Durchgelesen: Ann-Marlene Henning, Tina Bremer-Olszewski – „Make Love“


Modern, cool und unverkrampft: So geht Aufklärung in "Make Love".

Modern, cool und unverkrampft: So geht Aufklärung in „Make Love“.

Autoren Ann-Marlene Henning, Tina Bremer-Olszewski
Titel Make Love
Verlag Rogner & Bernhard
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ****

Porno? Das war früher einmal tabu, igitt, pervers. Heute ist Pornographie nicht nur allgegenwärtig, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Treiber dieser Entwicklung ist das Internet. Die Porno-Industrie war im Netz in vielen Bereichen technologischer Vorreiter. Manche behaupten, das Internet sei überhaupt nur durch Porno-Inhalte so groß, schnell, multimedial und interaktiv geworden. In jedem Fall ist es voll mit Pornographie aller Spielarten.

Umgekehrt gibt es durch das Netz erstmals die Möglichkeit, Pornos anonym zu konsumieren – ohne die Gefahr, in der Videothek, in der Peepshow oder im Pornokino vom Nachbarn, Chef oder Schwiegervater ertappt zu werden. Das hat die Hemmschwellen gesenkt und ebenfalls dazu beigetragen, dass Pornos immer mehr von ihrem Image als Schmuddelkram verloren haben. Manche Experten sprechen von einer „Pornographisierung der Gesellschaft“. Ausschlaggebend sind dabei drei Faktoren:

Erstens: Es ist viel mehr Pornographie verfügbar als je zuvor. Bei Google gehen jeden Tag 250 Millionen Suchanfragen nach Sexinhalten ein. Jeder vierte Internetnutzer schaut sich Pornos im Netz an. 35 Prozent aller Downloads entfallen auf Sexinhalte. Die größten Pornoseiten haben bis zu 6 Milliarden Zugriffe pro Monat. Der unlängst wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung festgenommene Online-Porno-Tycoon Fabian Thylmann macht mit seinen Portalen mehrere hundert Millionen Euro Umsatz jährlich und registriert pro Monat etwa 16 Milliarden Seitenaufrufe – mehr als doppelt so viele wie Wikipedia. Allein das von ihm betriebene Portal YouPorn sorgt für zwei Prozent des Datenverkehrs im gesamten Internet.

Zweitens: Pornographie und echtes Liebesleben bewegen sich aufeinander zu. Das Private und Intime findet immer öfter den Weg ins Netz und wird somit selbst zu pornographischem Material. Bei YouPorn kann man nicht nur Filme anschauen, sondern auch selbst gedrehte Clips aus dem eigenen Schlafzimmer hochladen. Bei Chatroulette haben laut einer Studie knapp ein Siebtel der Teilnehmer nichts anderes im Sinn, als sich ihren zufällig angewählten Webcam-Partnern nackt zu präsentieren. Und das Phänomen „Sexting“ (das Versenden anzüglicher Fotos im Netz) ist so verbreitet, dass sich eine App gerade zum Verkaufsschlager entwickelt, die Sexting komfortabler macht – und dafür sorgt, dass sich die Fotos nach einer gewissen Zeit selbst wieder löschen.

Drittens: Es ist im Netz kaum mehr möglich, den Jugendschutz zu gewährleisten. Auch heute steht auf Pornographie noch ein großes „ab 18“. Jeder, der Minderjährigen den Zugriff auf pornographische Inhalte gewährt, macht sich strafbar. Aber trotzdem sind die meisten Angebote nur einen Klick weit entfernt.

Der Sexualsoziologe Sven Lewandowski hat ein Buch über den Einfluss von Porno auf unsere Gesellschaft geschrieben. Im Untertitel nennt er Pornographie bezeichnenderweise „ein populärkulturelles Phänomen“, und auch er benennt den immensen Einfluss des Netzes: „Indem das Internet sowohl den Zugang zu pornographischen Darstellungen erleichtert als auch den Zugriff auf eine schier unendliche Vielfalt pornographischer Inszenierungen erlaubt und zugleich für beinahe jede Person die Möglichkeit bietet, selbst hergestellte Pornographie zu veröffentlichen, verändert es sowohl den Gebrauch als auch die Herstellung von Pornographie.“

Das kann man erschreckend finden oder erfreulich. Besonders relevant wird die Entwicklung aber beim Blick auf Heranwachsende. Im Netz oder durch Handyvideos auf dem Schulhof werden die Kids heute schon längst regelmäßig mit Pornographie konfrontiert, bevor sie alt genug sind, um solche Angebote legal nutzen zu dürfen – und bevor sie in ihrer eigenen sexuellen Entwicklung weit genug sind, um verarbeiten zu können, was sie da sehen.

50 Prozent der 13-jährigen Jungs haben schon mindestens einmal einen Porno gesehen. Bei den 16-Jährigen steigt der Wert auf 89 Prozent, hat eine Studie des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ergeben. Mädchen kommen im Durchschnitt später mit Pornographie in Kontakt: Nur jedes siebte 13-jährige Mädchen hat schon Pornos gesehen, drei Jahre später liegt der Wert bei 63 Prozent. Es bleibt auch nicht immer beim neugierigen Hineinschnuppern, wie eine andere Untersuchung zeigt: Laut der Studie Bildschirmmedien im Alltag von Kindern und Jugendlichen aus dem Jahr 2007 sehen sich 35 Prozent der männlichen und zwei Prozent der weiblichen Neuntklässler (also 14- bis 15-Jährige) mehrmals monatlich pornographische Inhalte oder Softsex-Filme an.

Tina Bremer-Olszewski will auf solche Daten mit Aufklärung reagieren. Die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin hat gemeinsam mit der Sexologin Ann-Marlene Henning das Buch Make Love geschrieben, einen sehr lesenswerten, einfühlsamen und unverkrampften Ratgeber für Teenager. „Wenn Jugendliche unkommentiert Pornos sehen, können sie gar nicht wissen, was daran alles fake ist. Und deshalb können Pornos schon unter Druck setzen. Eltern und Lehrer sind hier gefragt, die erklären, was da passiert“, sagt sie. „Der Konsum ist da, also muss es eine Einordnung für Jugendliche geben. Jemand, der sagt: ‚Das ist wie in einem Science-Fiction-Film, das ist nicht echt, das hat mit schönem, erfüllten Sex wenig zu tun. Der geht anders.’ Und genau das tun wir in Make Love.

Das Buch geht von einer ebenso einfachen wie überzeugenden Prämisse aus: Sexualität und Erregung sind angeboren, aber Sex und Lust genießen zu können, muss gelernt werden. Make Love will zeigen, wie das geht. Natürlich bietet das Aufklärungsbuch die üblichen Infos über Verhütung oder Geschlechtskrankheiten, es gibt Schaubilder, kurze Psychotests, die dabei helfen, sich selbst zu positionieren, und einen hilfreichen Anhang mit vielen Links zu weiterführenden Informationen.

Die große Stärke von Make Love ist aber: Sex ist hier nicht Biologie, sondern Realität. Das Buch steht mitten in der Lebenswelt von Pubertierenden. Es ist cool (und das beschränkt sich keineswegs nur darauf, amüsante Zitate aus Popsongs oder Kinofilmen über die Seiten zu verteilen), es ist modern (und das liegt nicht nur daran, dass hier auch Themen wie Cybermobbing oder Pornosucht auftauchen) und es ist experimentierfreudig (dazu gehört, das auch ungewöhnliche sexuelle Spielarten thematisiert werden, es ganz konkrete Bedienungsanleitungen für Sexspielzeug oder einen Fahrplan zum Orgasmus per Masturbation gibt).

Make Love kennt die Sprache, die Ängste und die Neugier von Teenagern, es verteufelt sie nicht, sondern nimmt sie ernst. Und es weiß: Auch für die, die angeblich schon alles gesehen haben, bleibt schöner, erfüllter Sex oft genug ein Rätsel, ein Geheimnis, ein Mythos. Das bedeutet auch, dass hier Klartext gesprochen wird. „Wenn du ein Junge bist, probier ruhig mal dein Sperma“, heißt eine der Empfehlungen für Jungs. „Behandle den Penis beim Blowjob, als wäre er ein Eis oder eine Schokolade“, lautet ein Ratschlag für Mädchen. Auch Sätze wie „Ich will sie lecken, bis sie durchdreht“ oder „Bitte keine Dinge in den Po stecken“ kann man in Make Love lesen.

Zu dieser unverkrampften Offenheit gehören auch die Bilder von Heji Shin, die das Buch illustrieren. Ihre Fotos zeigen echte Pärchen beim echten Liebesspiel. Junge, nackte Menschen beim Küssen, Streicheln und Sex. Die Bilder bieten genau das, was Heranwachsende wissen wollen: Wie sieht das aus? Bei mir? Bei anderen? Ist das normal? Das bedeutet: Brüste sind im Bild, Vaginas sind zu sehen, und ein Penis darf hier auch mal erigiert sein. Das hat Make Love ein bisschen erwartbare Empörung unter anderem vom Weltbild-Verlag eingebracht, ist aber eine wundervolle Ergänzung zu den Inhalten und zur Attitüde des Buchs. Nicht zuletzt sind die expliziten, aber nicht voyeuristischen Fotos ein wichtiges Gegengewicht angesichts der vor allem optischen Überflutung von Heranwachsenden mit sexuellen Inhalten, auch mit Pornographie.

Dass die mittlerweile so gut wie allgegenwärtig ist, dürfte kaum überraschen. Schließlich haben Pubertierende ein riesiges Interesse an Sex – und man muss daraus auch nicht gleich Schlagzeilen wie „Generation Porno“ ableiten. Trotzdem sollte man sich vor Augen führen: Bei den Sechzehnjährigen haben fast 90 Prozent der Jungs und zwei Drittel der Mädchen schon Inhalte gesehen, die aus gutem Grund erst ab 18 Jahren freigegeben sind. Gruppensex, Cumshots und einen akrobatischen Stellungsmarathon: All das hatten etliche von ihnen schon vor Augen, bevor sie auch nur den ersten schüchternen Kuss gewagt haben.

Weil viele Portale keine wirksamen Jugendschutzmaßnahmen haben, kommen die Kids jederzeit an alles ran – und sie laufen Gefahr, Pornographie für die Realität zu halten. Das liegt nicht nur daran, dass Portale wie YouPorn es tatsächlich möglich machen, sein eigenes Liebesleben mit der ganzen Welt zu teilen. Sondern auch daran, dass viele Anbieter vorgeben, in ihren Filmen seien Amateure beim echten Liebesspiel zu sehen statt Pornodarsteller bei ihrem Job.

„Es gibt leider noch keine Daten dazu. Aber es ist davon auszugehen, dass die extreme und leichte Verfügbarkeit von Pornographie einen Einfluss hat. Das Pornomodell kommt in die Köpfe rein, und das sorgt auch für Leistungsdruck“, sagt Prof. Dr. Uwe Hartmann, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft.

Was das bedeutet? Heranwachsende könnten meinen, riesige Schwänze mit Endloserektion seien ebenso normal wie perfekte Brüste und dauergeile Frauen, die allesamt besonders gerne Sperma schlucken. Alles funktioniert in der Porno-Welt auf Knopfdruck, genau nach den eigenen Vorstellungen. Enttäuschungen sind ausgeschlossen, die Sexpartner sind eine Ware, die man bei Nichtgefallen austauscht.

Das sorgt nicht nur für falsche Vorstellungen und Leistungsdruck, sondern nimmt den Kids auch die Möglichkeit, Erotik und Sexualität – inklusive ihrer eigenen Vorlieben und Grenzen – selbst zu entdecken. Und sie bleiben womöglich ein Leben lang geprägt vom Pornomodell. Brandy Dunn, Sexualtherapeutin aus Los Angeles, berichtet in ihrem Buch Die Männer auf meiner Couch von einer Freundin, die keine Lust mehr auf junge Männer und ihre Porno-Prägung hat. Sie habe lieber Sex mit Männern, die so alt sind, dass sie nicht mit dem Internet, sondern mit dem Playboy aufgewachsen seien.

Diese Erfahrung hat auch Cindy Gallop gemacht. Die 52-Jährige hat ebenfalls den Eindruck, dass sich das erotische Geschehen in den ganz realen Betten immer mehr den überzeichneten Drehbüchern von Porno-Clips angleicht. Die Amerikanerin hat als Gegenbewegung das Portal Make Love Not Porn ins Leben gerufen, wo ganz normale User ihre persönlichen Sexvideos hochladen und anschauen können, professionelle Pornographie aber unerwünscht ist.

Das, was Brandy Dunn „die erotische Natur eines Menschen“ nennt, wird ihrer Ansicht nach durch Pornographie verzerrt. „Im Internet findet man verschiedenste originelle und bizarre Hardcore-Bilder, die uns die direkte Befriedigung beschaffen sollen, die wir im wirklichen Leben nicht finden. Die meisten Menschen reagieren körperlich auf solche Bilder, da sie eine starke Wirkung auf das Gehirn haben. Und dabei wirkt jeder Orgasmus, den ein Mann bei der Betrachtung von Pornographie hat, verstärkend“, schreibt sie in ihrem Buch.

Der massenhafte Kontakt mit Pornographie in sehr jungen Jahren erscheint da bedenklich, doch er ist Alltag. „Pornos gehören heute in ihren vielfältigen Verbreitungsformen ganz selbstverständlich zur sexuellen Umwelt von Jugendlichen“, schreiben die Autoren der Studie aus Hamburg. Die Nutzung ist dabei sehr unterschiedlich: Mädchen schauen eher zufällig und vergleichsweise selten Pornos, aber öfter auch gemeinsam mit anderen, beispielsweise Freundinnen. Jungs suchen gezielt nach solchen Inhalten und nutzen diese sehr regelmäßig. Bei den 16- bis 19-jährigen Jungs schauen sich 80 Prozent regelmäßig pornographische Inhalte an, ein Drittel sogar mindestens zweimal wöchentlich.

Die Ergebnisse einer Online-Befragung von 16- bis 19-Jährigen durch den Kommunikationswissenschaftler Matthias Weber bestätigen das. Darin geben 47 Prozent aller männlichen Teilnehmer an, fast täglich oder sogar häufiger pornografische Videos und Filme anzusehen. Dies ist bei gerade einmal 3 Prozent der Mädchen der Fall.

Einige Experten sehen in einer sehr intensiven Nutzung auch die Gefahr einer Sucht. „Ständige Steigerung des Konsums, Suche nach immer stärkeren Reizen, Beschädigung der realen Sexualität“, zählte die Psychologin Christiane Eichenberg von der Universität Köln in einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung als Symptome auf. Make Love-Autorin Tina Bremer-Olszewski sieht bei übermäßiger Porno-Fixierung noch eine andere Gefahr: „Vor allem Jungs nutzen Pornos zum Masturbieren und eignen sich dabei manchmal bestimmte Techniken an. Und die können dazu führen, dass Sex zu zweit schwierig wird. Denn wenn man beispielsweise gelernt hat, nur in einer bestimmten Haltung, mit viel Druck zu kommen – wie soll ein Partner das jemals genauso hinkriegen? Es geht also beim Pornokonsum von Jugendlichen in erster Linie nicht um die Gefahr, süchtig zu werden, sondern um die Gefahr, sich einen Weg zum Höhepunkt anzutrainieren, auf dem ein Partner nur schwer folgen kann.“

In einem eigenen Kapitel räumt sie in Make Love mit den Pornolügen auf. Auch da nehmen die Autorinnen kein Blatt vor den Mund. Von „Sperma-Überschwemmung“ und „Wieselficken“ ist da die Rede. Auch der Hinweis, dass sich viele Pornodarsteller den Intimbereich schminken oder gar in einem hellen Hautton tätowieren lassen, „damit alles schön sauber aussieht“, fehlt nicht.

Der Kontakt mit den überzeichneten Sexbildern der Pornobranche erfolgt bei Teenagern fast ausschließlich im Netz: Die befragten 16- bis 19-Jährigen der Hamburger Studie erwähnten in den Interviews 33 einschlägige Seiten. Auch YouPorn war darunter, mehr als die Hälfte der Befragten kannten das Portal. Laut der Studie suchen die Kids entweder stimulierendes, normales Material oder perverse, abtörnende Inhalte, mit denen man andere aufziehen oder in Form einer Mutprobe prahlen kann. Gelegentlich schauen Jugendliche Pornos auch gemeinsam mit dem Partner „zur gemeinsamen Stimulation und auf der Suche nach einvernehmlicher Variation ihrer Sexualpraxis“, hat die Befragung ergeben.

Dass in deutschen Teenager-Betten nun massenhaft Pornos nachgespielt werden, befürchten die Autoren der Hamburger Studie trotzdem nicht. „Jugendliche gehen mit dem Internetangebot wählerisch um, ihre sexuellen Vorlieben und Strukturen bestimmen den Pornographiekonsum, nicht umgekehrt“, lautet ihr Fazit der Befragung. „Die Unaufgeregtheit, mit der Jugendliche über ihre Erfahrungen mit Pornographie sprechen, steht den AutorInnen zufolge in einem auffälligen Kontrast zur Dramatik der öffentlichen Debatte.“ Auch Tina Bremer Olszewski plädiert dafür, die Kids nicht als wehrlose Opfer in den Fängen der Sexindustrie zu betrachten, sondern ihnen vor allem bei einem selbstbewussten, reflektierten Umgang mit Pornographie zu helfen: „Wichtig ist, Jugendlichen klarzumachen, sich nicht unter Druck setzen zu lassen. Weder von Sexfilmen, noch von Freunden, die es vielleicht „alle schon getan haben“. Diverse Studien belegen: Je besser Jugendliche aufgeklärt sind, desto später haben sie Sex.“

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