Durchgelesen: Brady Udall – „Der einsame Polygamist“


Eine Familie, in der nichts mehr funktioniert, wird in "Der einsame Polygamist" porträtiert.

Eine Familie, in der nichts mehr funktioniert, wird in „Der einsame Polygamist“ porträtiert.

Autor Brady Udall
Titel Der einsame Polygamist
Verlag Goldmann
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ***

Golden Richards ist 45 Jahre alt – und für eine Midlife Crisis hat er eigentlich gar keine Zeit. Er hätte genug damit zu tun, seine schwierige Kindheit zu verarbeiten, sein Bauunternehmen über Wasser und die strengen Nachbarn bei Laune zu halten. Und nicht zuletzt muss er sich ja noch um seine Familie kümmern. Die ist mit Abstand die größte Herausforderung, denn sie ist ganz, ganz anders als das, was man sich gemeinhin unter „Familie“ vorstellt.

Golden Richards ist Mormone, und das Prinzip der Polygamie hat dazu geführt, dass er nun der Ehemann von vier Frauen und Vater von achtundzwanzig Kindern ist. Diese Anzahl bereitet derart viele Schwierigkeiten, dass selbst Die Supernanny definitiv schon nach wenigen Minuten im Hause Richards die Flucht ergreifen würde.

Der einsame Polygamist beginnt mit einer kleinen Stammbaum-Skizze, in der die Kinder und Frauen durchnummeriert sind, damit wenigstens der Leser die Orientierung findet, die der Hauptfigur fehlt. Dem Oberhaupt dieser Familie fehlt es aber nicht nur an Durchblick, sondern auch an Identifikation: Golden ist beruflich viel unterwegs, und er hat sich immer mehr in sich selbst zurückgezogen, seit zwei seiner Kinder gestorben sind. Mehr und mehr ist er so ein Fremder geworden in seiner eigenen Familie. Das stürzt ihn in die Krise und führt dazu, dass Golden alles hinterfragt und schließlich sogar mit dem Gedanken spielt, die ganze große Familie im Stich zu lassen und neu anzufangen.

Das ist die Ausgangslage für Der einsame Polygamist, und Brady Udall entwickelt daraus ein tolles Porträt einer Familie, in der wirklich gar nichts mehr funktioniert, und in der die Mitglieder dennoch unwiderruflich aufeinander angewiesen sind. Es ist diese hoch originelle Idee, die fast alleine mehr als 700 Seiten Roman trägt.

Vieles ist hier in nahezu provozierender Weise auf den Kopf gestellt: Das, was für die meisten von uns unschicklich wirkt, nämlich die Polygamie, wird in der Welt von Golden ausgerechnet als Religion gefeiert und von der Kirche propagiert. Bei flüchtiger Betrachtung könnte sein Haushalt wie eine Patchwork-Familie wirken. Aber wo die sich über geltende Konventionen hinwegsetzen will und den modern anmutenden Gedanken von Individualität und Freiheit für die Beteiligten propagiert, ist der Zusammenhalt der Familie für Golden quasi fundamentalistisch verordnet.

Brady Udall, der selbst acht Geschwister hat, stellt damit in seinem Roman nicht nur die heutigen Lebensentwürfe von Familien infrage, sondern zeigt auch die Probleme der modernen Geschlechterrollen auf. Golden ist komplett überfordert – nicht nur als Person, sondern als Mann. Er steht für die Rat- und Orientierungslosigkeit seines ganzen Geschlechts.

„Golden zog den Kopf zwischen die Schultern, als er begriff, in welcher Lage er war: Er stand in einem dunklen Wandschrank, die Finger mit Barbecuesauce beschmiert, und pinkelte in einen Eimer, während er einem Hund, der Unterwäsche trug, einen Vortrag über Badezimmermanieren hielt. Konnte es eigentlich noch schlimmer werden?“, wird er sich zu Beginn des Romans seiner eigenen Lächerlichkeit bewusst. 200 Seiten später ist seine Situation keineswegs besser geworden: „Er hatte sein Leben nicht unter Kontrolle und zu keinem Zeitpunkt irgendeines Tages die leiseste Ahnung, was mit ihm passierte. Er war ein Mann mit einem Faible für eine Prostituierte, einem Kondom in der Brieftasche und einem Kaugummi in den Schamhaaren – was sollte das alles bedeuten?“

Beeindruckend ist dieser Roman auch deshalb, weil er zeigt, wie sehr sich der Autor weiterentwickelt hat. Brady Udalls Romandebüt Das wundersame Leben des Edgar Mint war ein wundervoll humorvoller und leichtfüßiger Schelmenroman. Der einsame Polygamist ist ebenso rührend und witzig, aber deutlich ambitionierter. Das Ensemble ist ähnlich komplex wie in Uwe Tellkamps Der Turm, auch die eindrucksvollen Kinderfiguren wie der rebellische Rusty oder die störrische Faye, in die sich Udall unnachahmlich hineinversetzt, sind eine Gemeinsamkeit – ebenso wie der Anspruch, mit einer Familiengeschichte das Typische einer Ära zusammenzufassen und die Könnerschaft in der Komposition des Romans.

Der einsame Polygamist vollführt reichlich Sprünge durch Ort und Zeit: Ganz oft beginnen die Kapitel, ohne dass man weiß, von welcher Figur nun gerade die Rede ist. Erst nach ein paar Absätzen wird ein Name genannt oder man kann aus dem Kontext auf die Antwort schließen. Bis dahin weiß man nicht, ob gerade von einem Kind oder einem Erwachsenen die Rede ist, ob es sich um die erzählte Gegenwart oder eine Rückblende handelt.

Somit herrscht für den Leser ein ähnlich unübersichtliches Chaos wie für Golden beim Versuch, Ordnung in sein Leben und in seine Familie zu bekommen. Wenn man ergründen will, um wen es gerade geht, ist man in genau der gleichen Position wie die Hauptfigur – die oft die Namen ihrer Kinder erraten muss, wenn sie sich gerade nicht sicher ist, wer da schreit, durch die Küche rennt oder neue Schuhe braucht.

Die Gedanken von Der einsame Polygamist gewinnen auch deshalb eine beeindruckende Grundsätzlichkeit, weil Udall es schafft, seinen Roman wie aus der Zeit gefallen wirken zu lassen. Es gibt hier zwar ein paar Anhaltspunkte wie die Atomwaffentests in der Wüste von Arizona oder die Lieder, die von den Kindern heimlich im Radio gehört werden, die darauf schließen lassen, in welcher Ära das Buch spielt. Letztlich ist die kleine Welt der Familie Richards aber eine ewige. Es gibt hier keine Globalisierung, Währungskrise oder Terrorangst, trotzdem gibt es riesige Probleme. Vor allem zeigt sich: Die Konflikte in einer Familie sind mindestens ebenso explosiv, kompliziert und brisant wie die Konflikte in der Politik.

Bestes Zitat: „Das Leben einer Mehrehefrau, so hatte sie festgestellt, war ein Leben im ständigen Vergleich, ein Leben, in dem man sich andauern Fragen stellte. Wenn sie ihren Schwesterfrauen beim Sonntagsessen gegenübersaß und Teller und Platten wie Luftkissenfahrzeuge vorbeischwebten, war das einfach unvermeidlich: Wer von uns ist die Glücklichste? Wer von uns ist seine große Liebe? Wen begehrt er am meisten? Wem vertraut er sich mitten in der Nacht an? Und vor allem eine Frage kam ihr in letzter Zeit fast immer in den Sinn: Bin ich die Einzige, mit der er keinen Sex hat?“

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