können.

Verdächtige gibt es schnell reichlich. War es der psychotische Neonazi Christian Runstig? Der Ehemann Jovan Mars, der sich kaum um seine Familie kümmert? Der Postbote, der nicht nur wegen seines üppigen Alkoholkonsums suspekt wirkt? Edwardson schafft es, in diesem Geflecht auf mehreren Ebenen die großen Themen Tod, Verantwortung und Familie zu behandeln und Das dunkle Haus dabei bis zur letzten Seite spannend zu halten.

All das sorgt für mehr als solides Lesevergnügen, das alle Erik-Winter- und Åke-Edwardson-Fans glücklich machen dürfte. Bei allem Hokuspokus, bei aller Grausamkeit des Falls, bei allen auf ihre jeweils eigene Weise kaputten Figuren und bei allen Finten im Plot ist es natürlich auch hier der Kommissar, der das Buch trägt. Mit einer Vorliebe für Whisky, Jazz und Kopfschmerzen wirkt er wie der Prototyp des eigenbrötlerischen Ermittlers. Aber er ist natürlich kein gewöhnlicher Kommissar, erst recht ist Das dunkle Haus kein gewöhnlicher Fall.

Das esoterische Moment, das sich nicht nur in den speziellen Vorahnungen von Kommissar Winter zeigt, sorgt dabei für zusätzliche Gänsehaut. Der Schauplatz des Dreifachmords ist denkbar düster, der Originaltitel des Krimis macht daraus sogar Das Haus am Ende der Welt. „Es war das einzige Haus, das im Schatten lag, und das würde sich nicht ändern. Selbst wenn man es abrisse, würde die Erde für immer schwarz bleiben“, heißt es zum Tatort. Dazu kommen schon früh in Das dunkle Haus Andeutungen auf spukhafte Schatten, die die gesamten Ermittlungen begleiten, ebenso wie auf ein großes Komplott, das vielleicht hinter den Morden steckt.

Auch in der Form spiegelt sich das wider: Am Anfang ist nicht klar: Welcher Person folgen wir hier gerade? An welchem Ort? Auf welcher Zeitebene? Auch danach wechselt in diesem Krimi oft der Blickwinkel, der Erzähler kriecht fast unbemerkt in die Köpfe verschiedener Personen. Sogar die Typografie wird dabei genutzt, um die Orientierung zu erschweren: Manchmal ist ein Perspektivwechsel durch einen Absatz und eine Leerzeile gekennzeichnet. Oft fällt der Wechsel aber genau auf den Beginn einer neuen Seite, sodass die Leerzeile wegfällt. Selbst der Satzspiegel steht hier also im Dienste der Spannung.

Bestes Zitat: „Gerda war aufgefallen, dass Menschen, die Karriere machen wollen, viel häufiger lächeln als andere, ein Lächeln, das morgens aufgesetzt und erst nach Mitternacht oder noch später wieder abgenommen wird, manchmal klebt es vermutlich rund um die Uhr fest.“

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