Durchgelesen: Graham Greene – „Der dritte Mann“


Autor Graham Greene

Der dritte Mann Graham Greene Buchkritik Rezension

Als Ausgangsmaterial für das spätere Drehbuch entstand „Der dritte Mann“ als Erzählung.

Titel Der dritte Mann
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1950
Bewertung

Mit der Nummer 87 ist Der dritte Mann, also der Film von Regisseurin Carol Reed, im Jahr 2006 in der Süddeutschen Cinemathek erschienen. Dort passt das Werk deutlich besser hin als in die Bibliothek des gleichen Verlags, die 50 große Romane des 20. Jahrhunderts versammelt. Denn am Anfang dieser Geschichte stand die Anfrage nach einem Filmstoff. Graham Greene wollte allerdings nicht sofort ein Drehbuch verfassen, sondern zunächst eine Erzählung, die dann zum Drehbuch weiterentwickelt, allerdings nie als Buch veröffentlicht werden sollte. „Für mich ist es nahezu unmöglich, ein Drehbuch zu schreiben, ohne den Stoff zunächst als Erzählung zu behandeln. Selbst ein Film braucht mehr als seine bloße Handlung… (…) Man muss das Gefühl haben, über mehr Stoff zu verfügen, als man dann tatsächlich verwendet“, erklärt der extrem produktive Autor (1904-1991) im Vorwort. An gleicher Stelle betont er: „Tatsächlich ist der Film besser als die Erzählung, denn er stellt in diesem Falle die endgültige Fassung der Erzählung dar.“

Eine lohnende Lektüre ist Der dritte Mann natürlich auch als Buch dennoch. Graham Greene erzählt die Geschichte von Rollo Martins, einem 35-jährigen Autor aus England. Er wird von seinem Freund Harry Lime nach Wien bestellt, um eine Reportage zu schreiben. Als Rollo ankommt, wird Harry gerade beerdigt. Er ist wenige Tage zuvor von einem Auto überfahren worden, niemand hatte den Eingeladenen informiert.

Als Ich-Erzähler fungiert Major Calloway, Polizist in der britischen Besatzungszone der österreichischen Hauptstadt. Er hatte gegen Harry Lime wegen illegalen Handels mit Medikamenten im großen Stil ermittelt, bei dem für die Täter sehr viel Geld heraussprang, während ohnehin todkranke Kinder zu den zahlreichen Opfern zählten. Rollo Martins kann sich nicht vorstellen, dass sein alter Schulfreund in solche Machenschaften verwickelt war. Er geht der Sache nach, recherchiert einige Ungereimtheiten am angeblichen Autounfall von Harry Lime – und deckt so einen noch größeren Betrug auf. Parallel profitiert er von einer Verwechslungsgeschichte: Martins schreibt unter dem Pseudonym „Buck Dexter“ Wildwestromane, von denen er mehr schlecht als recht leben kann. In Wien wird er allerdings mit dem renommiertem Schriftsteller Benjamin Dexter verwechselt und von der Intelligenzija und feinen Gesellschaft der Stadt entsprechend hofiert.

Das Spiel mit Identitäten („Ein Mann ändert sich nicht, bloß weil man mehr über ihn erfährt. Er bleibt deshalb immer noch derselbe Mann“, heißt es bezeichnend an einer Stelle) ist das verbindende Element und letztlich der Kern dieses Buches. Noch stärker als der durchaus spannende Plot wirkt allerdings die Atmosphäre, die Paranoia, Willkür und nicht zuletzt die Absurditäten der frühen Nachkriegszeit und des beginnenden Kalten Krieges wunderbar einfängt – wie es dann ja auch dem Film auf meisterhafte Weise gelingen sollte.

Bestes Zitat: „Das Böse war wie Peter Pan – es besaß die schreckliche, erschreckende Gabe ewiger Jugend.“

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