Durchgelesen: Christoffer Carlsson – „Der Turm der toten Seelen“


Autor Christoffer Carlsson

Christoffer Carlsson hat eine Vorliebe für menschliche Abgründe.

Christoffer Carlsson hat eine Vorliebe für menschliche Abgründe.

Titel Der Turm der toten Seelen
Otiginaltitel Den osynlige mannen fran Salem
Verlag C. Bertelsmann
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Was für ein Kommissar! Leo Junker war einmal ein aufstrebender, hoffnungsvoller Beamter bei der Stockholmer Polizei. Jetzt ist er 33 und körperlich und geistig so mitgenommen, dass er sich nur mit reichlich Tabletten und einem gelegentlichen Glas Absinth hinaus in die Welt wagen kann. Dass er suspendiert ist, erscheint da fast wie eine Selbstverständlichkeit: Im Undercover-Einsatz für die interne Ermittlung hat er bei einer Razzia auf Gotland versehentlich einen Kollegen erschossen. Es ging um einen Waffendeal und entpuppte sich als spektakulärer Flop, für den Leo nicht nur bei der Polizei, sondern auch in der Presse zum Sündenbock gemacht wurde.

Ein paar Monate später hat er sich noch immer nicht davon erholt. Da wird in einem Asyl für Drogenabhängige – ausgerechnet im selben Haus, in dem ein paar Stockwerke höher auch Leo wohnt – eine junge Frau umgebracht. Wieder gerät der Kommissar in die Schlagzeilen und innerhalb seiner Behörde ins Zwielicht. Obwohl er suspendiert ist, versucht er auch selbst, die Hintergründe des Falls herauszubekommen und stellt fest: Die Spur führt in seine eigene Vergangenheit als Teenager im Problem-Bezirk Salem, wo er sich in einer harten Gegend behaupten musste und auch ein paar Abenteuer jenseits der Legalität erlebt hat.

Eine faszinierende Figur hat der junge schwedische Autor Christoffer Carlsson damit erschaffen, auch wenn man kaum glauben mag, dass er diesem kränklichen Kommissar noch zwei weitere Bände zumuten möchte: Der Turm der toten Seelen, 2013 mit dem schwedischen Krimipreis ausgezeichnet und nun auf Deutsch verfügbar, ist als Auftakt einer Leo-Junker-Reihe konzipiert. Der zweite Band ist in Schweden schon erschienen und soll im Oktober 2015 auch in Deutschland herauskommen.

Carlsson, Jahrgang 1986 und selbst promovierter Kriminologe, hat in seiner Heimat schon zuvor zwei hoch gelobte Thriller veröffentlicht und kann ohne Bedenken als Frühstarter im Krimi-Genre bezeichnet werden. Seine ersten Gehversuche in diesem Metier machte er schon als Elfjähriger, hat er in einem Interview berichtet. „Daran ist mein Großvater schuld. Er hatte mir Mankells Die fünfte Frau geschenkt. Vielleicht nicht unbedingt das passendste Geschenk für einen Elfjährigen – schließlich werden in dem Buch Menschen aufgespießt – aber ich habe das Buch regelrecht verschlungen und wurde krimisüchtig. Dann habe ich irgendwann ein Manuskript geschrieben.“

Manchmal merkt man ein bisschen sehr, dass Der Turm der toten Seelen als Start einer ganzen Krimiserie rund um Leo Junker gedacht ist. Einige Rätsel und Konflikte werden hier angedeutet, die es für die Handlung nicht gebraucht hätte, die aber wohl in späteren Büchern wieder aufgegriffen und gelöst werden sollen. Das ist aber fast schon das einzige Manko dieses Thrillers, der neben einem sehr spannenden Mordfall auch geschickt soziale Brennpunkte, den Rausch der ersten Liebe und die seltsamen Dynamiken und Loyalitäten innerhalb von Ermittlungsbehörden thematisiert.

Der Turm der toten Seelen erinnert gelegentlich nicht nur vom Inhalt, sondern auch von der Form her an Stefan Ahnhems Und morgen du. Rückblenden in die Jugend stützen diesen Eindruck, ebenso wie das Zitieren aus Tagebucheinträgen und ein durch Mobbing in der Schule geformter (das heißt: zur Rache angestachelter und emotional gestählter) Super-Bösewicht, der hinter allem steckt und dabei zunächst geradezu wie ein Phantom wirkt. „Manche Leute haben das so an sich, dass sie vor unseren Augen verschwinden. Als würden sie stets eine Rolle spielen, eine Maske tragen, und das nicht nur anderen, sondern auch sich selbst gegenüber. Es macht etwas mit einem Menschen, auf diese Weise ohne Identität zu sein“, erkennt Leo Junker. Der unsichtbare Mann aus Salem heißt dieser Krimi bezeichnenderweise im Originaltitel.

Es sind – neben einer Atmosphäre der Überspannung, Gereiztheit und Erschöpfung, die von der ersten Seite an dieses Buch prägt – das besondere Augenmerk für die Abgründe der menschlichen Psyche und die Vorliebe für einen außergewöhnlichen Ermittler, der selbst mit ein paar Dämonen zu kämpfen hat, was Christoffer Carlsson auszeichnet. Gleich mehrere Rezensenten haben diese Qualitäten zu Vergleichen mit Stieg Larssson inspiriert. Ob der 28-Jährige dem wirklich standhalten kann, werden wohl spätestens die nächsten Fälle von Leo Junker zeigen.

Bestes Zitat: „Menschen verändern sich nicht, Herr Polizist. Sie passen sich an.“

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