Durchgelesen: Anke Stelling – „Glückliche Fügung“


 

Anke Stellings Figuren blicken ins Leere, ins Nichts.

Autor Anke Stelling
Titel Glückliche Fügung
Verlag Collection S. Fischer
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ***

Wie mir glaubhaft versichert wurde, ist Anke Stelling eigentlich eine recht lebensfrohe, schlagfertige und aufgeschlossene Person. In „Glückliche Fügung“, ihrem ersten Band mit Erzählungen, macht sie aber einen ganz anderen Eindruck.

Denn dort blicken alle Figuren in die Leere, ins Nichts. Das ist nicht mehr bloß Melancholie, sondern schon fast Nihilismus – und leider auch oft Larmoyanz.

Im Buch erzählen jede Menge junge Frauen, die auf der Suche nach Orientierung und Identität sind und sich dabei in ihrem postpubertärem Weltschmerz suhlen. Man hat schnell zuviel von ihnen, weil ihre Motivation nur selten klar wird. Die Welt erscheint ihnen unfassbar kompliziert, kalt und ungerecht, die Männer sind noch schlimmer.

Ihr Ich ist klitzeklein und doch riesengroß, denn obwohl sich Anke Stellings Figuren vorkommen wie Spielbälle des Schicksals, haben sie doch nichts mitzuteilen als die Geschichte ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit. Dabei drängt sich die Frage auf, was Anke Stelling mit ihren Erzählungen beim Leser auslösen will. Mitleid? Identifikation? Sollte ein Buch nicht eher Trost spenden als Trost suchen?

Natürlich soll nicht verschwiegen werden, dass „Glückliche Fügung“ auch sehr gute Passagen hat („Leider nein“, „Man sollte immer ein Glas Kompott im Haus haben“) und reich an rührenden Momenten ist. Wenn die Figuren sich zusammenreißen und zwingen, sind diese Geschichten am besten und plausibelsten. Denn dann versteht man: Ihre Hoffnungslosigkeit beruht nicht auf Selbstmitleid, sondern auf ihren Erfahrungen. Ihre Kenntnis der Welt hat ihnen die Zuversicht genommen.

Die Erzählerinnen wollen heiraten und erwachsen sein, gleichzeitig haben sie Angst vorm Älterwerden und den Zwängen der Familie, die hier oft genug als Horrorvision geschildert wird. Dazu wollen sie all das überwinden, was noch aus der Kindheit in ihnen schlummert, Ahnungen von Ordnung und Religion. Man weiß, dass man ihnen dabei nicht helfen kann. Und doch möchte man ihnen einen Tritt in den Hintern geben, damit sie erkennen: All diese Probleme machen das Jungsein so anstrengend und schwierig – aber auch so aufregend und einmalig.

Beste Stelle: „Sie zog sich an, was eine Weile dauerte, weil sie nicht wusste, ob sie sich hübsch machen sollte für das Unerwartete, oder ob sie die schönen Kleider lieber schonen sollte für den Tag, an dem es mit größerer Wahrscheinlichkeit geschah.“

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