Durchgelesen: David Guterson – „Ed King“


David  Guterson macht "Ed King" zum Ödipus für das Internet-Zeitalter.

David Guterson macht „Ed King“ zum Ödipus für das Internet-Zeitalter.

Autor David Guterson
Titel Ed King
Verlag Hofmann und Campe
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

Mit Wunderknaben kennt sich David Guterson aus. Manche halten ihn selbst für einen. Gleich mit seinem ersten Roman Schnee, der auf Zedern fällt landete der Amerikaner 1994 einen weltweiten Bestseller. Auch sein neustes Werk verkauft sich blendend, zumindest in Deutschland. Diesmal ist seine Titelfigur ein Wunderknabe: Ed King.

Ed King ist der Sohn von Walter Cousins, einem 34-jährigen Versicherungsstatistiker und Familienvater, und Diane Burroughs, seinem 15-jährigen Au-Pair-Mädchen, das aus England in die USA gekommen ist. Die Affäre ist eher von Neugier als von Leidenschaft getrieben. Als Diane schwanger wird, herrscht auf beiden Seiten die blanke Panik. Danach gibt es zwischen Walter und Diane nur noch Verbitterung.

Walter will Diane erst zur Abtreibung drängen. Dann versteckt er sie in einem Ferienhaus, schließlich soll sie das Kind zur Adoption freigeben. Doch die Mutter flieht mit dem Neugeborenen und setzt es schließlich vor der Tür wildfremder Leute aus. Niemand weiß von den wahren Eltern des Babys.

Von da an verfolgt David Guterson die Spur seiner Figuren. Walter versucht, wieder in sein bürgerliches Leben zurückzukehren. Diane will ihre Jugend genießen und das Beste aus ihrer Schönheit machen. Und der gemeinsame Sohn wächst in einer jüdischen Familie auf, die ihn adoptiert, ohne ihm etwas davon zu sagen. Ed King wird erst zur Sportskanone, dann zum Rebell und Frauenhelden, schließlich zum Mathematik-Genie und Software-Krösus.

Es gibt große Sprünge in dieser Handlung, die 1962 beginnt und bis in die Zukunft reicht. Immer wieder lässt Guterson eine seiner Figuren aus den Augen, um sie dann wieder in den Plot zurückzuholen. Doch das schadet dem Buch keineswegs. Denn der Autor hat eine Ausgangssituation geschaffen, aus der gerade wegen dieser Auslassungen ein feines Geflecht aus Beziehungen, Sehnsüchten und Schuldgefühlen erwachsen kann.

Der Leser weiß schon aus dem Klappentext, dass Guterson hier eine Neuinterpretation des Ödipus-Mythos geschrieben hat, doch das nimmt Ed King nichts von seiner Spannung. Wie Walter seinen Fehltritt scheinbar ignoriert, wie Diane versucht, die Lücke in ihrem Leben mit Oberflächlichkeiten zu füllen, und wie Ed sein Leben in die Hand nimmt, ohne etwas von seiner Herkunft zu ahnen, das ist fein konstruiert.

Dabei profitiert Ed King auch davon, dass sich Guterson kein Urteil anmaßt, obwohl bezeichnenderweise keine seiner Figuren als besonders anständig gelten kann. Dazu passt seine enorm nüchterne Sprache, die auch dann keinen Anflug von Poesie bekommt, wenn eine der vielen erotischen Szenen erzählt wird. Egal, ob es um Sex mit einer Minderjährigen geht, um Mord, Betrug oder Erpressung: Der Autor begegnet seinen Protagonisten immer mit einem hohen Maß von Verständnis.

Als nach knapp 300 Seiten der verhängnisvolle Sex zwischen Ed und Diane bevorsteht, auf den der Plot so lange hingearbeitet hat, unterbricht er die Handlung plötzlich, wechselt auf eine Meta-Ebene und spricht den Leser direkt an mit einer Reflexion über Moral. Das ist ein netter Kunstgriff, der dem Leser noch einmal zum Luftholen kommen lässt, bevor das schier atemlose Finale ansteht.

Nur ein Manko hat Ed King: Gelegentlich wirkt das Buch, als hätte sich Guterson, der den Erfolg seines Debütromans bisher nicht wiederholen konnte, ein wenig zu sehr nach dem Etikett «great American novel» gesehnt. Der Roman erzählt nichts anderes als die jüngere Geschichte der USA. Am Beginn sind gerade die Nachkriegsjahre überwunden, am Ende, irgendwo in der Mitte unseres Jahrzehnts, wird Ed King zu Science Fiction. Elvis, Vietnam und Kennedy sind vertreten, es gibt unmissverständliche Anspielungen auf Steve Jobs oder Bill Gates.

Guterson will offensichtlich möglichst viele der großen Themen unserer Zeit in dieses Buch packen, von der Patientenverfügung über Schönheits-OP-Wahn bis zur Allmacht der Suchmaschinen. Dazu kommen auch noch Anspielungen auf diverse Bücher, Filme oder Lieder und ein kleiner Trick, mit dem sich Guterson selbst in die Handlung schummelt. Das ist mitunter doch ein bisschen viel des Guten, denn nicht immer wirken die Volten seiner Handlung dann noch plausibel.

Trotzdem ist Ed King ein gelungener, sehr unterhaltsamer Roman. Das Buch wird Zeitgeschichte, Sozialsatire und Sinnsuche zugleich. Irgendwo zwischen dem Streben nach Glück, einer guten Dosis Neoliberalismus und der unvermeidlichen Gottesfürchtigkeit versuchen die Figuren hier, ihren Weg zu gehen, und sie werden bitter bestraft, sobald sie von diesen Leitlinien abweichen. Damit zeigt Ed King wohl auch, dass der Mythos des American Dream mindestens so mächtig ist wie der von Ödipus.

Bestes Zitat: „Für mich ist ein adoptiertes Kind ähnlich wie ein Jude, versteht ihr? Ohne eigenes Land, weil er zwei Länder hat, sein Heimatland und das Gelobte Land. ,Nächstes Jahr in Jerusalem’ – vielleicht sagt ein Adoptivkind das Gleiche, vielleicht denkt es, dass irgendetwas fehlt, dass immer irgendetwas nicht stimmt oder nicht ganz passt und dass es eine unerklärliche Sehnsucht empfindet.“

Diese Rezension gibt es auch auf news.de.

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