Fjodor M. Dostojewski – „Die Brüder Karamasow“ 1


Autor Fjodor M. Dostojewski

Dostojewski seziert die Diskrepanz zwischen Sein und Sollen.

Titel Die Brüder Karamasow
Verlag Komet
Erscheinungsjahr 1880
Bewertung

Für Sigmund Freud ist dies „der großartigste Roman, der je geschrieben wurde“ und in der Tat ist „Die Brüder Karamasow“ ein famoses, begeisterndes Buch. Dostojewski bringt hier die Stärken, die er auch im „Idiot“ und „Jüngling“ zeigt, zur Vollendung.

Doch diesmal ist die Geschichte nicht bloß interessant oder faszinierend, sondern in der Tat spannend. Die Szenen sind viel lebendiger und so oft voller Rührung, dass man ganz schnell in die komplexe Struktur der Handlung hineinfindet.

Die erste Hälfte ist dabei eigentlich nichts anderes als eine kluge, kompetente und sogar kurzweilige Abhandlung über Religion. Es fasziniert, wie Dostojewski dabei in die Rolle des frommen Mönchs, des zerrissenen Zweiflers und des verbitterten Nihilisten schlüpft, und alle drei Positionen mit Vehemenz und Glaubwürdigkeit vertritt.

Dann wird das Buch plötzlich zu einem Kriminalroman, einer beeindruckenden Milieustudie und, nunja: einem Justiz-Thriller, in dessen Kern natürlich ebenfalls die Frage nach der Moral steht – und die Sorge für das Mütterchen Russland. Nirgends hat Dostojewski die Russen so gut erkannt wie hier. Sie sind Idealisten, haben die höchsten Ansichten von Moral, Ehrlichkeit und Mitgefühl. Doch sie werden durchtrieben, gierig und heuchlerisch, weil sie auch unendlich stolz sind – und deshalb keine Diskrepanz zwischen Sollen und Sein ertragen können.

Die beste Stelle ist der vor Witz, Weisheit und Süffisanz strotzende Dialog zwischen Iwan Karamasow und dem Teufel. Der Teufel, von dem Iwan weiß, dass er bloß eine Halluzination ist, erzählt dabei: „Ich bin arm, aber … ich will nicht gerade sagen sehr ehrenhaft, aber … in der Gesellschaft gilt es als ein Axiom, dass ich ein gefallener Engel sei. Bei Gott, ich kann mir das nicht vorstellen, wie ich jemals ein Engel habe sein können. Wenn ich es jemals gewesen bin, so ist es so lange her, dass es keine Sünde ist, es vergessen zu haben. Jetzt halte ich nur auf den Ruf eines anständigen Menschen, und ich lebe, wie es kommt, indem ich mich bemühe, anständig zu sein. Ich liebe die Menschen aufrichtig – o, in vieler Hinsicht hat man mich verleumdet! Hier, wenn ich zuzeiten zu euch übersiedle, fließt mein Leben dahin in der Art, als wäre es in der Tat etwas. Das gefällt mir am meisten. Denn ich selbst, wie auch du, leide an Phantasmen, und daher liebe ich euren irdischen Realismus. Da ist bei euch alles vorgezeichnet, da gibt es Formeln, da gibt es Geometrie. Bei uns aber ist das alles wie unbestimmte Gleichungen! Hier gehe ich einher und sinne. Ich liebe das Sinnen. Dazu werde ich auf Erden abergläubisch, – lache nicht, ich bitte dich. Gerade das gefällt mir, dass ich abergläubisch werde. Ich nehme hier alle eure Gewohnheiten an: ich habe Gefallen daran gefunden, in die öffentlich Badestube zu gehen, kannst du dir das vorstellen? Ich liebe es, mit Kaufleuten und mit Popen Schwitzbäder zu nehmen! Mein Lieblingswunsch aber ist, – mich zu verkörpern, und zwar, damit es endgültig und unabänderlich sei, in irgendeine dicke dritthalbzentnerschwere Kaufmannsfrau, und an alles zu glauben, woran sie glaubt. Mein Ideal ist, – in die Kirche zu gehen und dort aus Herzensgrunde ein Licht anzuzünden. Bei Gott, so ist es. Dann haben meine Leiden ein Ende.“


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