Durchgelesen: Daniel Goffart – „Steinbrück. Die Biografie“


"Er kann Kanzler", meint Daniel Goffart in "Steinbrück - Die Biografie".

„Er kann Kanzler“, meint Daniel Goffart in „Steinbrück – Die Biografie“.

Autor Daniel Goffart
Titel Steinbrück. Die Biografie
Verlag Heyne
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

„Er kann Kanzler, kein Zweifel. Die Frage ist nur, ob man ihn lässt.“ Das schreibt Daniel Goffart am Ende des Vorworts von Steinbrück. Die Biografie. Der Satz ist nicht nur auf die Entscheidung der Deutschen bei der anstehenden Bundestagswahl bezogen. Sondern auch auf den zunächst noch ausstehenden Segen der SPD: Das Buch ist auf dem Stand vom Sommer 2012, und da ist Steinbrück noch gar kein offizieller Kanzlerkandidat, sondern Teil der Troika.

Goffart lässt in seinem Buch – nicht nur mit dem Hinweis am Ende des Vorworts – keinen Zweifel daran, dass er die Kandidatur Steinbrücks begrüßt. Diese frühe Positionierung des Autors ist sehr angenehm, denn man weiß nun, in welchem Licht man die folgenden rund 300 Seiten zu lesen hat. Im Vergleich zur Steinbrück-Biografie von Eckhart Lohse und Markus Wehner geht Goffart mit seiner Rolle als subjektiver Autor offener und transparenter um. Das macht sein Buch (übrigens das erste, das der Leiter des Focus-Hauptstadtbüros je geschrieben hat) zum besseren der beiden Werke.

Seine Biografie ist zudem deutlich besser geschrieben, und sie begegnet Steinbrück entschieden wohlwollender als die FAS-Autoren Lohse und Wehner (gelegentlich versucht sich Goffart sogar an unentgeltlichen Tipps für den SPD-Wahlkampf). Im Versuch, einzelne Karriereabschnitte Steinbrücks einzuordnen und zu bewerten, gibt es zwischen den beiden Büchern teils erstaunliche Unterschiede: Der Metrorapid beispielsweise ist hier eines von Steinbrücks Lieblingsprojekten, in der anderen Biografie wurde er als eine Erblast von Wolfgang Clement dargestellt, die Steinbrück lieber heute als morgen abgeschüttelt hätte. Der Streit mit Justus Frantz um das Schleswig-Holstein Musik Festival ist hier ein Sieg für Steinbrück, keine Blamage. Und wo es mal Niederlagen gibt, legt Goffart den Fokus lieber auf die danach folgenden „eindrucksvollen Comebacks“.

Über weite Strecken überwiegen aber natürlich die Gemeinsamkeiten. Auch Goffart zeichnet den Weg von Steinbrück aus dem zerbombten Hamburg der Nachkriegsjahre bis zum aktuellen Herausforderer von Angela Merkel nach, auch er arbeitet die Seriosität des Ex-Finanzministers raus, wenn er beispielsweise betont, dieser haben den „unbedingten Willen, durch Kompetenz zu glänzen und nicht durch Gefälligkeit“. Und auch Goffart erkennt, dass das mitunter arg kantige Agieren Steinbrücks auf politischem Parkett nicht immer die beste Wahl ist. Heide Simonis, damals als Ministerpräsidentin in Schleswig-Holstein die Chefin von Steinbrück, soll ihren Minister in dieser Zeit angeblich einmal als „Amokläufer“ bezeichnet haben, „weil er ohne Rücksicht auf Verluste in jeden Kampf hineinlaufe“, schreibt Goffart als ein Beispiel für diesen Charakterzug.

Auch er zeichnet weitgehend ein Steinbrück-Porträt, das mit der allgemeinen medialen Wahrnehmung des Kanzlerkandidaten übereinstimmt, auch er hat für sein Buch wenig ausgegraben, was man nicht schon irgendwann hätte in der Zeitung lesen können. Immerhin bietet aber auch Steinbrück. Die Biografie ein paar Überraschungen: Goffart geht ausführlich auf die Razzia in Steinbrücks damaliger Studenten-WG ein, nach der Steinbrück (zu Unrecht, wie später erkannt wurde) als Sicherheitsrisiko für die Bundesrepublik galt, was ihm einige Schwierigkeiten beim angestrebten Start in eine Beamtenlaufbahn bescherte. Er verrät, dass der gebürtige Hamburger als frisch zum Verkehrsminister in Schleswig-Holstein ernannter Politiker für einen Radiosender noch einmal die theoretische Führerscheinprüfung ablegte und nur 3 von 16 Fragen richtig beantworten konnte. Sein späterer Bestseller Unterm Strich hätte beinahe Achtung: Steinschlag geheißen, und Schach hat Steinbrück von seiner Oma gelernt, gegen die er sieben Jahre lang erfolglos spielte, bis er als 13-Jähriger erstmals gewann.

Nicht zuletzt spielt auch hier das konfliktträchtige Verhältnis des Kanzlerkandidaten zu seiner eigenen Partei eine wichtige Rolle. Goffart macht deutlich, dass Steinbrück nur dann eine Chance hat, Regierungschef zu werden, wenn er die SPD hinter sich bringen kann – und zeigt, dass er sich dazu in etlichen Punkten deutlich von bisherigen Positionen hinweg bewegen muss. Schließlich gilt es für den Ex-Finanzminister im Rennen ums Kanzleramt auch in einem anderen Punkt, mit seinem eigenen Werdegang zu brechen: Steinbrück hat für die SPD noch nie eine Wahl gewonnen.

Bestes Zitat: „Deshalb sind seine ärgsten Feinde bis heute seine rhetorische brillante Spottlust und die ausgeprägte Neigung, sich damit in der SPD um Kopf und Kragen zu reden.“

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