Durchgelesen: Franka Potente – „Zehn“ 3


Franka Potente beweist mit "Zehn" erstaunliches literarisches Talent.

Franka Potente beweist mit „Zehn“ erstaunliches literarisches Talent.

Autorin Franka Potente
Titel Zehn
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ***1/2

Man sieht schon die Schlagzeilen vor sich. „Jetzt schreibt sie auch noch.“ Oder: „Lola reimt.“ Da schwingt nicht nur die mangelnde Bereitschaft mit, das eigene Bild von Franka Potente zu hinterfragen. Sondern auch die Skepsis, die nun einmal angebracht ist, wenn jemand nach Ausflügen ins Regiefach und Versuchen als Sängerin und Fotografin plötzlich auch noch ein Buch veröffentlicht, der sich eigentlich in einem ganz anderen Metier einen Namen gemacht hat.

Paris Hilton singt, die Tochter von Madonna entwirft Mode und Mariah Carey ist der Meinung, sie sei Schauspielerin. Daran hat man sich gewöhnt. Man hat auch gelernt, dass Prominenz längst nicht immer mit Talent einher geht. Entsprechend gering sind die Erwartungen an Zehn, eine Sammlung von zehn  Erzählungen und das erste literarische Werk aus der Feder von Franka Potente.

Doch die Dinge liegen hier ein bisschen anders. Zum einen hat die junge Frau, die auch 12 Jahre nach Lola rennt noch immer so etwas wie der einzige deutsche Hoffnungsträger in Hollywood ist, offensichtlich keinerlei Interesse daran, ihren Bekanntheitsgrad auszunutzen, um das Buch zu vermarkten. Vor der Veröffentlichung gab es keine Interviews, es gibt keine Lesereise und auf dem Foto im Klappentext schaut die Potente eher wie eine schüchterne Studentin als ein Filmstar. Zum anderen kann sie tatsächlich schreiben – und wählt ein Sujet, dass weiter nicht entfernt sein könnte von Hollywood. Sie schreibt über Japan. Und so wird Zehn tatsächlich interessant.

Potente entdeckte Japan erstmals vor fünf Jahren bei Dreharbeiten – und man merkt Zehn nicht nur ihre fortwährende Faszination mit dem Land des Lächelns an, sondern auch ihre profunde Kenntnis der japanischen Kultur, die auf eine durchaus emsige Recherche schließen lassen. Ob Straßennamen, Kochrezepte oder Philosophie: Hier erzählt jemand, der wirklich eingetaucht ist in dieses Land. Das kann dann schon einmal klingen wie „Sie beschlossen, die Yatsuhashi in Shinjuku zu kaufen, das was nicht ganz so weit. Haruka kannte ein kleines Geschäft dort. In Shinjuku angekommen war sich Haruka plötzlich nicht mehr sicher. So gingen sie zunächst die Shinjuku-Dôri in östlicher Richtung, dann rechts auf die Meiji-Dôri, bis sie die Yasukuni-Dôri kreuzte. Tadaski sah auf die Uhr, vier Uhr war lange vorbei.“

Das verleiht den Geschichten nicht nur eine oberflächliche Exotik, sondern eine faszinierende, nachhaltige Spannung. Sofort ist man drin in diesen Erzählungen, und immer wieder fesseln die Figuren, Begegnungen und vor allem der ewige Widerstreit zwischen Etikette und Emotion. Potente bringt viel Verständnis für die japanische Reserviertheit mit, für den Zwang zum Ehrgeiz und für die Höflichkeit, die ihren Figuren oft so tief eingebläut ist, dass sie kaum mehr Gefühle zeigen können. Dass sie dafür auch eine passende Form findet, zeigt ihr literarisches Talent: Die Sätze sind oft sehr kurz, Spannung entsteht gerade durch geschickte Auslassungen. Und während die Schauplätze oft so eingehend beschrieben werden wie in Regieanweisungen, bleibt das Aussehen der Charaktere ein Rätsel.

Das entwickelt einen beachtlichen Reiz – vor allem im Zusammenspiel mit den Themen, die in Zehn behandelt werden. Franka Potentes Figuren sind junge Frauen oder alte Männer, deren Leben auf irgendeine Weise erschüttert wird. Sie sehen sich auf ihrer Suche nach dem Glück alle Problemen ausgesetzt, die universell sind: Was passiert mit meinem Leben, wenn ich plötzlich ein Kind habe? Wie finde ich den richtigen Partner? Wie viel Bedeutung kann eine spontane Begegnung mit einem Fremden haben? Man muss Japan nicht kennen, um sich darin wieder zu finden. Aber vielleicht hilft es, eine Schauspielerin zu sein, um sich mit so viel Hingabe, Einfühlungsvermögen und Poesie auf die Figuren einzulassen.

Bestes Zitat: „Als es vorbei war, schlief er sofort ein. Sie hatten sich noch viermal gesehen, danach. Als er ihr schließlich sagte, er könne sie nicht mehr treffen, hatte sie still geweint. Shinzu war schön, sie war klug und kam aus einer guten Familie. Er hatte sie hilflos angesehen und sich gefragt, was es war, wonach er suchte.“

Diesen Text gibt es auch bei news.de.


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