Durchgelesen: Carsten Otte – „Schweineöde“ 1


"Schweineöde": Ein Wessi sucht den Kick in Ost-Berlin.

Autor Carsten Otte
Titel Schweineöde
Verlag Eichborn
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ***

Theoretisch könnte jemand, der am Tag des Mauerfalls geboren wurde, inzwischen schon wieder selbst Kinder haben. So lange ist das schon her. Trotzdem sind Wende, Ostalgie und Fördergelder noch immer brandaktuelle Themen.

Hüben wie drüben rätselt man, warum es noch nicht so richtig geklappt hat mit der Wiedervereinigung – und merkt dabei nicht, dass diese Diskussion eher hinderlich ist, weil sie den Blick zurück richtet und darauf zielt, Eigenheiten und Unterschiede zu definieren. Ost und West reden zu viel über- und zu wenig miteinander. Man pflegt lieber seine Vorurteile statt sich kennen zu lernen.

Wie das Kennenlernen ablaufen kann (und wie aktuell die Thematik ist), zeigen zwei neue Bücher. In „Schweineöde“ lässt der Wessi Carsten Otte seine Hauptfigur Raimund Kuballa von Bonn nach Ostberlin ziehen. Dort erhofft sich Kuballa, vom Leben in der alten Bundeshauptstadt gelangweilt und durch eine Erbschaft steinreich geworden, irgendeinen Kick. In Berlin-Schöneweide (von den Einheimischen nur Schweineöde genannt) verbringt er acht Jahre voller obskurer Begegnungen und grotesker Missverständnisse, bis er schließlich in einen Wahn verfällt und sich für einen talentierten Stasispitzel hält.

Ottes Roman lebt von der Absurdität dieser Geschichte, vom Kontrast zwischen Vorstellung und Realität. „Schweineöde“ verzichtet auch auf alle Rührseligkeit und Verklärung. Nicht zuletzt findet Otte in der Beziehung zwischen Kuballa und der Thälmann-Pionierin Jana auch ein passables Bild für die Geschichte der Wiedervereinigung: echte Sehnsucht (wobei sich die Vorfreude als schöner erweist als die Erfüllung des Traums) auf der einen Seite und eine seltsame Faszination für das Exotische und Unbekannte auf der anderen.

Den umgekehrten Weg beschreitet Peter Richter in „Blühende Landschaften“. Der gebürtige Dresdner beschreibt seine Erfahrungen auf dem Weg nach Westen – nicht als Roman, sondern als Gedächtnisprotokoll, autobiographisch.

Darin liegt auch das Problem des Buchs. Erstens verallgemeinert Richter seine persönlichen Erfahrungen. Zweitens findet er keine Form für all seine Eindrücke, die so unterschiedliche Bereiche wie Musik, Drogen, Architektur, Essen oder Tätowierungen umfassen. Damit wirkt Richter schnell wie jemand, der lange nicht zu Wort gekommen ist und sich jetzt alles von der Seele reden will. Daneben stören stilistische Ausrutscher („Sie waren Trümmerfrauen gewesen, jetzt waren sie Frauentrümmer“) und blöde Manierismen (beispielsweise werden die Namen aller Figuren abgekürzt).

Richters Problem mit der Einheit ist in erster Linie, dass er ein notorischer Außenseiter (und zudem etwas neidisch) ist, der sich nicht ändern und schon gar nicht integrieren will – aber auch niemandem auf die Füße treten. Immerhin gibt es gelegentlich gute Einfälle wie diesen: „Der Osten greift nach einem, sobald man sich auf den Weg in den Westen macht, denn der ist auch nicht mehr, was er mal war und er gibt einem ständig das Gefühl, man sei schuld daran.“

Und auch Richter findet ein Bild für die Wiedervereinigung (ohne es selbst zu merken), als er über die angeblich typisch ostdeutsche Begrüßung per Händedruck schwadroniert: Einer reicht die Hand, der andere schlägt nicht ein, weil er diese Geste nicht kennt – und beide sind am Ende peinlich berührt.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Ein Gedanke zu “Durchgelesen: Carsten Otte – „Schweineöde“