Durchgelesen: Cornelia Travnicek – „Junge Hunde“


Autor Cornelia Travnicek

Cover des Buchs Junge Hunde von Cornelia Travnicek

„Junge Hunde“ ist der zweite Roman von Cornelia Travnicek

Titel Junge Hunde
Verlag DVA
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Informatik und Sinologie hat Cornelia Travnicek in Wien studiert. Ihrem zweiten Roman Junge Hunde merkt man glücklicherweise nur eine dieser Disziplinen an: Ernst, der Ich-Erzähler in diesem Buch, hat chinesische Wurzeln, kam als Adoptivkind nach Österreich und bricht nun auf, um in China seine leiblichen Eltern zu suchen. Den Kapiteln, in denen von dieser Reise berichtet wird, sind stets chinesische Sinnsprüche und Schriftzeichen vorangestellt.

Vom zweiten Fachgebiet, der Informatik, würde man vielleicht eine sehr nüchterne Sprache, ein Höchstmaß an Logik, womöglich gar die Abwesenheit von Romantik erwarten. Doch davon kann keine Rede sein. Junge Hunde beweist einen aufgeräumten Stil, ist aber ebenso witzig wie bewegend, manchmal sogar surreal wie diese Szene: „Die Tür anstarrend, hörst du in dich hinein, hörst dir selbst beim Fragen zu: Was, wenn diese Tür nicht dazu da ist, die Welt von dir zu trennen, sondern dich von der Welt? Wenn das Draußen vor dir beschützt werden muss und nicht du vor dem Draußen? Wenn du die Gefahr bist, von der du denkst, dass sie überall sonst wohnt? Wenn du die Angst spürst, die andere vor dir haben sollten?“

Dass Travnicek, Jahrgang 1986, neben Software-Codes auch Poesie (und Kurzgeschichten) schreibt, merkt man dem Buch immer dann an, wenn sie sich vor den Augen des Lesers an Formulierungen herantastet, sie abschmeckt und auf der Zunge zergehen lässt. „‚Schwesterherz‘, beginnt ihr Halbbruder, der nicht weiß, dass er das ist, noch einmal. Halbschwesterherz. Halbherzige Schwester“, ist so ein Fall. Oder auch: „Eigentlich, das Wort, das impliziert, dass man es besser weiß, aber nicht besser macht.“

Wie in ihrem Debütroman Chucks (2012), der von der Liebe eines Punkmädchens zu einem aidskranken Jungen erzählt, als Verfilmung gerade beim Montréal World Film Festival mit dem Publikumspreis ausgezeichnet und von der FAZ als „die Geschichte einer schmerzhaften Adoleszenz“ eingeordnet wurde, stehen auch hier junge Menschen, große Gefühle und die Notwendigkeit der Abnabelung im Zentrum. Die zweite Hauptfigur in Junge Hunde ist Johanna, Psychologiestudentin und seit gemeinsamen Grundschultagen die beste Freundin von Ernst. „Ein interessantes Kind war ich also nicht, Johanna schon, und beim besten Willen habe ich keine Ahnung, warum Johanna mit mir befreundet sein wollte, das hat sie mir nie verraten“, erinnert er sich an die erste Begegnung, „sie hat nur gemeint, das sei so, wie wirklich verliebte Leute einander ja auch nicht sagen könnten, warum sie sich nun genau liebten, das sei eben einfach so, und hat noch angefügt, dass es bei Kindern vielleicht ausreiche, einander im richtigen Moment Kaugummi anzubieten.“

Johanna hat nicht nur damit zu kämpfen, dass Ernst sich nach China verabschiedet. Auch die weiteren Fixpunkte in ihrem Leben drohen zu verschwinden: Die Mutter ist vor Jahren nach Peru ausgewandert, der Hund stirbt, der Vater ist dement. Scheinbar ewige Wahrheiten geraten in diesem Roman ins Wanken, und gerade diese Verunsicherung führt Ernst und Johanna dazu, nach ihren Wurzeln zu suchen. An manchen Stellen hätte man sich gewünscht, dass diese beiden Figuren ein bisschen mehr (im wörtlichen und übertragenen Sinne) Gesicht bekommen und ihre Charaktere genauso faszinierend werden wie ihre Freundschaft. Unterm Strich gelingt hier trotzdem ein sehr eigenständiger, humorvoller und aktueller Roman.

Bestes Zitat: „Ach, Johanna, unser Schmerz macht uns mehr zu den Menschen, die wir sind, als unsere Freude.“

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