Durchgelesen: Clemens Meyer – „Im Stein“ 1


Prostitution ist verdorben - aber der Rest der Welt ist es auch, lautet die Botschaft von "Im Stein."

Prostitution ist verdorben – aber der Rest der Welt ist es auch, lautet die Botschaft von „Im Stein.“

Autor Clemens Meyer
Titel Im Stein
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Er schreibe „über einen Wirtschaftszweig“, verriet Clemens Meyer, als er im Januar vergangenen Jahres bei einer Lesung an der HTWK nach dem Thema seines nächsten Buches gefragt wurde. Das Werk werde viele Seiten und viele Figuren haben und frühestens im September 2013 erscheinen, kündigte er an.

Er war ein bisschen schneller (Im Stein ist seit Mitte August in den Läden), sonst hat er Wort gehalten und dennoch überrascht. Denn der besagte Wirtschaftszweig ist nicht etwa die Bankenwelt, die Chemieindustrie oder das Verlagswesen. Sondern das älteste Gewerbe der Welt. Clemens Meyer hat einen Roman über die Prostitution geschrieben, auch als „Versuch, diesen halben Mythos des Rotlichts zu erneuern“, wie er unlängst im Interview mit dem Kreuzer sagte.

Das ist eine erstaunliche Wahl, aber eine sehr interessante und vor allem kluge. Zu Beginn seiner Laufbahn gab es oft den Vorwurf, Clemens Meyer zehre als Schriftsteller lediglich von seiner Milieukenntnis, von einer rauen Jugend inmitten von Crashkids und Drogen im wilden Osten. Diesmal könnte das Thema kaum weniger autobiografisch sein. Im Stein fußt nicht auf Erfahrungen, sondern auf Recherche. Meyer hat 15 Jahre lang an diesem Roman gearbeitet, sagt er, und mit rund 70 Frauen aus dem Rotlichtmilieu gesprochen. Seine Erkenntnisse verarbeitet er mit sagenhafter Kunstfertigkeit in einer Montage, die in ihrer Technik ein wenig an sein Debüt Als wir träumten erinnert, vor allem aber seinen Ehrgeiz, seine Fantasie und seine Raffinesse beweist. Gleich zweimal bezeichnet er Im Stein im besagten Kreuzer-Interview selbst als „größenwahnsinnig“, doch der Roman wird jedem Anspruch gerecht.

Die Handlung erstreckt sich über etliche Jahre, der wichtigste Schauplatz ist ein fiktiv großgezoomtes Leipzig, das niemals namentlich genannt wird, für Eingeweihte aber doch gut erkennbar ist („Ich wollte einen mythologischen allgemeingültigen Raum eröffnen, den Roman einer ostdeutschen, mitteldeutschen Metropolis erzählen, eines großen Sündenbabel“, erklärte Meyer im Interview mit der Welt). Das Ensemble ist riesig. Im Mittelpunkt stehen Arnold Kraushaar, der Zimmer an Prostituierte vermietet, und Hans Pieszeck, der ein Bordell betreibt.

Dazu kommen Protagonisten, die manchmal nur kurz auftauchen, manchmal förmlich durch die gut 550 Seiten mäandern. Ein Ex-Jockey zum Beispiel (ein beliebter Meyer-Topos), der seine Tochter sucht, seit sie vor vier Jahren im Rotlichtmilieu verschwand. Ein Polizist, der Crystal-Meth-Dealern auflauert und weiß, dass seine Arbeit ähnlich wirkungsvoll ist wie die von Sisyphos. Eine 31-jährige Prostituierte, die früher mal studiert hat und dann in Berlin den Drogenabsturz erlebte, den sie nicht als solchen empfindet, „weil war ’ne schöne wilde Zeit“.

Das Rotlichtmilieu schildert Meyer nicht allzu glamourös, aber auch nicht schäbig oder gar igitt. Dass unser Blick auf die Prostitution bigott ist, führt der Autor immer wieder vor. Viele der Protagonisten sind selbst angewidert von diesem Geschäft, „der Mühle“, aber noch mehr vom schlechten Ruf, der ihnen deshalb anhaftet, obwohl doch jeder nur versucht, über die Runden zu kommen und seinen Schnitt zu machen. Es gibt etliche Passagen, in denen sie das klarstellen und sich rechtfertigen.

Die wohl wichtigste Botschaft von Im Stein lautet: Diese Branche ist auch nicht unmoralischer als andere. „Das Geld fließt und fließt, meist in beide Richtungen, rein und raus, das alte Spiel, und wir waren, und wir sind, und wenn man seinen Platz hat im großen Spiel, geht es weiter… Immer weiter“, heißt es an einer Stelle. Die Gemeinsamkeiten mit anderen Wirtschaftszweigen erkennt auch Arnold Kraushaar, als er seine Rotlicht-Kenntnisse durch ein BWL-Studium ergänzt: „Die Zeiten ändern sich schnell in seinem Geschäft, das Geld fließt und fließt, und deswegen braucht er solide Fundamente. Chaos ist ein Feind des Geschäfts und nutzt nur dem, der übernehmen will. (…) Das hat er alles schon vorher gewusst, zumindest mit dem Bauch und der Faust, er hat ja das Chaos ergründet in den Jahren nach der Wende, aber jetzt geht im das alles ständig durch den Kopf, seit er in den Nächten sitzt und lernt, er begreift die Dinge jetzt anders, gleicht die Geschehnisse und Erinnerungen ab mit den Lehrsätzen und Theorien aus den Büchern und Seminaren, versucht, das Geheimnis des Marktes zu begreifen, und es ist überall derselbe Markt, das begreift und sieht er immer klarer, ob Bumsen, Badelatschen oder Millionen made by Ackermann.“

Es geht in diesem Geschäft (und in diesem Buch) nicht um Sex, sondern um Kampf und vor allem um Macht. Kraushaar und Pieszeck haben beide Ärger mit der Konkurrenz, müssen um ihre Position fürchten und damit um ihren Lebensunterhalt. Auch auf den Hierarchieebenen darunter gehen hier ganz durchschnittliche Menschen ihrer ganz alltäglichen Beschäftigung nach. Es ist zum einen diese These der Normalität, die zugleich ein Tabubruch und eine Absolution ist, aus der das Buch seinen Reiz bezieht, und die Ulrich Wickert wohl dazu geführt hat, Im Stein zu preisen als einen „großen Gesellschaftsroman, wie er seit sehr Langem in Deutschland nicht mehr geschrieben worden ist“.

Zum anderen ist es aber die Form. „Ich dringe als Autor quasi in die Schichten der Zeit ein und betrachte diese Menschen mit dem Blick eines Archäologen, also des Forschers“, erklärte Meyer im Kreuzer seinen Ansatz und zugleich eine der Bedeutungen des Romantitels. Sein Buch ist ein mitunter surreales Kaleidoskop aus unchronologisch angeordneten Gesprächsnotizen, Zitaten aus BWL-Lehrbüchern, Zeilen aus Liedern, Protokollen, gegen Ende sogar einer langen Interview-/Verhörsequenz. Dazwischen gibt es ganz klassisch Erzähltes und rührend schöne Szenen wie die von den zwei alten Huren bei Kaffee und Birnenbrand oder dem Mann, der bei einem Besuch in seiner alten Heimatstadt mit der Blumenhändlerin anbandelt, die jahrelang das Grab seiner Mutter gepflegt hat.

Überall gibt es Erinnerungen, Abkürzungen, Codes, und ganz oft setzt Meyer auf einen assoziativen Stil, in dem mit vielen Stichworten und Auslassungen kommuniziert wird. Das ist die Sprache der Stammtische, in der vieles selbstverständlich ist, die Nennung eines Namens reicht, um eine Anekdote oder eine ganze Biografie in Erinnerung zu bringen, und in der vieles verklärt wird, nur nicht der gemeinsame Horizont. Der Leser sitzt in Im Stein mit an diesem Stammtisch, als Nicht-Eingeweihter. Der Erzähler ist durch diese Methode nicht nur auktorial, sondern strahlt eine sehr coole, abgeklärte Allwissenheit aus. Er hat alles gesehen, er weiß alles, aber er wird nicht alles verraten, weil es nicht nötig oder nicht ratsam ist. Er weiß um das gemeinsame Fundament von Erfahrungen und Überzeugungen – und um den Wert eines Geheimnisses.

Noch mehr als seine bisherigen Werke ist Im Stein damit ein Clemens-Meyer-Buch. Es gibt keine unvergesslichen Figuren und keine allzu spannende Handlung. Der Wert liegt zu einem guten Teil im Hintergrund, in den aufgezeigten Assoziationen und Parallelen, in der Form, im Sound. Spätestens mit diesem Roman dürfte Meyer alle widerlegt haben, die in ihm bloß einen Literatur-Rebellen mit exotischer Biografie und mehr Tattoos als Talent gesehen haben. Im Stein beweist: Es geht nicht darum, wer hier schreibt. Sondern was er schreibt. Und wie er schreibt.

Bestes Zitat: „Er braucht die Geschäfte. Die Stadt. Die Städte. Die Burg. Die Clubs. Die Weiber. Das Geld. Die Strategien des Marktes. Die Konkurrenz. Die Spekulation. Die Investitionen. Die Informationen. Die Spieler. Das Fließen. Die Blicke in die Zukunft. Und die Blicke zurück.“


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Ein Gedanke zu “Durchgelesen: Clemens Meyer – „Im Stein“

  • Fabian

    Klingt nach einem gelungenen Buch. Wofür gab es den halben Stern Abzug? Nicht dass sich Herr Meyer wieder genötigt fühlt selbst einzugreifen wie bei der HTWK-Rezension 🙂