Durchgelesen: Callum Roberts – „Der Mensch und das Meer“


Callum Roberts hat eine Kulturgeschichte des Meeres geschrieben - und einen Appell zu seiner Rettung.

Callum Roberts hat eine Kulturgeschichte des Meeres geschrieben – und einen Appell zu seiner Rettung.

Autor Callum Roberts
Titel Der Mensch und das Meer. Warum der größte Lebensraum der Erde in Gefahr ist.
Originaltitel Ocean Of Life
Verlag DVA
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Vielleicht kommen Sie gerade aus dem Sommerurlaub zurück, und vielleicht haben Sie ihn an der Küste verbracht. Vielleicht haben Sie einen Blick auf das Meer geworfen und seine magische Kraft, seine scheinbar ewige Majestät gespürt. Es ist ein einmaliges Gefühl, wenn man weiß, dass auch schon unsere Vorfahren an diesem Strand gestanden haben, und dass auch in dreihundert Jahren die Menschen noch dasselbe Meer sehen werden, mit Wellen, Fischen, Algen.

Falls das auf Sie zutrifft, dann hat Callum Roberts eine schlechte Nachricht für Sie: Das Meer ist nicht ewig, und es ist erst recht nicht unverwundbar. Schon in hundert Jahren könnte nicht mehr viel davon übrig sein, was wir heute daran schätzen. Durch Überfischung, Verschmutzung, Tiefseebergbau und die Folgen des Klimawandels ist der Mensch auf bestem Wege, das Meer zu töten. „Seit 55 Millionen Jahren war in den Ozeanen keine Störung in ihrer Schwere mit dem Unglück vergleichbar, das uns schon in hundert Jahren droht, wenn wir die Emissionen nicht schnell genug zurückfahren“, lautet seine Warnung in Der Mensch und das Meer. Warum der größte Lebensraum der Erde in Gefahr ist.

Roberts, Meeresbiologe und Professor für Meeresschutz an der University of York in England, hat dieses Buch nicht nur aus wissenschaftlichem Interesse geschrieben. Er macht zwar deutlich, dass es ihm ein Anliegen war, die meist vereinzelten Forschungsergebnisse zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Aber er macht in Der Mensch und das Meer auch keinen Hehl daraus, dass er ein riesiger Fan der Ozeane ist. Das Lesebändchen in diesem 600-Seiten-Werk ist beispielsweise türkisblau wie das Wasser der Ozeane dort, wo wir sie am schönsten finden. Es sind solche Details, die für die Begeisterung des Autors stehen, und die illustrieren, warum ihm die Bedrohung der fragilen maritimen Ökosysteme so nahe geht.

Seine Flitterwochen verbrachte Roberts unter Wasser (und machte dabei gleich noch seine Frau zu einer ebenfalls begeisterten Taucherin). Er schreibt von „schlaflosen Nächten“, die er wegen der Versauerung der Meere hat, es „bricht ihm das Herz“, wenn eine Art ausstirbt, bei der Lektüre einer schockierenden Studie „gefriert ihm das Blut“. Man kann das pathetisch finden, man kann in Der Mensch und das Meer allerdings auch reichlich Argumente finden, die solch eine Reaktion nachvollziehbar machen.

Zum einen weist Roberts immer wieder darauf hin, dass das Meer der Ursprung allen Lebens ist (Ocean Of Life lautet der englische Originaltitel des Buchs). Wir alle sind Geschöpfe der Ozeane – das ist die Quintessenz seiner Ausführungen zu Beginn des Buchs. Er erklärt, wie die Ozeane und das Leben in ihnen entstanden sind und sich in den verschiedenen Erdzeitaltern entwickelt haben, kommt dann über die ersten Ansätze von Schifffahrt und Fischfang in der Jetzt-Zeit an und wirft schließlich einen Blick in die nahe Zukunft.

Dabei macht er auch deutlich, welche kulturellen Wert die Ozeane für uns haben, wie sehr sie uns geprägt und wie viel sie uns ermöglicht haben. Vollends verständlich wird die Bestürzung des Autors, wenn er den Schluss daraus zieht: Wenn die Meere sterben, sind wir alle ganz unmittelbar davon betroffen. Schließlich sind die Weltmeere nicht nur Nahrungsquelle und Transportweg, sondern auch ein wichtiger Faktor im Klimageschehen. Wenn sich Wasserpegel, Strömungsrichtung oder Säuregehalt ändern, kann das gravierende, unvorhersehbare Folgen haben. „Auch wenn es schwer zu begreifen ist: Es besteht die Gefahr, dass die Meere wegen der starken Beeinträchtigungen nicht mehr die ökologischen Prozesse aufrechterhalten können, die wir für selbstverständlich halten“, schreibt Roberts. An anderer Stelle wird er noch deutlicher: „Wir verwandeln das Leben im Meer, und damit untergraben wir unsere eigene Existenzgrundlage.“

Das Meer ist fragil, und der massive Wandel, dem es die Menschen ausgesetzt haben, ist rasant und global, warnt Roberts. Auf diesen Zusammenhang hinzuweisen, ist die große Stärke seines Buchs. Sehr eindrucksvoll führt er auch das Ausmaß der Bedrohung vor Augen. Wenn er auf die zerstörerische Dimensionen der Überfischung eingeht, meint er beispielsweise: „In der Europäischen Union ähnelt die Beziehung zwischen Politikern und Fischereiindustrie mittlerweile der eines Arztes, der einem Patienten beim Selbstmord hilft.“ Immer wieder wählt er auch den sehr eindruckvollen Vergleich des Lebens im Wasser mit dem Leben an Land. Wenn das Meer ein Wald wäre und vor unser aller Augen derart massiv bedroht würde, wären wir längst alarmiert und schockiert – und könnten nicht derart achtlos darüber hinweggehen.

Der deutlich erhobene Zeigefinger und der Enthusiasmus des Autors haben ein paar kleinere Mängel zur Folge. In erster Linie ist Der Mensch und das Meer ein Stückchen zu lang: Viele Beispiele betonen die Dringlichkeit von Roberts’ Mahnung und die Dimension der Bedrohung, bringen aber auf Dauer wenig Erkenntnisgewinn (4 statt 11 Belege für die Folgen der Verätzung der Weltmeere wären auch überzeugend genug gewesen). Auch der Hinweis auf die Empfindlichkeit von Korallen, Korallen, Korallen nervt auf Dauer.

Trotzdem ist Der Mensch und das Meer ein spannendes, beeindruckendes Buch, und zudem eines, das keine Lust auf Weltuntergangsszenarien hat, sondern konstruktiv und appellativ daherkommt. Roberts glaubt daran, dass wir die Weltmeere noch retten können, er macht das wiederholt deutlich und spielt beispielsweise Lösungsmöglichkeiten wie Geo-Engineering durch. Die erfolgreichste Methode zur Rettung wäre aber seiner Ansicht nach eindeutig: ein Bewusstseinswandel, hin zu mehr Achtsamkeit im Umgang mit dem Meer.

Bestes Zitat: „Die Welt kann es sich nicht mehr leisten, Entscheidungen hinzunehmen, die das egoistische Verfolgen eigener Interessen und kurzfristiges Denken höher einstufen als die Berücksichtigung anderer Bewohner des Planeten – und zwar unabhängig davon, ob sie Menschen sind oder nicht und ob sie jetzt leben oder erst später leben werden.“

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