Durchgelesen: Boris Fishman – „Der Biograf von Brooklyn“


Autor Boris Fishman

Cover des Buchs Der Biograf von Brooklyn von Boris Fishman Kritik Rezension

Boris Fishman fragt in seinem Debütroman auch, wie Gedenken funktionieren sollte.

Titel Der Biograf von Brooklyn
Originaltitel A Replacement Life
Verlag Blessing
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Endlich Wiedergutmachung! Fast ihr ganzes Leben lang hat Sofia als Jüdin in Weißrussland gelitten. Sie überlebte das grausame Minsker Ghetto, in das sie die Nazis gesteckt hatten. Dann folgten die Repressalien unter Stalin und seinen Sowjet-Nachfolgern. Jetzt, mittlerweile wie so viele ihrer Landsleute in Brooklyn lebend, erhält sie endlich die Chance auf Entschädigung. Die „Konferenz für jüdische Schadensersatzansprüche gegen Deutschland“ hat sie angeschrieben, möchte ihre Geschichte erfahren und stellt einen Geldbetrag in Aussicht. Das Problem ist allerdings: Sofia ist gerade gestorben – und damit ihr Anspruch auf Entschädigung.

Ihr Mann möchte sich wegen so einer Kleinigkeit allerdings nicht die Chance auf ein bisschen Reibach entgehen lassen. Er hat auch schon einen Plan, wie sich das verwirklichen lässt: Slava, der Enkel der Familie, soll die Leidensgeschichte der Großmutter einfach umdichten und zur Geschichte des Großvaters machen. Schließlich arbeitet Slava als erfolgreicher Journalist bei einer angesehenen Zeitschrift und kann mit Worten umgehen. Zwar ist der Großvater weit davon entfernt, ein echtes Holocaust-Opfer zu sein, aber einen Geschädigten gibt es bei diesem kleinen Betrug schließlich auch nicht, so seine Logik.

Slava Gelman, der angesprochene Enkel, der zur Hauptfigur in diesem Roman wird, ist allerdings gar nicht so erfolgreich, wie seine Familie glaubt. Er ringt noch immer um einen Posten als Stammautor bei der Zeitschrift Century, um sein Talent endlich zur Geltung bringen zu können. „Wieder einmal erfasste ihn im Konferenzzimmer das vertraute Gefühl, der Einzige zu sein, der etwas völlig Selbstverständliches nicht begriffen hatte“, heißt es an einer Stelle über einen typischen Moment seines Arbeitsalltags. Um sich die Chance auf eine echte Karriere nicht zu verbauen, hat er natürlich keinerlei Lust, sich wegen der seltsamen Idee seines Großvaters strafbar zu machen. Und er würde sich am liebsten ohnehin vom Mief der Geschichte lösen, in dem seine Familie in Brooklyn badet, weshalb er – abgesehen von ein paar Pflichtbesuchen – längst in Manhattan zuhause ist.

Deshalb versucht Slava zunächst, dem Großvater die Idee auszureden, lässt sich aber schließlich doch einspannen und verfasst eine herzzerreißende Geschichte über das Leben im Ghetto, die ein paar Fakten aus dem Leben der Oma (mit vertauschten Geschlechterrollen), ein bisschen fantasiertes Melodrama und ein paar in der Bibliothek angelesene Fakten über den Zweiten Weltkrieg beinhaltet. Der Opa ist begeistert und schickt den Antrag prompt ab, während Slava mit seinem Gewissen ringt.

Es ist ein ziemliches Kunststück, das Boris Fishman mit dieser Ausgangssituation in Der Biograf von Brooklyn gelingt. Der Autor, 1979 in Minsk geboren, 1988 nach Amerika gekommen und mittlerweile als Redaktionsmitglied des New Yorker tätig, hat einen heiteren Schelmenroman verfasst, ausgerechnet über eine Tragödie wie den Holocaust. Aus einer kleinen Notlüge erwächst in diesem Debütroman flugs eine ganze Industrie an gefälschten Biografien, als Slavas Opa mit seinem Trick prahlt und dann auch die gesamte Brooklyner Nachbarschaft bei dem talentierten Enkel rührende Geschichten für die eigenen Entschädigungsanträge in Auftrag gibt. Slava gerät dadurch ziemlich in die Bredouille. Zum einen wächst die Gefahr, dass er erwischt wird. Zum anderen nagt es an ihm, „die größten Schrecken des Herzens für eine Handvoll Euro“ zu verhökern, wie es an einer Stelle heißt.

Fishman findet damit nicht nur einen sehr amüsanten Zugang, um über Gedenken, Verdrängung und Verarbeitung der Vergangenheit zu reflektieren. Er spielt auch sehr amüsant mit den Vorurteilen über seine Landsleute, ohne dabei die Sympathie zu ihnen zu verlieren. Er erzählt, ähnlich wie beispielsweise Gary Shteyngart, von der Schrulligkeit der sowjetisch-stämmigen Community in den USA, von ihrer Sehnsucht nach Zugehörigkeit und von ihrem Wissen um das ewige Anderssein im Land des einstigen Klassenfeinds. Die Familie erweist sich dabei als zentraler Schauplatz und zudem als Kraftfeld, in dem Kampf und Zuneigung sich nie so recht die Waage halten und doch beide stets präsent sind. Besonders schön kommt das in den liebevollen Dialogen von Der Biograf von Brooklyn zur Geltung, die selbst dann vor Leben sprühen, wenn sie nur am Telefon stattfinden, wie viele der Gespräche zwischen Slava und seinem Großvater.

Boris Fishman hat mit Der Biograf von Brooklyn aber auch ein Buch über die Autorschaft geschrieben, nicht nur im Hinblick der Frage nach dem Urheber, sondern auch als Blick auf den Prozess des Verfertigens von Texten und all die vielen daran Beteiligten. Slava will zwar kein Fälscher sein, aber bei den Gesprächen mit seinen Auftraggebern, bei seinen Recherchen zu den historischen Hintergründen und nicht zuletzt beim Schreiben seiner Geschichten findet er doch unweigerliches Vergnügen an der Aneignung von Biografien, am Erfinden von Realität. „Leben ist Sünde und Kunst ist Diebstahl. Daran möchte ich mit den Raubzügen in meinem Roman erinnern“, schreibt Fishman in seinen Anmerkungen am Ende des Buches – dieser Gedanke spricht aus jeder Seite dieses wunderbar leichten und originellen Romans.

Bestes Zitat: „Wie Salatzutaten waren diese ungleichen Menschen durch die Gier des sowjetischen Staats zusammengeworfen worden, und jetzt in Amerika waren sie gezwungen, weiter Russisch zu sprechen, weil diese Sprache die einzige Verbindung darstellte, wenn sie einander verstehen wollten. Sie taten es, weil der Hass eines Ukrainers auf die Russen immer noch wärmer war als seine Liebe zu den Amerikanern. Die in der alten Welt zurückgebliebenen Brüder hatten sich weiterentwickelt – sie waren jetzt Bürger selbstständiger Länder und hatten ihre Muttersprache unter dem Teppich hervorgeholt, aufpoliert und sie wieder an erste Stelle gesetzt. Aber hier in Brooklyn steckten sie für immer in der Sowjetära fest. Sie waren auf einer fremden Insel gestrandet.“

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