Durchgelesen: Hermann Hesse – „Klein und Wagner“ 2


Überall wo Freude ist, lässt Hesse in „Klein und Wagner“ den Abgrund lauern.

Autor Hermann Hesse
Titel Klein und Wagner
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 1920
Bewertung ***1/2

Die Handlung ist schnell erzählt: Der einstige Spießbürger Klein unterschlägt Geld, fliegt auf, verlässt Frau und Kinder und versucht unter anderem Namen dies alles zu vergessen und vieles nachzuholen.

Es ist eines von Hesses frühesten Werken, und eines seiner kürzesten. Dennoch ist schon alles da: das Scheitern an der bürgerlichen Welt, die Flucht in die Schweiz, der alte Mann, die junge Frau. Natürlich auch: die Zweifel, die Fragen, das Haltsuchen.

„Niemals seit seiner Jugendzeit war Klein so unmittelbar und so einsam seinen Gefühlen überlassen gewesen, niemals so in der Fremde, niemals so nackt und senkrecht unter der unerbittlichen Sonne des Schicksals. Immer war er mit irgend etwas beschäftigt gewesen, mit etwas anderm als mit sich selbst, immer hatte er zu tun und zu sorgen gehabt, um Geld, um Beförderung im Amt, um Frieden im Hause, um Schulgeschichten und Kinderkrankheiten; immer waren große, heilige Pflichten des Bürgers, des Gatten, des Vaters, um ihn her gestanden, in ihrem Schutz und Schatten hatte er gelebt, ihnen hatte er Opfer gebracht, von ihnen her war seinem Leben Rechtfertigung und Sinn gekommen. Jetzt hing er plötzlich nackt im Weltraum, er allein Sonne und Mond gegenüber, und fühlt die Luft um sich dünn und eisig“, wird gleich am Anfang das Dilemma beschrieben: Die Flucht ist Befreiung und Bedrückung zugleich.

Der nach außen hin brave Klein fühlt sich dem Künstler und Visionär Richard Wagner zugetan, den er in seiner Jugend liebte, empfindet aber auch Faszination für einen Amokläufer gleichen Namens, dessen Tat ihn in seinen Träumen immer wieder begegnet. Diese Zerrissenheit ist allgegenwärtig. Überall, wo Freude ist, lauert sofort der Abgrund.

„Wenige Dinge waren es, die einem halfen, wenige, die trösteten und das Leben erleichterten; diese wenigen Dinge zu kennen war wichtig. (…) Das Denken war wohl auch so ein tröstliches Ding, das einem wohltat und leben half. Aber nicht jedes Denken! O nein, es gab ein Denken, das war Qual und Wahnsinn. Es gab ein Denken, das wühlte schmerzvoll im Unabänderlichen und führte zu nichts als Ekel, Angst und Lebensüberdruss. Ein anderes Denken war es, das man suchen und lernen musste. War es überhaupt ein Denken? Es war ein Zustand, eine innere Verfassung, die immer nur Augenblicke dauerte und durch angestrengtes Denkenwollen nur zerstört wurde. In diesem höchst wünschenswerten Zustand hatte man Einfälle, Erinnerungen, Visionen, Phantasien, Einsichten von besonderer Art“, heißt es. Und: „Wenn er nur eines gewusst hätte: ob diese Unsicherheit, diese Not, diese Verzweiflung mitten in der Freude, dieses Denkenmüssen und Fragenmüssen auch in anderen Menschen so war, oder nur in ihm allein, in dem Sonderling Klein?“

Diese Schizophrenie gipfelt schließlich in Kleins Selbstmord, der zur Symbiose der sich widersprechenden Elemente wird. Wie detaillert das Sterben Kleins geschildert ist, wie unermesslich tief dieser Rausch, dieser Taumel, dieser Sog geschildert ist, den der Sterbende als Weg zu Glück und Elösung empfindet, das ist wahrlich groß.

Beste Stelle: „Es selbst hatte vor kurzem, in einem Traum, eine Frau mit dem Messer erstochen, weil ihr entstelltes Gesicht ihm unerträglich gewesen war. Entstellt war freilich jedes Gesicht, das man liebte, entstellt und grausam aufreizend, wenn es nicht mehr log, wenn es schwieg, wenn es schlief. Da sah man ihm auf den Grund und sah nichts von Liebe darin, wie man auch im eigenen Herzen nichts von Liebe fand, wenn man auf den Grund sah. Da war nur Lebensgier und Angst, und aus Angst, aus dummer Kinderangst vor der Kälte, vor dem Alleinsein, vor dem Tod floh man zueinander, küsste sich, umarmte sich, rieb Wange an Wange, legte Bein zu Bein, warf neue Menschen in die Welt. So war es.“


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