Durchgelesen: Chris Heath – „Robbie Williams – You Know Me“


Autor Chris Heath

Robbie Williams You Know Me Chris Heath Rezension Kritik

Eine Biographie in Bildern erzählt Chris Heath in „You Know Me.“

Titel Robbie Williams – You Know Me
Verlag Heyne
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung

Als „sein persönlichstes Buch“ preist der Verlag Robbie Williams – You Know Me an. Das irritiert zunächst ein wenig. Denn zum einen ist der Autor des Buches nicht Robbie Williams selbst, sondern Musikjournalist Chris Heath, der einst bei Smash Hits aktiv war, sich dann mit der Pet-Shop-Boys-Biographie Literally einen Namen als Buchautor gemacht hat und mittlerweile etwa für den Rolling Stone und GQ schreibt. Zum anderen kann man sich kaum vorstellen, dass es nach dem 2004 veröffentlichten Feel tatsächlich ein noch intimeres Buch über Robbie Williams geben könnte: Dieses Werk wurde nicht nur zum Bestseller und in mehrere Sprachen übersetzt, sondern ob seiner manchmal schockierenden Freizügigkeit und Härte bei der Betrachtung einer zerrütteten Seele unter anderem sogar von Bret Easton Ellis gelobt.

Ganz falsch ist die Bezeichnung trotzdem nicht. Zudem stammte auch Feel aus der Feder von Chris Heath, zum anderen zeichnet den Autor und sein Subjekt ein besonderes Vertrauensverhältnis aus. Robbie Williams nennt den Journalisten einen „close and personal friend“, auf seinem aktuellen Album taucht Chris Heath bei sechs Liedern sogar als Co-Urheber auf.

You Know Me bestätigt diese Nähe: Für das Buch haben sich die beiden gemeinsam durch ein riesiges Fotoarchiv gewühlt, von Kindheitsfotos über die Glanzzeiten von Take That bis hin zu den Auf und Abs in Robbie Williams’ Solokarriere. Mehr als 200 Fotos, teils zuvor unveröffentlicht, haben sie zusammengetragen. Neben Hochglanz-Promotion-Bildern sind auch viele Fotos dabei, die hinter den Kulissen entstanden, dazu etliche Aufnahmen aus dem Familienalbum. So entsteht eine Bildbiografie, die nicht nur von der hochwertigen Aufmachung und der gelungenen Übersetzung von Lisa Kögeböhn profitiert, sondern vor allem von Robbie Williams’ Lust auf Verkleidungen: Er ist im Bühnenoutfit zu sehen, in einem rosa Strampelanzug (als Erwachsener), im Fußballtrikot, im Raumanzug, in Frauenkleidern (am Set von Little Britain) und gelegentlich auch nackt. Nicht nur für Fans ist das ein Augenschmaus.

You Know Me ist damit ein glänzendes Beispiel für die Bedeutung von Optik und Inszenierung im Pop. Vor allem aber sind all die Kostümierungen eine gute Entsprechung für die Zerrissenheit, Lust auf Provokation und Suche nach Stetigkeit bei Robbie Williams, die auch in diesem Buch erkennbar wird. Zwar gibt es vergleichsweise wenig Text (im Prinzip bietet das Buch lediglich einleitende Abschnitte mit einem Überblick über die jeweilige Karrierephase, der Rest sind ausgedehnte Bildunterschriften, in denen sich Robbie Williams mit immer sehr persönlichen und oft sehr gewitzten Statements an das jeweilige Foto erinnert, und an die Zeit, in der es entstanden ist).

Trotzdem gelingt es damit, ein treffendes Künstlerporträt zu zeichnen. Vor allem ist Robbie Williams auch hier auf manchmal schmerzhafte Weise ehrlich und selbstreflexiv: So sehr er das Publikum glauben machen kann, er sei ein selbstverliebter Strahlemann, so wenig kann er sich selbst darüber täuschen, wie viele Komplexe in ihm stecken. Vor allem der Blick auf seinen eigenen Körper ist ein Indiz dafür. Immer wieder wird anhand der Bilder seine Figur zum Gradmesser und Spiegelbild von Wohlbefinden, Depression oder Alkoholismus. Wie sehe ich aus? Bin ich schlank oder pummelig? Auch, weil diese Fragen für ihn eine so überdimensionierte Bedeutung haben, funktioniert die Form des Fotobuches hier so gut und trägt dazu bei, dass durchaus so etwas wie Tiefgang entsteht.

Im Gegensatz zu Feel, im Prinzip ein Tagebuch der Welttournee 2003/2004, profitiert You Know Me auch davon, dass es die gesamte Karriere von Robbie Williams in den Blick nimmt und damit nicht nur zeigt, wie die Zeit bei Take That nach wie vor nachwirkt, sondern auch, wie sich der Künstler als Solist entwickelt und immer wieder neu definiert hat. Nicht zuletzt hat Chris Heath auch hier eine, zumindest für den Leser, höchst erfreuliche Eigenart wieder herausgearbeitet: Nämlich die Erkenntnis, dass sich andere Popstars wahrscheinlich genauso viele Fehltritte erlauben wie Robbie Williams. Aber sie reden nicht so offen darüber. Und sie übernehmen nicht auf solch beinahe masochistische Weise die Verantwortung dafür.

Bestes Zitat (aus dem Vorwort von Chris Heath): „Auf das alte Ich und all das, was uns inzwischen von ihm trennt, zurückzublicken ist schon für Normalsterbliche nicht leicht, für Stars jedoch umso mehr. Gerade weil Fotos für sie so viel mehr sind als nur Fotos und oft missbraucht werden. Sie sind keine bloßen visuellen Erinnerungsstücke – durch sie definiert und vermarktet man sich selbst, durch sie kann man bloßgestellt werden, wird man beurteilt.“

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