Durchgelesen: Besnik Mastafaj – „Kleine Saga aus dem Kerker“


Drei Generationen Eingesperrtsein - unsagbar traurig.

Autor Besnik Mustafaj
Titel Kleine Saga aus dem Kerker
Verlag Frankfurter Verlagsanstalt
Erscheinungsjahr 1995
Bewertung ***1/2

Alles in diesem außergewöhnlichen Roman des Albaners Besnik Mustafaj dreht sich ums Gefängnis. In drei eindringlichen Episoden werden die Erfahrungen von drei Generationen einer Familie mit dem Eingesperrt- und Getrenntsein erzählt.

Mustafaj schlüpft dabei ganz tief in die Betroffenen hinein und wählt eine Sprache, die oft an Fabeln und Märchen erinnert. Zunächst erzählt ein Kind, das sich seinen Vater bloß vorstellen kann, weil der seit fast zehn Jahren ein politischer Häftling ist. Die von dem kleinen Jungen an den Tag gelegte Aufmüpfigkeit funktioniert ganz hervorragend. Denn Mustafaj macht zwischen den Zeilen deutlich, dass man naiv und unwissend wie ein Kind sein muss, um so tapfer und stolz zu sein.

Noch besser gelingt der zweite Teil. Nach sechs Monaten in Gefangenschaft darf der Erzähler erstmals Besuch von seiner Frau erhalten und eine Nacht mit ihr verbringen. Doch als er sie endlich trifft, ist er von Angst und Paranoia zerfressen. Wie viel guter Wille da ist, wie viel Erwartung sich auf beiden Seiten aufgebaut hat, und wie sich die tatsächliche Situation dann entwickelt, ist herrlich grotesk – und unsagbar traurig.

Beste Stelle: „Normalerweise ist das menschliche Gehirn empfänglicher für Verdacht als für Vertrauen. Es heißt ja, erst durch die Fähigkeit zu zweifeln gelange der Mensch zur Vollendung. Als Gegenbewies könnte ich das Wachpersonal anführen. Beim Wärter mordet Misstrauen noch das letzte bisschen Menschlichkeit. Das gilt auch für viele andere Menschen, die nicht Wärter in des Wortes unmittelbarer Bedeutung sind. Vielleicht geschieht der Mord bei ihnen anders, doch das Ergebnis ist das gleiche. Meiner Meinung nach gelangt der Mensch durch Vertrauen zur Vollendung. Immer nur durch Vertrauen, niemals durch das Gegenteil.“

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