Durchgelesen: Francisco Goldman – „Sag ihren Namen“


Autor Francisco Goldman

Sag ihren Namen Francisco Goldman Buch Kritik Rezension

In „Sag ihren Namen“ verarbeitet Francisco Goldman den Tod seiner Frau.

Titel Sag ihren Namen
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung

„Niemand denkt sich heute etwas dabei, wenn Leute auf der Straße Selbstgespräche führen: Man nimmt an, dass sie in irgendein Bluetooth-Gerät sprechen. Doch mit feuchten, geröteten Augen oder einem zu einer schluchzenden Grimasse verzogenen Gesicht wird man unweigerlich angestarrt“, muss Francisco feststellen. Er ist der verheulte Mann, der auf den Straßen von New York skeptisch beäugt wird, und er weiß es genau: „Ich frage mich, was die anderen zu sehen glauben und wie sie sich diese Tränen erklären. An der Oberfläche hat sich ein Fenster aufgetan, kurz und beunruhigend.“

Das Ereignis, das das Fenster aufgestoßen hat, könnte kaum tragischer sein: Seine Ehefrau ist bei einem Badeunfall ums Leben gekommen, ausgerechnet während der Reise, die so etwas wie nachgeholte Flitterwochen sein sollten. Vier Jahre war das ungleiche Paar insgesamt zusammen: Francisco, der Ich-Erzähler, ist ein introvertierter Schriftsteller Ende 40, als er die tatendurstige 27-jährige Studentin Aura kennenlernt. Sie ist Mexikanerin und war zum Studieren nach New York gekommen. Ihre Mutter Juanita hatte sich mächtig ins Zeug legen müssen, um ihr das zu ermöglichen. Die Beziehung mit dem viel älteren Mann hieß sie nicht gut – und nun macht sie Francisco für Auras Tod verantwortlich, weil er sie nicht vor dem fatalen Unglück in den tückischen Wellen von Oaxaca bewahren konnte.

Die Geschichte, die Francisco Goldman in Sag ihren Namen erzählt, ist seine eigene. Zwar spielt er hier manchmal mit der Tatsache, dass sein Buch ein Roman ist, keine Autobiographie, und sein Ich-Erzähler denselben Namen trägt wie der Autor. Auch Verweise auf Autofiktion, schließlich war die Literatur auch Auras Metier, und Foucaults „Was ist ein Autor?“ tauchen mehrfach auf. Aber unzweifelhaft ist dies ein Buch, das auch als Therapie dienen soll.

Es ist diese Tatsache, die Sag ihren Nehmen so stark macht. Es ist ein Roman voll tief gefühlter, aufrichtiger, manchmal alles mit sich nach unten ziehender Trauer. Francisco ist zerschmettert, einer leidenschaftlichen Liebe und seines großen Glücks beraubt. Zugleich fragt er sich, ob er verantwortlich ist für den Tod der so viel jüngeren Frau. „Juanita hatte ihre Tochter verloren, ihr einziges Kind, und würde nie wieder ein anderes haben. (…) Im Inneren dachte ich, nein, (…) dein Verlust ist nicht größer als meiner. Aber stimmte das? Gab es ein Maß? Was, wenn er doch größer war? Was sagte das über meine Trauer aus und was über mich?“, ist eine der Stellen, in denen das klar wird. Man weiß nicht, ob man Lesern, denen der Tod ebenfalls gerade einen geliebten Menschen entrissen hat, die Lektüre dieses Romans empfehlen soll, so groß ist sein Durchdringen von Leugnen, Wut und Ohnmacht, so groß ist aber auch seine Kraft, Wunden zu reißen.

Sag ihren Namen ist allerdings auch ein Dokument der Selbstkasteiung, deren Ernsthaftigkeit und Gründlichkeit so unbarmherzig ist, dass sie auch eitel und egozentrisch wirken kann. „Die etwa fünf Jahre, bevor ich Aura kennenlernte, waren die einsamsten, die ich bisher erlebt hatte. Doch das Jahr und die paar Monate nach ihrem Tod waren noch viel schlimmer. Und was ist mit den vier Jahren dazwischen? War ich ein anderer Mensch als davor und danach, ein besserer Mensch dank der Liebe und des Glücks, das ich erlebte? Nach allem, was mir Aura geschenkt hat? Oder war ich dasselbe alte Ich, das nur vier Jahre lang unerhörtes Glück gehabt hätte? Vier Jahre – ist das zu wenig, um im Leben eines Erwachsenen eine solche Bedeutung zu erlangen? Oder können vier Jahre so wichtig sein, dass sie mehr Gewicht haben als alle anderen zusammen?“, will Francisco beispielsweise wissen, und das ist eine von vielen Stellen, die zwar kluge Gedanken enthalten, in denen das tragische Schicksal von Aura als Unglücksopfer aber völlig vom (Selbstmit-)Leid des Hinterbliebenen verdrängt wird.

Verstärkt wird dieser Eindruck, weil Francisco Goldman seinen tiefen Schmerz immer wieder mit oberflächlichen Souvenirs assoziiert: In welchem Restaurant waren wir? Welche Klamotten trugen wir? Welche Möbel suchten wir aus? Natürlich zeigt das in bitterer Klarheit, dass einem nach so einem Verlust tatsächlich nicht viel mehr bleibt als das Äußerliche, das sich im Vergleich zum inneren Leid wie Tand und Trödel ausnehmen kann. Bei Goldman wirkt es in diesem Roman aber oft angeberisch. Alles wird so spezifisch wie möglich erinnert, und gerade dadurch bekommt das Oberflächliche, Äußerliche eine viel zu große Bedeutung: Schaut, was wir für einen glamourösen und abwechslungsreichen Alltag hatten! Bewundert, was für bilderbuchmäßige Bohemiens wir waren! Vor allem auch: Seht her, wie genau ich mich erinnere! Ist das nicht ein Beweis dafür, wie sehr ich sie geliebt habe? „Wie Orpheus steige ich in meine Erinnerung hinab, um Aura für einen Augenblick wieder lebendig zu machen: Das ist der verzweifelte Sinn all dieser vergeblichen kleinen Riten und Inszenierungen“, schreibt er an einer Stelle. Doch auch das ist keine Rechtfertigung für all den, um im Bild zu bleiben, Schlick und Müll, den er von seinen Tauchgängen mit an die Oberfläche bringt.

Zum Ende hin wird Sag ihren Namen, von Publishers Weekly zum Buch des Jahres 2011 gekürt, immerhin besser. Da schafft es Francisco Goldman, ein paar Rätsel einzubauen (was gut für die Spannung ist) und Selbstkritik statt Selbstmitleid zu zeigen (was ihn deutlich sympathischer macht). Nicht zuletzt formuliert er im letzten Drittel des Romans nicht mehr bloß seine persönliche Trauerbewältigung, sondern ein paar universelle Gedanken über Seelenschmerz, Tod und Verlust.

Bestes Zitat: „Ich will meine Freundin wiederhaben, dachte ich; wir hatten unsere Geheimsprache und waren ein großartiges Team. Vielleicht habe ich einfach Menschen satt, die nicht verstehen, wie sich das anfühlt, aber diese Erfahrung wünsche ich wirklich niemandem. (…) Sie festhalten, wenn man sie hat, sie festhalten, dachte ich, das ist mein Rat an die Lebenden. Sie einatmen, die Nase in ihrem Haar vergraben, sie tief einatmen. Sag ihren Namen. Es wird immer ihr Name sein. Nicht einmal der Tod kann ihn wegnehmen.“

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