Durchgelesen: Alissa Nutting – „Tampa“


Eine Lehrerin verführt in "Tampa" ihren 14-jährigen Schüler.

Eine Lehrerin verführt in „Tampa“ ihren 14-jährigen Schüler.

Autor Alissa Nutting
Titel Tampa
Verlag Hoffmann & Campe
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Sie heißen Debra Lafave, Ashley Anderson, Heather Daughdrill, Laura O’Donnell oder Ashley Jo Beach. Sie haben in den vergangenen Jahren alle Schlagzeilen gemacht, aus demselben Grund: Sie sind Lehrerinnen. Und sie hatten Sex mit einem Schüler.

Genau dieses Thema greift Alissa Nutting in ihrem Debütroman Tampa auf. Ihre Hauptfigur Celeste Price, 26, ist eine sehr schöne Frau. Ihr Ehemann Ford ist ebenfalls hoch attraktiv, doch er bedeutet ihr nichts. Ihre Beziehung ist „eine Zweckgemeinschaft, basierend auf meinem Geldbedürfnis und Fords Verlangen nach einer umwerfenden Ehefrau“, analysiert sie an einer Stelle ganz nüchtern. Auch sexuell fühlt sie sich kein bisschen zu ihrem Gatten hingezogen. Denn Celeste steht auf Teenager, möglichst nicht älter als 15. Zu Beginn des Buches tritt sie ihre Stelle an einer Junior High School in Tampa, Florida an. Und sie hat dabei nur ein einziges Ziel: Sie will Sex mit einem Schüler.

„Mein idealer Partner verkörperte eine sehr spezielle Mischung von Eigenschaften, was den Großteil der männlichen Junior-High-Schüler ausschloss. Extreme Wachstumsschübe oder ausgeprägte Muskeln führten zu sofortiger Disqualifikation. Außerdem mussten sie eine passable Haut haben, schlank sein und entweder verschämt oder diszipliniert genug, um ein Geheimnis zu bewahren“, lautet ihr Anforderungsprofil. Ihre Wahl fällt auf den 14-jährigen Jack Patrick, und tatsächlich schafft sie es mühelos, ihn zu verführen.

Tampa spart dabei nicht mit pikanten Details. „Neben Tampa wirken alle Feuchtgebiete und Shades Of Grey-Fesselspiele wie harmloser Mädchenkram“, hat die Saarbrücker Zeitung über dieses Buch geschrieben. Gleich auf den ersten Seiten gibt es reichlich Körperflüssigkeiten. Später folgen Analsex auf dem Lehrerpult, Blowjobs auf dem Autorücksitz, ein Quickie im Behindertenklo. In den USA wurde Alissa Nuttings Roman wohl auch deshalb als das „kränkste Buch des Jahres“ geschmäht.

Doch es wäre ein Fehler, Tampa als plumpe Provokation abzutun. Nutting gelingt ein sehr spannendes, verstörendes Psychogramm ihrer Hauptfigur. Man könnte diese Lehrerin als krank betrachten, sogar als Opfer ihrer eigenen Triebe, wenn ihre Affäre mit Jack nicht so genau kalkuliert und eiskalt umgesetzt wäre. Celeste plant und lebt diese Beziehung in vollem Bewusstsein, dass sie Unrecht ist, stigmatisiert, pervers. Aber sie hat als 26-jährige Frau eine Libido wie ein 14-jähriger Junge, und das reicht ihr als Argument dafür, dass ihr Verhalten legitim ist. Sie zwingt Jack zu nichts, aber manipuliert ihn vollkommen.

Der Antrieb für ihre Lust ist ihre Sehnsucht nach Jugend, Unbefangenheit und Reinheit. „Meine Erregung speiste sich aus dem Zusammenspiel von Jacks tiefer Unschuld und seiner aufkeimenden Lust“, heißt es an einer Stelle. Celeste will für sich den Zauber des ersten Mals wieder zum Leben erwecken, aber sie nimmt Jack damit die Chance, diesen Zauber zu erfahren. Denn dazu würde auch die Möglichkeit gehören, selbst zu bestimmen, wann, wie und mit wem man den ersten Kuss, die erste Berührung, den ersten Sex erlebt.

Alissa Nutting (genau wie ihre Hauptfigur unterrichtet sie Englische Literatur, genau wie ihre Hauptfigur hätte sie gute Chancen, eine Wahl zum All American Girl zu gewinnen) hinterfragt damit sehr geschickt, wenn auch auf extreme Weise, die Überhöhung der Jugend in unserer Zeit, und sie zeigt, wie diese Fixierung der Jugend letztlich die Unschuld raubt. Sex mit Teenagern wirkt für Celeste wie ein Jungbrunnen, er ist ein Gegenmittel zu ihrer panischen Angst vorm Altern.

Noch einen anderen spannenden Aspekt arbeitet der Roman heraus: Celeste wirkt nicht nur deshalb so bedrohlich, weil sie sich des Missbrauchs von Schutzbefohlenen schuldig macht. Sondern auch, weil sie eine Frau ist, die hemmungslos ihre Sexualität auslebt. Sie ist ausschließlich von ihrer Lust gesteuert, ohne Moral, durchtrieben und jenseits aller Vernunft. So ein Verhalten hat man vor 60 Jahren, als das Vladimir Nabokovs durchaus geistesverwandtes Lolita erschien, noch nicht einmal einem Mann gestattet. Tampa wirft die Frage auf, ob wir heute so weit sind, es einer Frau zuzugestehen. Auch das macht dieses Buch so fesselnd, aktuell und mutig.

Bestes Zitat: „Ich lächelte bei der Vorstellung, was für ein Liebhaber er werden und welche Dinge er mit mir zum allerersten Mal tun würde. Ich würde seine sexuelle Messlatte sein: Sein ganzes Leben lang würde er vergeblich versuchen, jenen Zustand wieder aufleben zu lassen, in dem er nichts wusste und alles bekam. Jede zukünftige Partnerin würde an die Mautstation seiner Erinnerung kommen und sich dem chancenlosen Vergleich mit mir stellen müssen.“

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