Durchgelesen: Christine Wunnicke – „Der Fuchs und Dr. Shimamura“


Autor Christine Wunnicke

Der Fuchs und Dr. Shimamura Christine Wunnicke Rezension Kritik

Der Titelheld von „Der Fuchs und Dr. Shimamura“ hat wirklich gelebt.

Titel Der Fuchs und Dr. Shimamura
Verlag Berenberg
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Füchse haben derzeit in der Literatur wieder mächtig Konjunktur. In Vor dem Fest von Saša Stanišić ist eine der wichtigsten Protagonistinnen eine Füchsin. In Glow von Ned Beauman versetzen Füchse die Partyszene Londons in Aufruhr. Und natürlich sind da auch immer noch die Fabelwesen à la Reinicke.

In Der Fuchs und Dr. Shimamura von Christine Wunnicke haben die Tiere eher eine metaphorische Bedeutung: Der Nervenarzt Dr. Shimamura soll im Jahr 1891 in die japanische Provinz reisen, um dort ein rätselhaftes Phänomen zu untersuchen, bei dem Frauen – wie es die Einheimischen nennen – „vom Fuchs besessen“ sind. Die Betroffenen krümmen sich, tanzen wie wild und in ihrem Körper scheint ein Fuchs zu toben, der erst dann wieder Ruhe gibt, wenn er aus einer Frau heraus und in sein nächstes Opfer schlüpfen kann. Der Arzt wird aus den Symptomen nicht schlau und kann auch keine Therapie anbieten. Dafür wirkt er nach seiner Rückkehr selbst fiebrig, impulsiv und wie vom Fuchs besessen.

Man zweifelt schon bald an seiner Kompetenz als Mediziner und erkennt: Vielmehr ist er wohl selbst behandlungsbedürftig. Diesen Eindruck haben auch seine Fachkollegen, als der Japaner wenig später auf eine dreijährige Forschungsreise nach Europa geht, mit Stationen in Paris, Berlin und Wien. Sie nennen sein Verhalten heimlich „Hysterie“.

Es ist diese Unterscheidung, die den Kern von Der Fuchs und Dr. Shimamura bildet: Ein jahrhundertealter Aberglaube auf der einen Seite, die Anfangstage der Psychoanalyse und klinischen Psychologie auf der anderen. Beide versuchen, dem menschlichen Geist und seinen extremeren Kapriolen auf den Grund zu gehen, Begriffe dafür zu finden und Linderung zu versprechen, mit kulturell völlig anderem Hintergrund und völlig anderen Methoden. Dass der Quasi-Exorzismus, den der Arzt bei seiner Reise in japanische Dörfer erlebt, dabei ähnlich effektiv ist (oder eben nicht) wie die ersten Therapieversuche der Wissenschaftler in Europa, ist ein gutes Beispiel für die Ironie, die Christine Wunnicke in ihrem Roman einsetzt.

„Er traute seinem Gehirn ohnehin nicht“, heißt es über die Titelfigur, die immerhin Neurologe ist. An anderer Stelle bedauert Shimamura, „dass man sich das Gehirn nicht zuhalten konnte. Stattdessen hielt er sich den Mund zu, damit dort nichts Falsches herauskam“. Mit solchem Humor und dem großzügigen Einsatz von surrealen und absurden Effekten will die in München lebende Autorin wohl nicht die Wissenschaft an sich in Zweifel ziehen, aber doch auf die Gefahr hinweisen, wie leicht man sich blamieren kann, wenn man sich voll und ganz und ausschließlich auf sie verlässt, ohne auch ihre Grenzen zu sehen. Bezeichnenderweise sind es nicht Menschen, an denen einer der ersten Neuropsychologen die Richtigkeit seiner Thesen bestätigt findet, sondern Tiere (genauer Kaulquappen und Krebse), die ihm „immer wieder den Glauben an die Wissenschaft wiederfinden [lassen], wenn er diesen schon ganz verloren zu haben meinte“, schreibt Wunnicke.

Dr. Shimamura macht, trotz seiner erfolglosen Mission zu den Fuchs-Frauen und der nur halbwegs geglückten Stippvisite nach Europa, durchaus Karriere. Das Buch zeigt ihn im Jahr 1922 als pensionierten Leiter einer Nervenklinik. Er wartet, wie es heißt, „nun schon seit Jahren auf seinen Tod“ und ärgert sich, dass von seinen wissenschaftlichen Verdiensten nur die besonders gepolsterten Matten geblieben sind, die auf sein Geheiß hin an den Wänden der Zimmer von Geisteskranken angebracht worden waren. Umhegt wird er in seinem Ruhestand von drei Frauen, die er zu dirigieren meint, von denen er aber in Wirklichkeit abhängig ist. Auch das erweist sich als Leitmotiv in seinem Leben: Shimamura hält sich für einen Kenner der Frauen, wird von ihnen wohl aber eher als Kasper betrachtet.

Einen besonderen Appeal bekommt das Buch von Christine Wunnicke, Jahrgang 1966, durch die Tatsache, dass ihr Held tatsächlich gelebt hat, auch die Stationen in Europa und Kyoto sind verbürgt. Durch die Geschichte rund um diese Figur gelingt ihr nicht nur ein faszinierender Blick auf die Zeit, als die Psychopathologie noch in den Kinderschuhen steckte, samt knapper und frecher Porträts einiger der damaligen wissenschaftlichen Pioniere. Ihr Roman ist auch, wie es NDR Kultur genannt hat, „ein fantastisch erzähltes Kabinettstück des menschlichen Geistes“. Eine wichtige Rolle spielt in Der Fuchs und Dr. Shimamura die Fähigkeit eben jenes Geistes zur Selbstbezwingung, eine noch größere spielt seine Rätselhaftigkeit. Der Roman feiert letztlich die Unergründlichkeit der Psyche.

Bestes Zitat: „In gewisser Weise sind wir alle Ärzte. Arzt sein ist ansteckend.“

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