Durchgelesen: Andrew Sean Greer – „Ein unmögliches Leben“


Krieg und Seuchen in New York - gleich in drei Epochen wird das von Andrew Sean Greer beleuchtet.

Krieg und Seuchen in New York – gleich in drei Epochen wird das von Andrew Sean Greer beleuchtet.

Autor Andrew Sean Greer
Titel Ein unmögliches Leben
Originaltitel The impossible lives of Greta Wells
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Ein unmögliches Leben heißt der neue Roman von Erfolgsautor Andrew Sean Greer (Geschichte einer Ehe, Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli). Das ist gleich in zweifacher Hinsicht gemogelt. Denn erstens geht es in diesem Buch nicht um ein Leben, sondern um mehrere. Zweitens ist es kein Buch über die Unmöglichkeit, sondern über das genaue Gegenteil: Es geht um die riesigen, vielfältigen, unberechenbaren Möglichkeiten, die in jeder Persönlichkeit stecken. Und zugleich um die Chancen, Grenzen und Zufälle einer bestimmten Epoche, die bei der Frage, wie ein Mensch zu dem wird, was er ist, mitunter noch stärkeren Einfluss haben. Das Zusammenspiel von Identität und Umwelt, das Kräftemessen zwischen Innen und Außen, steht im Zentrum von Ein unmögliches Leben.

Greer zeigt auf, wie schmal der Grat ist zwischen verschiedenen Facetten des Ich, die man mitunter selbst kaum kennt oder wahrnimmt, und Schizophrenie. Er spielt mit Seelenwanderung, Spiegelungen und Identitäten, um schließlich zur Frage zu kommen: „Warum ist es so unmöglich zu glauben: dass wir so vielköpfig sind wie Ungeheuer, so vielarmig wie die Götter, so vielherzig wie Engel?“

Die Handlung beginnt im New York des Jahres 1985. Greta Wells wurde von ihrem Freund Alan, einem Arzt, mit dem sie zehn Jahre lang zusammen war, erst betrogen und dann verlassen. Sie ahnt: Der Grund war vielleicht, dass sie sich zu sehr um ihren kranken Zwillingsbruder Felix gekümmert hat. Der stirbt schließlich, und Greta verliert damit nach ihrem Lover auch noch den Bruder, den wichtigsten Halt in ihrem Leben.

Sie wird wegen Depressionen behandelt, und zwar mit Elektroschocks. Der Arzt warnt sie zwar, dass nach dieser Methode so etwas wie „Desorientierung“ eintreten kann. Doch nach der ersten Behandlung ist Greta trotzdem mehr als erstaunt, als sie feststellt: Sie ist eine andere Greta, lebt im selben Haus, aber im Oktober 1918. Auch diese Greta des Jahres 1918 bekommt Elektroschocks, was sie wiederum ins Jahr 1942 katapultiert. Die dortige Greta ist nach einem Nervenzusammenbruch ebenfalls in ärztlicher Obhut, wird ihrerseits mit Elektroschocks behandelt – wodurch die Heldin wieder zurück ins Jahr 1985 gebracht wird. Daraus entsteht ein Kreislauf: Insgesamt 25 Anwendungen soll es geben, und so springt Greta vier Monate lang zwischen drei Zeitaltern und drei Identitäten. Sie fühlt sich, als ob „sich jeder neue Morgen entfalten würde wie die Seiten in einem Pop-Up-Buch möglicher Leben“, beschreibt Greer dieses Gefühl.

Doch schon bald erkennt Greta, dass es zwischen ihren Leben 1918, 1942 und 1985 nicht nur Unterschiede gibt, sondern auch viele Gemeinsamkeiten. Dazu gehört zunächst der Ort: Ein umögliches Leben ist ein Buch, das verliebt ist in New York. Am Beginn sind Karten des Viertels im Greenwich Village zu sehen, in dem alle drei Gretas leben. Immer wieder feiert Greer mit kleinen Passagen die Vielfalt und Fülle dieser Stadt. Es gibt noch weitere Leitmotive in Gretas Zeitreisen: Tod, Betrug, Krieg und Leidenschaft begegnen ihr in allen drei Epochen. Vor allem aber erweist sich die Rolle der Frau als Konstante: „Warum ist es unmöglich, eine Frau zu sein?“, fragt sich die Heldin dann auch ganz explizit gegen Ende des Buches. „Ich habe die Ebene des Daseins gesehen, und nirgends darauf ist es einer Frau vergönnt, den Lebensweg zu beschreiten, den sie sich immer erträumt hat. Immer gibt es Grenzen, Regeln, Fragen – willst du nicht lieber wieder heim an den Herd, junge Dame? – die den Lebenszauber brechen.“

Solche grundsätzlichen Gedanken sind ein wichtiges Element von Ein unmögliches Leben. Greta als Ich-Erzählerin spricht den Leser direkt öfter an oder wendet sich sogar an die ganze Menschheit. Dann hat der Roman im harmlosesten Fall nette Aphorismen zu bieten („Es ist fast unmöglich, wahre Trauer zu fassen; sie ist ein Tiefseegeschöpf, das nicht ans Licht geholt werden kann.“ oder „Gibt es einen größeren Schmerz, als zu wissen, was sein könnte, und doch die Macht nicht zu haben, es möglich werden zu lassen?“). Im extremsten Fall sind es Sätze, die Allgemeingültigkeit beanspruchen, wie Gesetze für das Menschengeschlecht.

Dass der Autor in ganz großen Dimensionen denkt, zeigt sich auch in seinen immer wieder auftauchenden Gedanken zum Zusammenspiel von Rationalem und Irrationalem, von Wissenschaft und Esoterik. Das findet sich zunächst in dem feinen Kniff, dass ausgerechnet eine Anwendung der Medizin (also einer Wissenschaft) dazu führt, dass Greta in magischen Welten landet. Es findet sich auch in den wiederholten Anspielungen Greers auf physikalische Modelle, die andere, womöglich parallele Welten und Universen für möglich oder gar wahrscheinlich halten. „Es heißt, es gibt viele Welten. Rings um die eigene, dicht gepackt wie die Zellen unseres Herzens. Jede mit ihrer eigenen Logik, ihrer eigenen Physik, ihren Monden und Sternen“, schreibt er beispielsweise an einer Stelle und fährt dann fort: „Wir können nicht hin – in den meisten würden wir nicht überleben. Aber es gibt einige, das weiß ich nun, die unserer fast genau gleichen (…). In diesen anderen Welten sind alle deine geliebten Orte da, deine geliebten Menschen. Und vielleicht wird in einer dieser Welten alles Unrecht wiedergutgemacht und das Leben so, wie du es dir wünscht. Was also, wenn du die Tür fändest? Was, wenn du den Schlüssel hättest?“

Solche Passagen zeigen die Intelligenz, Kreativität und Tiefe dieses Romans, dennoch ist Ein unmögliches Leben weit davon entfernt, verkopft zu sein. Es ist ein emotionales, rührendes, manchmal auch herzzerreißendes Buch. Andrew Sean Greer dringt in diesem Roman ganz tief vor zum Kern der Liebe, zur Frage, wie sie uns schmeichelt, verletzt und uns den Spiegel vorhält. Das zeigt sich auch in einem weiteren Leitmotiv: den Seuchen. 1918 ist es die spanische Grippe, die zur tödlichen Gefahr geworden ist, 1985 ist es Aids, das junge Männer reihenweise dahinrafft. Man liegt wohl nicht ganz falsch, wenn man unterstellt, dass Greer hier noch eine weitere Epidemie schildert: Die Unfähigkeit, seine Rolle im Leben zu finden und mit denen zusammen zu sein, die wir lieben. Auch sie ist wie eine Seuche – uralt, unausrottbar und im schlimmsten Fall tödlich.

Bestes Zitat: „Wie selbstsüchtig doch die Liebe ist, obwohl wir sie nicht in diesem Licht betrachten. Wir finden uns heroisch, wenn wir uns, um ein großes Kunstwerk vor der Zerstörung zu retten, in die Flammen stürzen, es aus dem Rahmen schneiden, aufrollen und dann durch den Rauch fliehen. Wir finden uns edelmütig. Als täten wir es nicht ganz allein für uns und kümmerte uns überhaupt, was sonst alles niederbrennt, solange dieses eine gerettet wird. Der ganze Saal kann unseretwegen zu Asche werden. Dass die Liebe um jeden Preis, jenseits aller Vernunft, gerettet werden muss, offenbart den Wahn in ihrem Innersten.“

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