Durchgelesen: Heinz Helle – „Eigentlich müssten wir tanzen“


Autor Heinz Helle

Eigentlich müssten wir tanzen Heinz Helle Kritik Rezension

In einer postapokalyptischen Welt spielt der zweite Roman von Heinz Helle.

Titel Eigentlich müssten wir tanzen
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Bloß ein Arzt fehlt noch. Ansonsten haben Drygalski (Mikrobiologe), Gruber (betreibt einen Textilgroßhandel), Fürst (Architekt), Golde (Finanzberater) und der namenlose Ich-Erzähler (Pilot) die denkbar bürgerlichsten Berufe. Sie haben einen Ausflug auf eine Berghütte gemacht. Weil sie Jugendfreunde sind, ist „Ausflug“ natürlich nur ein Codewort für „Sauftour“. Aber als sie aus der Abgeschiedenheit der verschneiten Alpenlandschaft wieder zurückkehren wollen, finden sie sich in einer postapokalyptischen Welt wieder: brennende Autos, zerstörte Geschäfte, Leichen. Überall.

Heinz Helle, geboren 1978 und Absolvent des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel, hat schon mit seinem Debütroman Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin (2014) für Aufsehen gesorgt. In Eigentlich müssten wir tanzen erzählt er in kurzen Szenen und karger Sprache von der Endzeit. Zu Beginn begehen seine fünf Freunde eine Gruppenvergewaltigung und plündern einen Supermarkt. Ersteres, weil es möglich ist, Letzteres weil es notwendig ist. Als Leser glaubt man da noch, weil der Kontext der Handlung auf den ersten Seiten noch nicht klar ist, dieser Roman spiele in einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort, im Mittelalter oder einer Krisenregion der Dritten Welt. Aber er spielt hier und jetzt.

„Wir rücken eng aneinander, so wie wir es immer tun zurzeit, wir haben einfach noch keine Lust, zu erfrieren, warum, können wir auch nicht genau sagen, wir wissen nicht worauf wir warten oder was wir zu finden hoffen auf unserem Marsch durch eine Landschaft, die nichts weiter ist als eine Erinnerung daran, dass nichts mehr so ist wie früher“, heißt es an einer Stelle, als die Gruppe wieder ein Nachtlager improvisiert. Der erste höchst erschütternde Effekt von Eigentlich müssten wir tanzen ist, wie leicht man diese Szenerie für möglich hält, auch wenn für Auslöser und Ablauf dieses Weltuntergangs keinerlei Erklärung gegeben wird. Bedeutet diese erschreckende Plausibilität vielleicht, dass wir wirklich schon so nah am Abgrund sind?

Noch erstaunlich ist, wie geschickt Heinz Helle in dieses Buch etwas integriert, was man durchaus als moralischen Appell verstehen kann. Während die einstigen Jugendfreunde ziellos durch die Landschaft der Alpen und die einstige Zivilisation marschieren, wird ihnen die Sinnlosigkeit ihres früheren Lebens klar. Sie erkennen falsche Ziele, Werte und Prioritäten und sie müssen sich eine Mitschuld an der Katastrophe geben. „Ich meine, wir hätten es kommen sehen können. Und was hätten wir dann gemacht?“, lautet eine der zentralen Fragen.

Helle zeigt an vielen Stellen, dass es in dieser postapokalyptischen Welt für seine Fünferbande nur noch ums biologische Funktionieren geht. Aber seinen Figuren wird auch klar, dass sich ihr prä-apokalpytisches Leben ebenfalls bloß ums Funktionieren gedreht hat, und zwar um ein materielles Funktionieren. Auf den Frust, den Schock und die Härte des Winters reagieren sie mit der Zerstörungswut von pubertierenden Jungs, die sich auch dort noch Bahn bricht, wo es kaum noch etwas zum Zerstören gibt. Zwischendurch gibt es aber immer wieder Momente der Reflexion, in denen der studierte Philosoph Helle gerne ans Grundsätzliche geht.

Das meiste erzählt er in der Wir-Perspektive, das zeigt den Zusammenhalt und Überlebenswillen der Gruppe, aber auch ihre Schuldgefühle. Es betont zudem die Zugehörigkeit der Figuren (und auch des Lesers) zu allem, was zu dieser Katastrophe geführt hat und versucht zugleich, die individuelle Verantwortung dafür zu verharmlosen.

Bezeichnend wird das gegen Ende von Eigentlich müssten wir tanzen. Da kommen die Figuren an einen Tunnel kurz hinter der Grenze, der vielleicht zum Ausweg aus dem Chaos werden könnte. Aber sie kehren um, als sie nach ein paar Schritten in den Tunnel hinein unsicher werden, wo er wirklich hinführt. Sie laufen zurück, sie ziehen der möglichen Rettung, die Mut und Zuversicht erfordert, lieber das Dahinvegetieren im Vertrauten vor, selbst wenn dieses Vertraute nichts anderes als die Apokalypse ist. Mit diesem Bild zeigt der Autor, wie schwer es uns fällt, die (gesellschaftlich) eingetretenen Pfade zu verlassen und wirklich (politisch) Ungewisses zu wagen. Und er stellt die Frage, wie weit wir vielleicht schon im Stadium von Dahinvegetieren und Weltuntergang angekommen sind.

Bestes Zitat: „Als es uns schlecht ging, wurden wir manisch. Jetzt geht es uns gut, und wir werden depressiv. Das ist doch immer so. Unser Gemüt stellt sich gegen die Welt da draußen. Ein Abwehrmechanismus. Das ist das normalste, das fundamentalste Prinzip des Seins. Wir sind alle Elektronen, jeder will das, was er nicht hat, wird, was er nicht ist, plus, minus, schwarz, weiß.“

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