Durchgelesen: Harry Mulisch – „Das Attentat“


Autor Harry Mulisch

Das Attentat Harry Mulisch Kritik Rezension

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs ereignet sich „Das Attentat“.

Titel Das Attentat
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1982
Bewertung

Man könnte meinen, ein Junge, der 1931 geboren ist und in den Niederlanden aufwuchs, sei zu jung, um ein Leben lang unter dem Trauma von deutscher Besatzung, Naziherrschaft und Krieg zu leiden. Wie leicht das Gegenteil eintreten kann, zeigt Harry Mulisch (Jahrgang 1927) in Das Attentat.

Seine Hauptfigur ist Anton Steenwijk. Im Januar 1945 ist er 13 Jahre alt, als eine folgenschwere Verkettung von Ereignissen sein Leben für immer verändert: Holländische Widerstandskämpfer erschießen einen Offizier der mit den Nazi kollaborierenden Armee auf offener Straße. Die Leiche legen sie genau vor dem Haus von Antons Familie ab. Obwohl weder er noch sonst einer der Bewohner etwas mit dem Anschlag zu tun haben, wird das Haus niedergebrannt, Anton zum Verhör zur Polizeiwache gebracht, seine Eltern noch am Schauplatz des Attentats erschossen, wie wenig später auch sein älterer Bruder, der noch fliehen wollte.

Anton wächst, nach einer fast mythisch wirkenden Begegnung mit einer anderen Gefangenen auf der Polizeistation und einer abenteuerlichen Fahrt durch einen Bombenangriff nach Amsterdam, bei seinem Onkel auf. Er beginnt ein normales Leben, studiert, reist, feiert – und tut so, als so der dramatische Tag kurz vor Ende des Krieges nie geschehen. Aus dieser Weigerung (bezeichnend: Anton arbeitet als Anästhesist) erwächst die Substanz des Romans von Harry Mulisch, der aus seiner eigenen Familiengeschichte weiß, wie lange und schmerzhaft die Folgen des Dritten Reichs nachwirken: Seine Großmutter und Urgroßmutter ließen im KZ ihr Leben.

Mit virtuosen Wechseln zwischen den Zeitebenen zeigt der Autor einerseits, wie lange das Geschehen zurück liegt, und hält es gleichermaßen sehr präsent, so sehr Anton auch sein Unbeteiligtsein proklamiert. Das führt auf beiden Ebenen zu sehr wirkungsvollen Kontrasten: Im Erleben des 13-jährigen Anton trifft die unbedarfte Gedankenwelt eines Kindes auf eine maximal brutale Lebenswirklichkeit; beim erwachsenen Anton klaffen die offensichtliche Omnipräsenz seiner traumatischen Familiengeschichte und seine Weigerung, sie als Teil seiner Biographie zu artikulieren, aufeinander.

Dazu ist Das Attentat, trotz einer sehr nüchternen Sprache, ein extrem spannendes Buch. Sofort nach dem Prolog wird die Atmosphäre beinahe atemlos, und die sich später einstellende Pointe rund um das Geschehen im Januar 1945 verstärkt noch einmal die Komplexität der Fragen von Schuld, Verantwortung, Trauma und Mitgefühl in diesem Roman.

Im besten Zitat steht Anton vor einem Mahnmal für die Toten der Vergeltungsaktion, auf dem sich die Namen seiner Eltern befinden, aber nicht der seines Bruders Peter. „Der gehörte, jedenfalls mit viel gutem Willen, zu den Toten des bewaffneten Widerstands, für die es andere Mahnmale gebe. Geiseln, Widerstandskämpfer, Juden, Zigeuner, Homosexuelle, die dürften, gottbewahre, nicht durcheinandergeworfen werden, sonst gebe es ein riesengroßes Durcheinander.“

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