Durchgelesen: Andrea de Carlo – „Die ganz große Nummer“


„Die ganz große Nummer“ ist kein gutes Buch – aber immer noch besser als die Musik von Andrea di Carlo.

Autor Andrea de Carlo
Titel Die ganz große Nummer
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2002
Bewertung **1/2

Jeder kennt diese penetranten Typen. Sobald auf einer Party eine Gitarre rumsteht, schnappen sie sich das Instrument. Meist hören sie mit ihrem nervigen Geklampfe erst wieder auf, wenn sich endlich eine junge Frau erbarmt, sie als Künstler zu preisen und zum Wein trinken oder kiffen aufzufordern.

So einer scheint Andrea de Carlo in seiner Jugend gewesen zu sein. Diesen Eindruck vermittelt der 52-jährige Italiener jedenfalls mit der selbst aufgenommenen CD, die seinem neuen Buch beiliegt, und schwer erträgliche Akustik-Blues-Improvisationen enthält. Und diesen Eindruck vermittelt de Carlo auch in seinem neuen Roman „Die ganz große Nummer“.

Der Ich-Erzähler schleppt ständig eine Gitarre mit sich herum, nimmt sie mit nach Kalifornien und Australien. Das Geld für die Reisen hat der junge Mann mit gefälschten Interviews verdient. Er erfand lange und tiefgründige Gespräche mit Rockstars, sein Freund Raimondo gab sich als Autor der Interviews aus, verkaufte sie an einen italienischen Verlag und wurde so wirklich der gefeierte und berühmte Journalist, der er eigentlich bloß vorgab zu sein.

Als der Schwindel auffliegt, müssen die beiden fliehen (die Gitarre ist auch hier stets dabei), zerstreiten sich und finden schließlich wieder zueinander.

Als Lektüre für Musikliebhaber funktioniert „Die ganz große Nummer“ nicht, weil die Idee mit den getürkten Interviews, mit denen sich die beiden jungen Taugenichtse ihren Traum von Ruhm, Reichtum und Groupies erfüllen, nicht konsequent genug verfolgt (und nicht stringent genug erzählt) wird. Auch als Reiseroman scheitert das Buch, denn die Bilder von Mailand, Sydney und sogar Las Vegas bleiben blass und leiden unter der gelegentlichen Selbstverliebtheit des Autors.

Was de Carlos Werk aber trotzdem empfehlenswert macht, ist in erster Linie die Figur des Raimondo. Mit ihm ist dem Autor ein enorm faszinierender Charakter gelungen, dessen viele Facetten die Folie sind, auf der de Carlo die Geschichte einer echten Freundschaft erzählen kann. In Raimondo schlummert auch der eigentliche Kern des Buches: das Verwischen von Realität und Fantasie, das letztlich auch die Popmusik ausmacht.

Beste Stelle: „Christina und ich gingen in das Lokal, ich bestellte zwei Cheesburger und nzwei Coca-Cola. Es war eher einer große Holzbaracke; die Männer an den Tischen, an der Theke und neben der Musikbox hatten allesamt stark ausgeprägte Kinnladen und schmale Augen, genau wie der Typ von der Tankstelle draußen. Sie beobachteten uns mit einem bestimmten Misstrauen, das ich in verschiedensten Abstufungen aus zig Filmen kannte: die Bewegungen mit dem Kopf, das schräge Lächeln, das Zwinkern. Die Situation war mal wieder eine Mischung aus Befremden und Vertrautheit. Ich dachte, diese zwei Ebenen haben sich jetzt endgültig überlagert.“

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