Durchgelesen: Darragh McKeon – „Alles Stehende verdampft“


Autor Darragh McKeon

Cover des Buches Alles Stehende verdampft von Darragh McKeon

Zehn Jahre lang hat Darragh McKeon an seinem Debütroman gearbeitet.

Titel Alles Stehende verdampft
Originaltitel All That Is Solid Melts Into Air
Verlag Ullstein
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Das Thema ist schlau gewählt. Kaum ein Stichwort dürfte in der Generation der 35- bis 50-Jährigen auf Anhieb so emotionale Reaktionen hervorrufen wie „Tschernobyl“. Den Super-GAU im sowjetischen Atomkraftwerk im Jahr 1986 stellt Darragh McKeon in den Mittelpunkt seines Debütromans. Clever ist das nicht nur, weil er damit einen Nerv bei einer großen Zielgruppe treffen dürfte. Sondern auch, weil es den ultimativen Roman zur Reaktorkatastrophe noch nicht gibt. Namhafte Autoren wie Martin Cruz Smith haben sich an dem Thema versucht, zuletzt hat der 25. Jahrestag des Unglücks diverse Werke, unter anderem von Javier Sebastián (Der Radfahrer von Tschernobyl) und Hans Platzgumer (Der Elefantenfuß) hervorgebracht. Doch verglichen mit der globalen Bedeutung des Ereignisses ist die literarische Ausbeute noch sehr gering.

Das, soviel vorab, ändert sich mit Alles Stehende verdampft. Darragh McKeon hat ein aufwühlendes, sehr gut recherchiertes und enorm intelligentes Buch über die Katastrophe von Tschernobyl und ihre Folgen für die Menschen in der Gegend rund um das Atomkraftwerk und die politische Situation in der Sowjetunion geschrieben. Dass dies ausgerechnet einem Autor gelingt, der kein Betroffener (McKeon ist Ire, hat bisher Kurzgeschichten und Drehbücher verfasst und lebt als Theaterregisseur und Autor in New York) und nicht einmal ein Zeitzeuge der Jahre von Glasnost und Perestroika ist (geboren wurde der Autor 1979), ist eine der erstaunlichsten Begleiterscheinungen dieser Leistung.

McKeon setzt auf drei Zeitebenen (April 1986, November 1986, April 2011) und erzählt mit einer fast nachrichtlichen Sprache, die dazu beiträgt, das Geschehen sehr gegenwärtig erscheinen zu lassen. Wer den Klappentext oder andere Paratexte ignoriert hat, erfährt erst nach knapp 100 Seiten, dass wir uns im Jahr 1986 befinden. Auch der Ablauf der Ereignisse erhält in Alles Stehende verdampft große Aktualität und Spannung: Letzteres nicht nur durch die Dimension der Katastrophe, sondern vor allem durch die Unvorstellbarkeit ihres Eintretens: „Für das hier gibt es keine definierbaren Vorbilder, keine Richtlinien, es gibt nur Voraussagen und dürre Fakten“, müssen die Verantwortlichen erkennen, als sie in Tschernobyl so etwas wie Akuthilfe leisten sollen.

Der Fallout von Tschernobyl ist es, der in diesem Roman (dessen Titel bezeichnenderweise ein Zitat aus dem Kommunistischen Manifest ist) das Kartenhaus des real existierenden Sozialismus einstürzen lässt und auch beim letzten Sowjetbürger den Glauben auslöscht, er könne vielleicht wirklich auf der Gewinnerseite der Weltgeschichte stehen. Der Autor, der zehn Jahre lang an diesem Buch gearbeitet und auch vor Ort recherchiert hat, kombiniert dabei Liebesgeschichte, Familienroman und Politthriller und glänzt mit viel Detailwissen über Medizin, Musik und Fotografie. Immer wieder stellt er Idylle und Katastrophe gegenüber, ebenso wie Land und Stadt.

Die Folgen des Super-GAUs (und damit auch die Atomenergie an sich) nennt er dabei an einer Stelle eine „schlimme Verkehrung der Natur“ – ansonsten überlässt er die Bewertung des Geschehens der enormen Kraft seines Plots. Den Vorwurf der menschlichen Hybris kann man Alles Stehende verdampft zwischen den Zeilen dennoch entnehmen. So spielen kleine Jungs eine wichtige Rolle in diesem Roman. Dazu gehören Artjom, ein 13-Jähriger aus einem weißrussischen Dorf, und Jewgeni, ein 9-jähriges Klaviertalent aus Moskau. Sie träumen davon, einmal groß und mächtig zu sein, müssen sich aber immer wieder höheren, noch stärkeren Mächten beugen. Der Gedanke liegt nahe: Im Kräftemessen mit einer so elementaren Gewalt wie der Radioaktivität werden wir Menschen immer bloß diese kleinen Jungs bleiben. Wir bilden uns ein, die Welt schon ein klein wenig nach unserem Willen gestalten zu können und nicht mehr lange warten zu müssen, bis wir alle Fäden in der Hand haben. Aber wir werden immer wieder eines Besseren belehrt.

Artjom und Jewgeni weisen zugleich den Weg zur größten Stärke dieses Buches: Darragh McKeon zeichnet großartige Figuren. Der halbstarke Bauernsohn gelingt ihm genauso gut wie das musikalische Wunderkind, der feige Apparatschik oder die Tante von Jewgeni, die ihren Job als kritische Journalistin nicht mehr ausüben darf und nach neuen Wegen sucht, das Sowjet-Regime menschlicher zu machen oder sich wenigstens halbwegs ehrenhaft mit ihm arrangieren zu können.

Ihr Ex-Mann Grigori, der als gefeierter Chirurg aus Moskau nach Tschernobyl beordert wird und dort erkennen muss, wie wenig seine Kompetenz gegen die Strahlenschäden auszurichten vermag, kann als Hauptfigur des Romans gelten. In ihm fließt das Ringen um Caritas und Selbsterhalt, das Wissen und Schuld und Feigheit zusammen. „Grigori löste sich auf in einen Tränenstrom“, fängt McKeon das in einer besonders eindringlichen Szene ein, „sein Körper kauerte sich an Steinfiguren, sein Kopf neigte in Richtung Hüfte, die Arme verschrenkten sich über seinem Scheitel, und es war so erleichternd, endlich von Mitgefühl übermannt zu werden, endlich sicher zu sein, dass seine Gleichgültigkeit gegenüber einem baumelnden Leichnam nur eine notwendige Selbstschutzmethode war. Diese Erkenntnis ließ ihn noch weiter zusammensacken, hilflos in einem Meer der Emotionen treiben, denn er begriff, dass dieser innere Impuls, wer er wirklich war, jede Konditionierung überleben würde, dass er sich so viel er wollte gegen die Härte und Gleichgültigkeit der Welt abstumpfen mochte, er würde dabei doch nie ganz verloren gehen.“

Der ständige Kampf um das Bewahren der eigenen Menschlichkeit, den totalitäre Systeme erforderlich machen, findet in Alles Stehende verdampft auf sehr poetische Weise seine Parallele im Kampf gegen die zerstörerische Strahlung. Und die Ohnmacht aller Beteiligten gegenüber der Katastrophe gleicht ihrer Ohnmacht gegenüber dem System.

Bestes Zitat: „Was ist sie für ein Risiko eingegangen. (…) Und wofür? Keine drei Jahre später fiel die Berliner Mauer, noch zwei Jahre später wurde die Sowjetunion offiziell aufgelöst. Alle bekamen ihre Freiheit und nutzten sie dazu, einander die Ellbogen ins Gesicht zu rammen und sich so viel vom Land unter den Nagel zu reißen, wie sie erwischen konnten. Sich gegenseitig so schnell wie möglich über den Tisch zu ziehen.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.