Durchgelesen: Harald Welzer – „Selbst denken“


Die Welt muss jeder für sich retten, lautet der Appell in "Selbst denken".

Die Welt muss jeder für sich retten, lautet der Appell in „Selbst denken“.

Autor Harald Welzer
Titel Selbst denken – Eine Anleitung zum Widerstand
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Dass Selbst denken – eine Anleitung zum Widerstand von Harald Welzer sich wochenlang in der Spiegel-Bestsellerliste hielt, ist vielleicht der beste Beweis für die These von der German Angst, also der Behauptung, hierzulande sei man besonders skeptisch, pessimistisch und mitunter gar masochistisch veranlagt. Denn der Wissenschaftler macht in dieser „gelungenen Mischung aus Pamphlet, Essay und Soziologiebuch“ (Die Zeit) vor allem klar, was er beim Blick in die Zukunft erkennt: eine Katastrophe.

Gemeint ist damit nicht nur die Gefahr durch den Klimawandel. Welzer befürchtet ebenso eine wirtschaftliche, soziale und demokratische Katastrophe, weil alle von ihm diagnostizierten Fehlentwicklungen miteinander verknüpft sind. Die von ihm angeprangerte „Wachstumsreligion“, Konsumismus, Neoliberalismus, Totalisierung des Marktes, die Zerstörung der sozialen Beziehungen und das Kasperletheater, das aus dem Zusammenspiel von Politik und Medien besteht, tragen demnach dazu bei, dass wir auf dem besten Weg in den Abgrund sind.

Der Ausgangspunkt seines Buches ist die Feststellung, dass die Zukunft für uns nichts Verheißungsvolles mehr hat. Früher (und so war auch seine persönliche Erfahrung als Kind, wie er schreibt) war Zukunft noch „die unablässige Erweiterung des Machbarkeits- und Erfahrungshorizonts“, sie war ein Versprechen voller neuer Möglichkeiten, Technologien und Entdeckungen. Heute ist Zukunft eine Bedrohung.

Das Bedrückende daran sei vor allem, dass es scheinbar kaum Möglichkeiten gebe, etwas an dieser Entwicklung zu ändern. Welzer legt überzeugend dar, dass die vielfach propagierte Nachhaltigkeit in unserem Leben nur erreicht werden kann, wenn wir uns radikal umstellen, in vielen Bereichen. Die Quintessenz seiner These lautet: Ökologie und Wachstum schließen sich gegenseitig aus. Wenn man also die Umwelt retten und Ressourcenübernutzung vermeiden will, „geht das nicht ohne deutliche Wohlstandsverluste. Das gute Leben gibt es nicht umsonst“, stellt er klar. Auch anderswo in Selbst denken gibt es immer wieder den unpopulären Hinweis auf die Notwendigkeit zu Verzicht, Rückschritten und Abstrichen.

Das wirkt vor allem deshalb so radikal, weil das bestehende Modell scheinbar noch funktionstüchtig ist und auf trügerische Weise zukunftsfähig wirkt. Natürlich kann man Sorge haben, wie die Welt in 60 Jahren aussehen wird und sich beispielsweise fragen, ob man heutzutage wirklich Kinder in diese Welt setzen sollte. Doch Anlass zu solcher Sorge hatten die Menschen des Jahres 1953 in jedem Falle auch – die meisten davon haben sich zerstreut, der Fortschritt scheint solche Bedenken immer wieder obsolet zu machen.

Es ist eine Stärke von Welzers Buch, dass er aufzeigt, warum genau dieses Denkmuster nicht mehr funktioniert: Der Fortschritt frisst sich selbst auf. Durch die Übernutzung natürlicher Ressourcen gehen seine Grundlagen unwiederbringlich verloren und wir haben keine Antwort auf die Frage, was dann passiert.

Besonders fahrlässig handelt dabei seiner Ansicht nach die Politik, die sich auf einen „restaurativen Illusionismus“ beschränke statt die klare Ansage zu wagen: Um die Welt zu retten, ist eine große Veränderung notwendig, die für uns in Deutschland wahrscheinlich ein Abstieg sein wird, wenn wir nicht rechtzeitig Modelle entwickeln, um damit umgehen zu können. „Handlungsfähig wäre [die Politik] nur, wenn sie noch etwas zu gestalten vorhätte, aber dafür müsste sie eine Vorstellung von einer wünschbaren Zukunft haben. Eine wünschbare Vergangenheit reicht nicht“, klagt er an. Das Ausbrechen aus alten Denkmustern sei notwendig, aber Politik, Medien, Wirtschaft und nicht zuletzt unsere eigene Bequemlichkeit sorgten dafür, dass wir feststecken im „gesellschaftlichen Tunnelblick“.

Ein großer Teil von Selbst denken – Eine Anleitung zum Widerstand widmet sich der Analyse möglicher Maßnahmen, die auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit naheliegend scheinen, aber zum Scheitern verurteilt sind. Welzer legt dar, dass die Politik gegen die aktuelle Entwicklung nichts tun kann, weil ein unser gesamtes Leben umgestellt werden muss von einer expansiven Kultur (also dem Fokus auf Wachstum) in eine reduktive (also auf das Zurückfahren vieler Faktoren). Derlei große Transformationen ließen sich nicht verordnen und steuern, habe die Geschichte immer wieder gezeigt.

Auch die Wissenschaft könne nichts tun, weil sie zu sehr gefangen sei in ihren eigenen Kategorien und fast nie den Transfer ihrer Ergebnisse in Handlungsempfehlungen wage. Die Klimaforscher, die als Vielflieger für die Vermeidung von CO2-Ausstoß werben, sind dafür nur das frappierendste Beispiel.

Selbst der Versuch, über die Mechanismen des Marktes etwas in Richtung Nachhaltigkeit zu bewirken, beispielsweise durch Boykotte oder Proteste gegen bestimmte Unternehmen und ihre Praktiken, ist laut Welzer zum Scheitern verurteilt. „Der Markt, der alles, auch den heftigsten Widerstand gegen sich selbst, inkorporieren und in eine Ware verwandeln kann, ruft jederzeit ‚ick bün all da’ und hetzt die naiven Strategen ganz entspannt zu Tode“, schreibt er. „Die im 20. Jahrhundert eingeübten politischen Kampfformen und Einflussgrößen sind im 21. Jahrhundert schwach oder gar gegenstandslos geworden. Es handelt sich um neue Formen der Machtbildung, die mit den alten Mitteln nicht zu bekämpfen sind. Sie bieten nicht einmal mehr ein Feindbild, an dem sich Gegenmacht organisieren könnte.“

Die einzige Dimension, innerhalb der wirklich etwas getan werden kann, ist demnach das Selbst. Darin liegt die Lösung, die Welzer propagiert. „Ich selbst bin das Problem, das gelöst werden muss, wenn unsere Welt zukunftsfähig werden soll“, fasst er seinen Appell zusammen. Wir müssen selbst denken und anders handeln.

Das klingt einleuchtend und nicht allzu kompliziert, doch Welzer geht sehr seindrucksvoll darauf ein, wie groß die Widerstände sind, die es dafür zu überwinden gilt. Zunächst sei der Handlungsbedarf schwer zu erkennen: Immer wieder betont der Autor die Ungleichzeitigkeit des Wandels. Das heißt: Viele negative Entwicklungen sind längst im Gange, ohne dass wir sie erkennen, und sie verstärken sich gegenseitig mit den Szenarien, die wir erst noch erwarten.

Dazu kommt, dass wir träge sind und kaum gelernt haben, uns ein Verhalten oder eine Gesellschaft jenseits des Status Quo vorstellen zu können. Das kulturelle Modell der Industrialisierung hat nicht nur Wirtschaft und Politik geprägt, wie Welzer deutlich macht, sondern auch unseren Habitus und unsere Psyche. Er zeigt mit vielen Beispielen die Bedeutung des „impliziten Handlungsmodells der gelebten Kultur“, die einer radikalen Veränderung im Wege steht. Nicht zuletzt geht es uns (noch) gut. Wir erliegen gerne den Verlockungen der von ihm angeprangerten „Kultur des ALLES IMMER“, und selbst wenn wir ahnen, dass diese moralisch fragwürdig ist, brechen wir nicht daraus aus. Sinn kann man kaufen und dann notfalls in Raten bezahlen, attestiert Welzer.

Dennoch sieht er im Umdenken jedes Einzelnen den einzigen Weg, um eine intakte Umwelt und eine gerechte Gesellschaft zu vereinen. Er fordert „Widerstand gegen die physische Zerstörung der künftigen Lebensgrundlagen, gegen den Extraktivismus, Widerstand aber auch gegen die Okkupation des Sozialen. Widerstand gegen die freiwillige Hingabe der Freiheit. Widerstand gegen die Dummheit. Widerstand gegen die Verführbarkeit seiner selbst, leichthin zu sagen: ‚Ist ja egal, es kommt doch nicht auf mich an.’ Nichts ist egal. Nur auf Sie kommt es an.“

Das ist harter Stoff, doch es gelingt Harald Welzer, aus Selbst denken dennoch eine unterhaltsame Lektüre zu machen. Sprachlich ist er mitunter brillant, viele Abbildungen illustrieren seine Thesen und gelegentlich ist inmitten all der dunklen Wolken auch Platz für Humor. „Es existiert eine unendliche Menge von Möglichkeiten, es sich selbst und anderen unbequem zu machen“, schreibt Welzer beispielsweise augenzwinkernd. All das führt zu der erstaunlichen Tatsache, dass seine Schreckensszenarios und sein Levitenlesen sogar Spaß machen.

Erfreulich ist auch, dass sich Welzer nicht zum Über-Gutmenschen oder zum Bruce Willis der Soziologie stilisiert, der als ultimatives Vorbild gelten kann und den Masterplan zur Rettung der Welt in der Tasche hat. „Wir leben auf Kosten der kommenden Generationen“, schreibt er beispielsweise, und dieses „wir“ (statt „ihr“) zeigt: Er bezieht sich ein, er stellt sich selbst mit an den Pranger. In teilweise sehr persönlichen Gedanken zeigt er, wie schwer auch ihm der Weg zum Selbst denken fällt. Er ist zwar einen Schritt zurückgetreten, um sich einen Gesamtüberblick zu verschaffen, aber er stellt sich nicht moralisch über alle anderen oder den Leser.

Dass Selbst denken ein so aufrüttelndes und wichtiges Buch wird, ist nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass Welzer sehr verständlich, direkt, praktisch und konkret bleibt und aus einem riesigen Wissensfundus schöpft (die erste Fußnote des Buches verweist auf ein Micky-Maus-Heft als Quelle, die zweite auf Francis Fukuyama, der die Theorie vom „Ende der Geschichte“ geprägt hat – das illustriert wunderbar die Bandbreite). Immer wieder findet er eine faszinierende Form für seine Thesen, beispielsweise, wenn er sich in den Kapiteln Lebenskunst, zwanzig Jahre später und Eine nicht ganz so schöne Geschichte aus dem Jahr 2033 als Science-Fition-Autor betätigt. Dass seine Utopie von einem nachhaltigen, innovativen 2030 glaubwürdiger klingt als seine Dystopie von 2033, ist dabei entweder ein gutes Zeichen oder ein Signal für unsere Blindheit gegenüber all den apokalyptischen Bedrohungen.

Das Buch lebt auch von der Begeisterung, dem Sendungsbewusstsein und den Emotionen, die darin stecken. Mitunter wird der Autor euphorisch, beinahe esoterisch (man kann natürlich auch wohlmeinend sagen: ganzheitlich) bei der Erklärung seiner Vision der Zukunft: „Die Transformation von der expansiven zur reduktiven Kultur ist die Tranformation von einer einfachen zu einer intelligenten Kultur: von der Addition zur Kombinatorik, vom Wachstum zur Kultivierung, vom Aufbau zum Ausbau. Von Passivität zu Aktivität. Vom Dulden zum Widerstehen. Von Dienen zum Genießen. Zum sich selbst wieder Ernst-Nehmen“, schreibt er beispielsweise.

Dieses Schwärmerische kann man ihm ebenso ankreiden wie die Tatsache, dass er beim Vorstellen von Lösungsansätzen wie dem bedingungslosen Grundeinkommen gelegentlich die globale Perspektive übersieht oder vernachlässigt. Und ein bisschen Eitelkeit steckt auch noch in Selbst denken, wenn Welzer in einigen Passagen seine Unzufriedenheit mit dem Bildungs- und Wissenschaftssystem zum Ausdruck bringt, aus dem er sich mittlerweile als Direktor der Stiftung FUTURZWEI weitgehend zurückgezogen hat.

Nichtsdestotrotz ist Selbst denken ein großer Wurf. Welzer wird darin dem Titel als „einer der konsequentesten Vordenker unserer Zeit“ gerecht, den ihm sein Verlag ans Revers heftet. Sein Buch ist deshalb so stark, weil es den Fokus nicht auf der Klimathematik belässt, sondern nach Ursachen, weiteren Folgen und Zusammenhängen sucht.

Welzer arbeitet zum einen exzellent heraus, welche Mechanismen dafür verantwortlich sind, dass jeder neue Tag mittlerweile eher wie ein weiterer Schritt in Richtung Weltuntergang wirkt als wie eine Etappe auf dem Weg zum Paradies. Er befürchtet beziehungsweise attestiert völlig zu Recht „das freimütige Eintauschen von Autonomie gegen Produkte (…) weil hier ohne Not preisgegeben wird, war der wirkliche historische Gewinn des Aufstiegs der frühindustrialisierten Gesellschaften war (…): bürgerliche Rechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Bildungs- und Gesundheitsversorgung. Denn die kapitalistischen Gesellschaften produzieren ja beides zugleich: die Erfahrung von Freiheit und Teilhabe und Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Die Steigerung des individuellen Glücks und die Zerstörung der Welt. Aufklärung und Selbstentmündigung.“

Zum anderen zeigt er, wie viele Möglichkeiten zur Gestaltung der Welt wir haben, wenn wir unseren Horizont ein wenig erweitern und unsere Fantasie benutzen: „Da sich unsere Welt radikal verändern wird, stehen wir nicht vor der Frage, ob alles bleiben soll, wie es ist, oder nicht. Wir stehen nur vor der Frage, ob sich diese Veränderung durch Gestaltung oder Zerfall vollziehen wird – ob man sehenden Auges die sukzessive Verkleinerung des noch bestehenden Handlungsspielraums geschehen und damit Freiheit, Demokratie, Recht und Wohlstand über die Klinge springen lässt. Oder ob man seinen Handlungsspielraum nutzt, um Freiheit zu erhalten, also auch die Freiheit, die Dinge besser zu machen.“

Vor allem ist Selbst denken ein großartiges Plädoyer für den Abschied vom reinen Wachstums- und Wirtschaftsdenken. Das wirklich Bedrohliche an der Zukunft ist nicht Peak Oil, der Crash des Finanzsystems oder die Klimakatastrophe, sondern das Ende der Grundlagen unseres Zusammenlebens. Welzer will, und das ist sein stärkstes Argument, unseren zivilisatorischen Standard bewahren, nicht unbedingt unseren Lebensstandard. Er hat erkannt: Demokratie, Frieden und Menschenrechte sind wichtiger als das Bruttoinlandsprodukt.

Bestes Zitat: „Der Kapitalismus ist ein System von faszinierender Geschmeidigkeit: Er regelt die Beziehungen der Menschen zueinander unabhängig davon, ob sie einander freundlich oder feindlich gegenüber stehen. Er erneuert und modernisiert sich durch seine wiederkehrenden Krisen. Er absorbiert Kritik und Gegenbewegungen, indem er für beides Teilmärkte schafft, also auch aus ihnen Modernisierungspotenzial schöpft. Er verwandelt die Welt und ihre kulturellen Differenzen und historischen Ungleichzeitigkeiten in einen gigantischen Synchronisierungsapparat, der von Energie, Arbeit und Material gespeist wird. Er wäre perfekt, hätte er nicht wie jedes andere Perpetuum mobile den konstruktiven Nachteil, dass er ohne Energiezufuhr von außen nicht läuft.“

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