Durchgelesen: David Foster Wallace – „Der bleiche König“


Langeweile wird spannend, witzig und tiefgründig, wenn man ihr so virtuos begegnet wie David Foster Wallace.

Langeweile wird spannend, witzig und tiefgründig, wenn man ihr so virtuos begegnet wie David Foster Wallace.

Autor David Foster Wallace
Titel Der bleiche König
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung

Darf man das? Am 12. September 2008 nahm sich David Foster Wallace, „einer der herausforderndsten Stilisten, welche die jüngere amerikanische Literatur hervorgebracht hat“ (Neue Zürcher Zeitung) das Leben. Aus den Bruchstücken, die der damals 46-Jährige für einen neuen Roman hinterlassen hatte, ist nun Der bleiche König geworden.

„David ist leider nicht mehr da, um uns am Lesen zu hindern oder uns zu vergeben, dass wir ihn lesen wollen“, rechtfertig sein Herausgeber Michael Pietsch, der aus der riesigen Materialfülle ein fertiges Buch zusammengestellt hat, seine Entscheidung. Das ist ein gutes Argument. Es gibt noch zwei weitere: Etliche Indizien sprechen dafür, dass Foster Wallace selbst eine posthume Veröffentlichung von Der bleiche König wollte. Und nicht zuletzt ist das Buch viel zu gut, um in den Archiven zu verstauben. „Zweifelsfrei ist Der bleiche König Wallaces bester Roman“, meint die FAZ kühn, aber man kann sich – auch im Angesicht von Meisterwerken wie Unendlicher Spaß oder Kurze Interviews mit fiesen Männern diesem Urteil anschließen.

Das Sujet erscheint für Begeisterungsstürme zunächst denkbar ungeeignet: Der bleiche König spielt im Jahr 1985 und erzählt vom Geschehen in einem Regionalbüro der amerikanischen Bundessteuerbehörde. Das meint keineswegs nur, dass dieses Finanzamt in Peoria, Illinois, nur den Schauplatz abgibt, auf dem sich dann spannende Konflikte oder menschliche Dramen mit einem ganz anderen Kontext abspielen. Steuern sind tatsächlich das zentrale Thema dieses Romans. Foster Wallace hat für seine Recherchen sogar Kurse in Buchhaltung belegt, und im Buch schildert er, wie Akten bearbeitet werden, wie sich Gesetzesänderungen auswirken, warum sich Menschen für einen derart langweiligen Beruf entscheiden und wie sie reagieren, wenn sie plötzlich ahnen, dass ihre Arbeit vielleicht bald von Maschinen übernommen wird. Das geht so weit, dass es eine Passage gibt, in der über mehrere Seiten fast nur beschrieben wird, wie einzelne Angestellte in einem Großraumbüro stehen und Seiten in ihren Formularen umblättern.

Das Thema mag dröge sein, ist dabei aber alles andere als banal. Das Steuersystem ist in Der bleiche König ein Symbol für die Gesellschaft, mit dem Anspruch auf Gerechtigkeit und der Fixierung auf Finanzen, mit der diese erreicht werden soll. Steuern stehen hier für Solidarität und Bürgertugend, letztlich sogar stellvertretend für die Idee, den Sinn, die Vorteile des Staates. Besonders deutlich wird das im extrem starken §19, der zu so etwas wie einer philosophischen Podiumsdiskussion über das politische System der USA, über Moral und Wertewandel wird.

Noch stärker wird dieser Roman allerdings auf der individuellen Ebene. „David Foster Wallace ist ein Beschreiber, der so genau hinsieht, dass dem Leser fast schwindlig wird“, hat WDR 3 über dieses Buch geurteilt, und es ist genau diese Schärfe und Akribie, die hier nicht nur hervorsticht, sondern selbst zu einem wichtigen Thema des Buchs wird. Foster Wallace spürt der Frage nach, ob man durch die Versenkung in eine Aufgabe, und sei sie noch so stumpfsinnig, vielleicht zu Selbsterkenntnis gelangen kann. „Der Schlüssel, der der Bürokratie vorausgeht, ist die Fähigkeit, Langeweile auszuhalten. Effizient in einem Milieu zu funktionieren, das alles Vitale und Menschliche ausschließt. Gewissermaßen ohne Luft zu atmen. Der Schlüssel ist die Fähigkeit, ob angeboren oder erworben, die andere Seite der Routine zu finden, des Nichtigen, des Bedeutungslosen, des Repetitiven, des sinnlos Komplexen. In einem Wort, unlangweilbar zu sein“, heißt es dazu an einer Stelle.

Die Form ist dabei so mutig und faszinierend wie stets bei diesem Autor: Ganz viele Figuren werden vorgestellt, bei manchen wird ihr Lebensweg weiterverfolgt, bei anderen nicht. Am ehesten kann noch der Sachbearbeiter Claude Sylvanshine als eine Art Hauptfigur gelten, der nach Peoria versetzt wird und in einzelnen Kapiteln immer wieder auftaucht. Doch von einem echten Plot kann in Der bleiche König keine Rede sein. Das Buch ist beinahe eine Verhöhnung der Romanform: Alles scheint gleichzeitig zu geschehen, sich immer weiter zu verschachteln oder sich um sich selbst zu drehen. Es gibt Gedankenstrudel, kein Voranschreiten.

Dieses große Kreisen um ein großes Thema erinnert nicht nur an die früheren Werke von Foster Wallace, sondern beispielsweise auch an Clemens Meyers Im Stein. Die Form bringt einen weiteren Vorteil mit sich: Dass es unvollendet ist, merkt man diesem Buch nicht an. „Es gab keine Szenenliste, keinen dezidierten Anfangs- oder Schlusspunkt, nichts, was sich als Anleitung für den Pale King hätte verstehen lassen“, schreibt Michael Pietsch im Anhang, der auch ein paar sehr erhellende Szenen enthält, die er nicht für die finale Version berücksichtigt hat. Doch dieses Problem hat er famos gelöst. Das Spekulative, Mosaikartige ist kein Manko, schließlich hat Foster Wallace schon in seinen vorigen Romanen mit vielen Sprüngen und Auslassungen gearbeitet.

So erlebt der Leser beispielsweise einen Kneipendialog zwischen Meredith Rand, die sich in eine herzzerreißende Lebensbeichte hineinsteigert, und Shane Drinion, der stoisch wie eine Maschine wirkt, die gerade versucht, den Algorithmus menschlicher Kommunikation und Emotion zu verstehen. Wir werden Zeuge einer Jugenderinnerung, in der ein Angestellter einen monströsen Konflikt mit sich ausficht: „Er glaubte an einen lebendigen Gott der Barmherzigkeit, der Liebe und der Möglichkeit einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus, in dem diese Liebe Mensch geworden war. Aber wenn er jetzt hier neben diesem Mädchen saß, das ihm so unbekannt wie das Weltall war, und darauf wartete, dass es ihn mit irgendwelchen Worten auftaute, hatte er das Gefühl, er könne den Saum oder die Umrisse einer echten Vision der Hölle sehen. Er sah zwei große und mächtige Armeen, die einander in seinem Inneren schweigend und feindselig gegenüberstanden. Es würde eine Schlacht, aber keinen Sieger geben. Oder nicht einmal eine Schlacht – die Armeen würden einfach reglos so stehen bleiben, einander mustern und etwas von sich selbst Grundverschiedenes und Fremdartiges sehen, das sie nicht verstehen konnten, sie konnten in den Reden des jeweils anderen nicht einmal Worte ausmachen, konnten ihren Gesichtern nichts ablesen, so erstarrt, feindselig und verständnislos bis ans Ende der Zeit.“ Und es gibt den wunderbaren Monolog von Chris Fogle, einem Finanzbeamten, für den seine Karriere bei der Steuerbehörde tatsächlich mit einem Erweckungsergebnis begann; das Prosaische und Banale bekommt hier eine beinahe heilige Dimension.

Die Langeweile macht David Foster Wallace zum Stilmittel – so virtuos, dass sie interessant wird. Nicht zuletzt hat Der bleiche König dabei auch einen sehr intelligenten Witz zu bieten. Beispielsweise gibt es auf Seite 79 (!) plötzlich ein „Vorwort des Autors“, mit dem Hinweis, „dass das Folgende in Wahrheit keineswegs Fiktion, sondern substanziell wahr und zutreffend ist. Dass Der bleiche König in Tat und Wahrheit mehr mit einer Auto-biografie als mit einer ausgedachten Geschichte zu tun hat.“ In bewährter Foster-Wallace-Manier gibt es reichlich Fußnoten – auch solche, in denen klar gemacht wird, wie lästig sie zu lesen sind und in denen sogar die explizite Einladung erfolgt, sie einfach zu überspringen. Der Autor spielt mit Widersprüchen, wenn er einen Erzähler erwähnen lässt, dass er sich an den Namen eines Orts/einer Person nicht erinnern kann, ein paar Seiten später diesen Namen dann aber doch nennt. Und er schafft es immer wieder spielend, die absurde Ernsthaftigkeit der Behördenarbeit in Humor zu verwandeln.

Bestes Zitat: „Eigentlich interessant ist für mich zumindest im Rückblick die Frage, warum sich Stumpfsinn als eine so unüberwindliche Hürde für die Aufmerksamkeit erweist. Warum schrecken wir vor dem Stumpfsinn zurück? (…) Vielleicht assoziieren wir Stumpfsinn mit psychischem Schmerz, weil Stumpfes oder Schleierhaftes nicht genug Anreiz bietet, um uns von einem anderen, tieferen Schmerz abzulenken, der uns immer begleitet, und sei es nur auf unterschwellige Weise, auf dessen geflissentliches Nichtzurkenntnisnehmen die meisten von uns praktisch all ihre Zeit und Energie verwenden oder das zumindest nicht allzu genau wahrnehmen wollen.“

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