Durchgelesen: Anita Augustin – „Der Zwerg reinigt den Kittel“


Provokant, witzig und nicht nur ein bisschen politisch: So ist "Der Zwerg reinigt den Kittel".

Provokant, witzig und nicht nur ein bisschen politisch: So ist „Der Zwerg reinigt den Kittel“.

Autor Anita Augustin
Titel Der Zwerg reinigt den Kittel
Verlag Ullstein
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Kann man ein witziges Buch über den demografischen Wandel schreiben? Und das auch noch als Kriminalgeschichte? Anita Augustin kann es. Die gebürtige Österreicherin, die mittlerweile als Dramaturgin in Berlin arbeitet, legt mit Der Zwerg reinigt den Kittel einen herrlich provokanten, amüsanten und bösen Roman vor.

Almut, Karlotta, Suzanna und Marlen waren früher einmal beste Freundinnen. Jetzt sind sie frischgebackene Rentnerinnen. Mit dem Ruhestand wissen sie allerdings durchweg nichts anzufangen. Körperlich sind sie zwar allesamt in ordentlicher Verfassung, aber seelisch sind sie am Ende. Sie haben ein Leben lang an ihrem Hass gearbeitet, auf Menschen, Routinen, auf die Erwartungen und Rollen, die man ihnen zugeschrieben hat. Sie sind zu müde, um noch Lebensfreude zu haben. Sie fühlen nur noch Langeweile, Lustlosigkeit, innere Leere – erst recht als Rentnerinnen.

So finden die vier Frauen, die sich seit 40 Jahren nicht gesehen haben, wieder zusammen und entwickeln einen Plan: Sie wollen so tun, als seien sie schwer gebrechlich, um sich Pflegestufe 2 zu erschwindeln und sich dann ein schönes Leben im Altenheim machen zu können. Mit Rundumversorgung, vor allem aber mit der erleichternden Gewissheit, dass sie dort in Ruhe gelassen werden statt irgendwo draußen in der Welt die Rolle vom Turborentner oder Best Ager spielen zu müssen.

Der Plan funktioniert zunächst reibungslos, doch schon bald müssen die vier Damen feststellen, wie schrecklich das Dasein auch in einem Altenheim sein kann, das den luxuriös klingenden Namen „Die Residenz“ trägt. „Das Alter macht nicht unbedingt weise, das Altenheim schon“, erkennen sie. So gibt es schnell Ärger innerhalb des Rentnerinnen-Quartetts, mit den anderen Bewohnern und dem Personal. Das Ergebnis: schwere Körperverletzung, wahrscheinlich mit Todesfolge. Die vier Omas landen im Knast.

Mit wunderbarer sprachlicher Fantasie und viel schwarzem Humor erzählt Anita Augustin diese Geschichte. Die Witzigkeit von Der Zwerg reinigt den Kittel erwächst gerade aus der Verbitterung der vier Freundinnen und ihrem schonungslosen Umgang miteinander und mit der Welt.

Almut beispielsweise macht mit ihren Beobachtungen und Gedankengängen immer wieder deutlich, wie lächerlich das Bangen, Ringen und Trauern um Ästhetik im Alter ist. Falten, Haarausfall und schlaffe Brüste sind noch die geringsten Probleme, wenn man nichts mehr hat im Leben, aber noch zwanzig, dreißig Jahre vor sich. Als „Menschenmüll“ und „Gammelfleisch“ bezeichnen sich die Figuren selbst, und selbst der Gedanke an Gerontozid erscheint ihnen plötzlich einleuchtend, also das rituelle Töten der nutzlos gewordenen Alten, das bei Eskimos und Indianern üblich war. Augustin schildert die Erfahrungen der Alten und das Leben im Heim so einfühlsam und zugleich unsentimental, dass die Frage sich beinahe von selbst beantwortet, ob man zwangsläufig zum Zyniker werden muss, wenn man genug gesehen hat von der Welt.

Sehr schön persifliert sie auch die Floskeln von Politikern, die Menschen im Ruhestand das Recht auf Ruhe ausreden wollen und sie lieber zu aktiven Senioren umerziehen – in erster Linie, damit sie nicht so viel Geld kosten in ihrer Unproduktivität. Am Ende des Buches nehmen die Rentner dafür Rache, und auch dabei beweist Anita Augustin ihre Fantasie und die Lust, den Leser nicht zu sanft zu behandeln: Der Zwerg reinigt den Kittel schließt mit einer Doppelpointe, von der die erste zunächst enttäuschend wirkt, sich dann aber als perfide Vorbereitung der zweiten erweist, die umso cleverer ist.

Gerade dadurch ist dieser Roman nicht nur ein witziges und ungewöhnliches, sondern auch ein politisches Buch. Denn das Elend, das Almut, Karlotta, Suzanna und Marlen empfinden, hat nichts mit Krankheit oder Siechtum zu tun, auch nicht in erster Linie mit Einsamkeit oder Mangel an Sinn. Ihr Elend ist vielmehr das, was vom Rest der (jungen) Gesellschaft als Sinnangebot bereitgestellt und von ihnen als sinnlos abgelehnt wird. Sie sind nicht einverstanden mit der Welt, sie waren es nie – aber als Alte haben sie kaum noch eine Chance, sich dagegen zu wehren.

Bestes Zitat: „Es gibt Witze, für die schämst du dich ein Leben lang. Nicht weil sie so besonders schlecht gewesen wären, sondern weil jemand auf eine bestimmte Weise darüber gelacht hat.“

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