Durchgelesen: Cem Gülay – „Kein Döner Land“ 1


Schonungslos wirft Cem Gülay in "Kein Döner Land" einen Blick auf die Integrationsproblematik.

Schonungslos wirft Cem Gülay in „Kein Döner Land“ einen Blick auf die Integrationsproblematik.

Autor Cem Gülay mit Helmut Kuhn
Titel Kein Döner Land. Kurze Interviews mit fiesen Migranten
Verlag DTV
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **

„Deutschland ist dönerisiert.“ Das ist die Grundthese von Cem Gülay. Keine Sorge: Der Autor, 1970 als Gastarbeiterkind in Hamburg geboren und mittlerweile in Berlin zuhause, will mit diesem Satz nicht noch ein bisschen mehr Wasser auf die Mühlen von Thilo Sarrazin schütten. Aber er hat durchaus auch etwas zur Integrationsdebatte zu sagen. Sein Buch Kein Döner Land – Kurze Interviews mit fiesen Migranten ist alarmierend.

Der Untertitel ist dabei allerdings eine Mogelpackung. Wortlautinterviews mit Migranten gibt es in diesem Buch nicht. Kein Döner Land ist eher so etwas wie ein Tagebuch, in dem Cem Gülay seine Erfahrungen sammelt, nachdem er mit seiner Autobiographie Türken-Sam. Eine deutsche Gangsterkarriere von seinem Ausstieg aus der Kriminalität erzählt hatte und so zum gefragten Gesprächspartner geworden war überall dort, wo es darum ging, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund auf die schiefe Bahn geraten könnten.

Gülay trifft auf seinen Lesungen viele Migranten und „Bio-Deutsche“, bemitleidenswerte Lehrer, engagierte Sozialarbeiter, aalglatte Politiker, aufmüpfige Kids. Was er sieht, schockiert ihn und bringt ihn zur Schlussfolgerung: „Ich will mich einmischen. Ich will euch aufmischen. Ich will mitreden. Ich will mich gegen diese Apartheid wehren. (…) So darf es nicht weitergehen.“

Jawohl: Apartheid. Diesen Begriff verwendet Gülay, wenn er schildert, wie wenig deutsche Kinder meist mit ihren ausländischen Mitschülern zu tun haben wollen – und umgekehrt. Auch sonst ist der Autor ein Freund klarer Worte: Er spricht von Segregation. Er stellt die These auf, dass eine Schule ab einem gewissen Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund unweigerlich „kippt“ wie ein See, dem Algen den gesamten Sauerstoff entziehen. Er greift sogar den von Thilo Sarrazin geprägten Begriff der „Kopftuchmädchen“ auf.

Gülay hat erkannt, dass die Probleme längst zu groß sind, um sich noch um so etwas wie Political Correctness den Kopf zerbrechen zu müssen. Noch eine Stärke seines Buchs: Kein Döner Land würdigt die kleinen Leute, die vor Ort wirklich etwas verändert haben (oder es wenigstens versuchen).

Der Autor kommt nicht mit erhobenem Zeigefinger daher und geht mit „Bio-Deutschen“ erfreulicherweise ebenso hart ins Gericht wie mit Migranten. Den deutschen Unternehmern wirft er beispielsweise vor, dass sie Migranten nach wie vor vom Arbeitsmarkt ausgrenzen. Türkischen Migranten attestiert er wiederum ein „übertriebenes Ehrgefühl“, das meist von den Vätern anerzogen werde und oft genug Grund für unnötige Aggression sei.

In erster Linie will er Beobachtungen liefern, nicht Lösungen. Er habe keinen Masterplan, bekennt Gülay, aber seine Leser sollten zumindest verstehen, was in deutschen Städten (und längst auch auf dem Land) abgeht. Mit dem Verweis auf oftmals fehlende Vorbilder für gelungene Integration und dem Plädoyer für Bildung, Bildung, Bildung spricht er trotzdem zwei entscheidende Grundprobleme an.

Uneingeschränkt empfehlenswert ist Kein Döner Land trotzdem nicht. Ein erstes Manko ist, dass der Osten Deutschlands hier (abgesehen von Klischees und Glatzkopf-Witzen) über weite Strecken nicht vorkommt, bevor ihm dann doch noch ein paar Kapitel mit Blick auf die NSU-Morde und fragwürdige Polizeiarbeit gewidmet werden. Eine weitere Schwäche: Viele der Anregungen sind schlicht unrealistisch. Wenn Gülay beispielsweise den Migrantenanteil an einer Schule auf 35 Prozent begrenzen will und „überschüssige“ Schüler dann per Bus in Schulen anderer Stadtteile fahren lassen will, dann steht dem nichts Geringeres im Wege als die Freiheit der Eltern und Schüler. Integration per Gesetz, Zwang und Umsiedlung? Das erscheint wenig überzeugend.

Ärgerlich ist auch, dass einige Gedanken oder Hinweise nicht zu Ende recherchiert sind. Da werden Daten bloß geschätzt, Vermutungen nicht einmal durch einen kurzen Wikipedia-Check geprüft oder die Frage offen gelassen, wie es mit einem Protagonisten weitergeht, für den man als Leser gerade Interesse entwickelt hat. Derlei Nachlässigkeit ist auch mit dem Charakter als Reisetagebuch nicht ganz zu entschuldigen.

Viel schwerer wiegen aber andere Fehler. Zum einen vermischt Gülay leider – bezeichnenderweise genau wie Sarrazin und andere Rechtspopulisten – Migranten insgesamt und einzelne Bevölkerungsgruppen wie Araber, Türken, Kurden usw., wie es ihm gerade passt, um seine Argumentation schlüssig wirken zu lassen. Das ist unzulässig. Es gibt, etwa bei der Jobsuche, definitiv Diskriminierung, die beispielsweise Schulabgänger mit russlanddeutschen, türkischen, vietnamesischen oder italienischen Wurzeln in gleichem Maße betrifft. Es gibt aber auch Probleme, die es nur für beziehungsweise mit einigen dieser Gruppen gibt. Letztlich reflektiert Gülay zu wenig, wie weit er selbst und seine Biographie als exemplarisch gelten können.

Dazu gehört leider auch, dass in Kein Döner Land eine klare Absage an Gewalt fehlt. Der ehemalige Gangster Gülay gibt sich nach wie vor gerne martialisch. Einem Sozialarbeiter namens Paul Römer gibt er den Tipp, im Umgang mit seinem Klientel nicht zu sehr auf Kuschelkurs zu gehen: „In ihrem Leben, in der Familie, auf der Straße, ist Gewalt nun mal ein Mittel. Das kann man nicht ignorieren.“ Römer findet nach diesem Hinweis angeblich seinen „goldenen Mittelweg zwischen Konfrontation und Reformpädagogik“, indem er zusätzlich auch Kung-Fu-Stunden anbietet, bei denen er den Kids „erst mal ein paar auf die Nuss“ gibt, wenn sie ihm auf der Nase herumtanzen.

Zu solch fragwürdigen Empfehlungen gehört auch die Geschichte, die Gülay von zwei Mädchen erzählt, die in der U-Bahn von jungen Türken belästigt werden. Die eine ist genervt und will in Ruhe gelassen werden – sie muss am Ende um ihr Leben fürchten. Die andere reagiert vergleichsweise freundlich und kommt glimpflich davon. Natürlich kann man das als Appell lesen für mehr Offenheit und Kommunikation. Aber die Frage, warum sich die beiden Mädchen überhaupt Sprüche über ihre „Hupen“ gefallen und sich bedrängen lassen sollten, blendet dieses Szenario aus. Das asoziale Verhalten der Jungs erscheint als gottgegeben, aber von den Mädchen wird Verständnis und Nachsicht gefordert. Immer wieder argumentiert Gülay auf diese Weise: pragmatisch, nicht moralisch. Das ist vielleicht kurzfristig wirkungsvoll. Aber es fragt sich, ob das langfristig wirklich die Probleme beseitigt.

Bestes Zitat: „Manche Politiker sind vermutlich einfach naiv. Sie leben in einer anderen Welt und schauen mal eine halbe Stunde vorbei in der Problemschule. Niemand kann diese Jugendlichen beurteilen, die dort leben, wenn er selbst nicht dort lebt. Was machen sie denn? Sie integrieren sich doch! Und zwar perfekt! Diese Jugendlichen integrieren sich in Armut, Kriminalität und in die Machtstrukturen der Viertel, in denen sie aufwachsen.“


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