Durchgelesen: Hélène Grémillon – „In Zeiten von Liebe und Lüge“


Autor Hélène Grémillon

Im Argentinien des Jahres 1987 hat Hélène Grémillon ihren zweiten Roman angesiedelt.

Im Argentinien des Jahres 1987 hat Hélène Grémillon ihren zweiten Roman angesiedelt.

Titel In Zeiten von Liebe und Lüge
Originaltitel La Garconnière
Verlag Atlantik
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Tango spielt eine wichtige Rolle im zweiten Roman von Hélène Grémillon. In Zeiten von Liebe und Lüge ist genau so spannend, elegant und erotisch wie dieser Tanz. Allerdings kann man sich bei der Französin, die mit Das geheime Prinzip der Liebe einen Bestseller gelandet hatte, nie sicher sein, ob man dem Tanzpartner über den Weg trauen kann.

Ihr Roman spielt im Argentinien des Jahres 1987. Lissandra war eine begeisterte und begnadete Tänzerin, jetzt ist sie tot: Man findet ihre Leiche auf dem Gehweg vor ihrer Wohnung, offensichtlich ist sie aus dem fünften Stock gestürzt worden. Die Polizei nimmt ihren Ehemann fest, den Psychotherapeuten Vittorio. Der beteuert seine Unschuld, doch außer seiner bisherigen Patientin Eva Maria, einer trinksüchtigen Geologin, deren Tochter vor Jahren von der Junta verschleppt wurde, will ihm niemand glauben. Während Eva Maria auf eigene Faust die Hintergründe von Lissandras Tod aufdecken will, fragt sich der Leser: Ist Vittorio wirklich der Täter? War es ein anderer? Vielleicht einer seiner Patienten? Oder war es Selbstmord?

Überaus geschickt verbindet Grémillon diese Recherche, im Kern eine Kriminalgeschichte, mit Betrachtungen über das Wesen von Liebesbeziehungen und einem Blick auf ein Land, in dem die Wunden aus der Ära der Militärdiktatur noch frisch sind. Was für die zwischenmenschlichen Beziehungen gilt, gilt in In Zeiten von Liebe und Lüge auch für das gesellschaftliche Miteinander: Überall herrscht Misstrauen, die Möglichkeit von Verrat, die Erinnerung an Gewalt. „Wenn man gelernt hat, aus Ideologie zu töten, kann man auch aus Liebe töten“, verknüpft die Autorin in einem einzigen Satz diese beiden Sphären.

Dank dieser Ausgangslage bekommt der Roman eine erstaunliche, nervöse Spannung. Was wie eine absolute Gewissheit erscheint, ist ein paar Seiten später nur noch eine vage Möglichkeit. Loyale Gewährsmänner werden zu zweifelhaften Gestalten, Zeugen zu Verdächtigen. Selbst die Identitäten scheinen elastisch, sodass man sich gelegentlich an Max Frischs Stiller erinnert fühlt. Auch hier geht es letztlich darum, wie sehr Erinnerungen trügen können, wie fehlbare unsere Wahrnehmung mitunter ist und wie schwer ein Trauma auf uns lasten kann.

Grémillon verstärkt diesen Effekt geschickt, indem sie immer wieder Zeitsprünge und Wechsel der Perspektive mitten im Absatz wagt. Auch die formale Vielfalt trägt dazu bei, dass der Leser permanent verunsichert und zugleich angespornt wird, der Lösung dieses Rätsels auf die Spur zu kommen. Da werden Protokolle der Therapiesitzungen aus Vittorios Praxis wiedergegeben, ein Notenblatt zu einem Tango-Lied abgedruckt, eine Visitenkarte nachgebildet und viele innere Monologe referiert. Am Ende ist man erschüttert ob all der Figuren, die keinen Halt mehr kennen, und all der Tragik, die durch Lissandras Tod ans Licht kommt.

Bestes Zitat: „Das Prinzip der Unzufriedenheit. Unzufriedenheit mit sich selbst, die einen zum anderen führt. Dann die Unzufriedenheit mit dem anderen, die einen zum Zweiten führt. Und zum Dritten. Das alles, um nicht zu sehen, dass nicht man selbst oder die anderen unbefriedigend sind, sondern das Leben. Weil es zum Tode führt.“

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