Durchgelesen: Irvine Welsh – „Skagboys“


In "Skagboys" erzählt Irvine Welsh die Vorgeschichte zu "Trainspotting".

In „Skagboys“ erzählt Irvine Welsh die Vorgeschichte zu „Trainspotting“.

Autor Irvine Welsh
Titel Skagboys
Verlag Heyne Hardcore
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Eine Schlacht steht am Anfang von Skagboys. Sie wird ausgefochten zwischen streikenden Gewerkschaftlern, die aus allen Ecken Schottlands zusammen gekommen sind, und Polizisten, die ihnen während einer Protestkundgebung eine Falle stellen. Sie endet in einer schlimmen Niederlage der Arbeiter. Gebrochene Arme, reichlich Platzwunden und blutende Nasen bringen sie mit nach Hause – und die Lektion, dass es in Großbritannien nicht mehr gern gesehen ist, wenn man sich in irgendeiner Weise dem Establishment und der ungehinderten Gier in den Weg stellt.

Es ist eine Szene, die in ihrer Brutalität schockiert, unter anderem, weil sie an die London Riots 2012 denken lässt und – auch das ist ein sehr aktueller Aspekt – deutlich macht, wie unbarmherzig der Kampf gegen etablierte Rechte auf Mitbestimmung, soziale Mindeststandards und gerechte Bezahlung geführt wird, wenn ein neoliberales Regime sich bedroht fühlt. Und es ist eine Szene, die sehr typisch ist für den achten Roman von Irvine Welsh. Skagboys erzählt die Vorgeschichte zu seinem Bestseller und Debüt Trainspotting. Es geht also auch hier um Mark Renton, Sick Boy, Begbie, Spud und ihre Clique im Edinburgh der 1980er Jahre. Es geht um Heroin und um die ganz großen Themen: Familie, Liebe, Tod und Fußball. Aber darüber hinaus ist Skagboys ein sehr politisches Buch.

Welsh erweist sich als großer Patriot und noch größerer Humanist. Er sucht nach einer schottischen Identität, und er sucht nach den Gründen für den Niedergang seiner Heimat, und das ist die besondere Stärke dieses Buches. Viele Passagen sind ganz explizit politisch und thematisieren nichts anderes als den Klassenkampf in der Thatcher-Ära. „Was war nur aus diesem Land geworden?“, fragt sich Mark Renton an einer Stelle. „Er dachte an die Generation seines Vaters, in der Männer aller Klassen Seite an Seite marschiert waren, um sich der größten Tyrannei entgegenzustellen, die die Menschheit je gesehen hatte. Sicherlich hatte eine Klasse, wie immer eigentlich, mehr Opfer bringen müssen als die andere, aber sie waren vereint gewesen, durch ein gemeinsames Schicksal zusammengeschweißt. Dieser esprit de corps jedoch, geformt durch zwei Weltkriege und ein weitläufiges Imperium, schien schon lange Geschichte zu sein. Langsam, unwiderruflich brach alles auseinander.“

An anderer Stelle knüpft Welsh an diesen Gedanken an: „Der Optimismus der Nachkriegszeit war definitiv verschwunden. Wohlfahrtsstaat, Vollbeschäftigung, Butler Education Act für kostenlose Schulbildung – alles nicht mehr existent oder bis zur Bedeutungslosigkeit verzerrt. Jeder war sich selbst der Nächste. Vorbei die Zeit von Zusammenhalt und Eintracht.“

Die Verknüpfung dieser Atmosphäre und der politischen Rahmenbedingungen mit der Geschichte über junge Menschen, die dem Heroin verfallen, wird am deutlichsten in den Einschüben, die es zwischen den einzelnen Kapiteln von Skagboys gibt, und die Welsh stets Anmerkungen zu einer Epidemie überschrieben hat. Darunter fallen das Heroin, das die Stadt überschwemmt, die Ausbreitung von Aids – aber bezeichnenderweise wird auch der Sozialabbau unter Thatcher als Epidemie geschildert.

Wirtschaft und Moral gehen gleichermaßen den Bach runter in diesem Roman. Welsh zeigt deutlich, wie beides verwoben ist, und er lässt keinen Zweifel daran, welche der beiden Sphären er dabei für die treibende Kraft hält, wer Auslöser und wer Opfer ist. In Mark Renton, der trotz wechselnder Perspektiven, in denen auch die anderen Figuren als Ich-Erzähler auftreten, als so etwas wie die Hauptfigur von Skagboys gelten kann, kulminieren diese Entwicklungen. Zu Beginn hat er ein beinahe schönes Leben: Er studiert mit viel Freude in Aberdeen, verdient sich in seinen Ferien in seiner alten Firma als Schreiner in Edinburgh etwas dazu, trifft seine alten Freunde und verliebt sich auf einer Rundreise durch Europa in seine Kommilitonin Fiona.

Doch es kann keine Rede davon sein, dass er seine Jugend genießt, denn in ihm steckt ein tiefes Unbehagen. Er will kaputt sein, um sich abzuheben vom Leben der Durchschnittsbürger, dabei ist deren normales Leben längst selbst kaputt. Moral, Ehrgeiz und Zusammenhalt sind in dieser Welt unrettbar diskreditiert, und sein Hass trifft alle, die das nicht erkennen oder zugeben wollen. „Ich wusste, dass sie mich in ihrer Welt akzeptieren würde“, meint er über Fiona, seine Freundin aus gutem Hause, „und im Grunde waren ihre Werte und Vorstellungen ja genau wie die meiner Eltern: ehrbar und anständig. Doch ich hasste diese Worte. Ich brauchte sie bloß zu hören, und meine Nackenhaare stellten sich auf.“

Die größte Dummheit in der Welt von Mark und seinen Freunden wäre es, einen Antrieb zu haben, die naive Hoffnung, es auf anständige Weise zu etwas bringen zu können. Es sind zwei Gefühle, die ihr Leben am stärksten prägen: Das erste ist Perspektivlosigkeit. „Woher nahmen sie die Energie, um jeden Tag aufs Neue diesen Zorn und diese Empörung zu befeuern?“, wundert sich Alison an einer Stelle über ihre Freunde und ihre Vorliebe für Chaos und Unruhestiften. „Langeweile, Mann, die macht einen fertig. Is als wenn du n undichten Hahn in der Birne hättest, aus dem ständig Säure in denen Magen runtertropft. Zerfrisst einem alle Organe, der Scheiß“, liefert Spud gut 40 Seiten später eine der Antworten. Später schreibt Mark in sein Tagebuch, das er während eines Entzugsprogramms in einer Reha-Klinik führen soll: „Wie viel Schuld mag er bereits auf sich geladen haben? Sicherlich eine ganze Menge – ein immenses Gewicht, dass er bis zum Ende seiner Tage mit sich herumschleppen muss. Entweder man lernt, ein besserer Mensch zu werden und damit zu leben, was man getan hat, oder aber man lernt, sich einfach einen Scheiß darum zu kümmern.“

Das zweite Gefühl ist Gekränktheit. An einer Stelle des Romans bekommt Mark von einem Polizisten den Hinweis, man müsse sich einfach mit dem Mist der Welt abfinden, sich daran gewöhnen. „Aber was is, wenn man sich nich dran gewöhnt? Was, wenn man sich nich dran gewöhnen kann?“, fragt er zurück. Sein Problem, und das seiner gesamten Clique, seiner gesamten Schicht, seiner gesamten Generation: Sie können sich nicht mit Resignieren begnügen, sie spüren die Ungerechtigkeit des Systems als Stachel in ihrem Fleisch, sie bestehen auf ihrem Traum, dass es etwas Besseres geben kann, dass sie etwas Besseres verdient haben.

Im Heroin entdecken sie ein Mittel, das ihre Probleme betäubt – und davon haben alle Protagonisten reichlich. Welsh schafft es, Heroinsucht und Thatcherismus beinahe als identisch darzustellen. Beide entwickeln dieselbe zerstörerische Kraft, beide sind genauso schwer zu überwinden und beide unterlaufen jede Art von sozialem Zusammenhalt.

Skagboy versteht es, diese Dynamik höchst authentisch zu erzählen und mit einer großen Portion Tragik zu verbinden. Da ist zum einen die Tatsache, dass die Gang in Edinburgh zu Beginn ein Zusammenhalt auszeichnet, der aus heutiger Sicht höchst romantisch wirkt, weil es ihn mittlerweile nicht mehr gibt, jedenfalls nicht in Städten dieser Größe: Jeder kennt jeden, schon die Generation der Eltern kannte sich, man trifft sich, tauscht Anekdoten aus dem Kiez aus und bewahrt die Loyalitäten, die genauso organisch gewachsen sind wie dieses Milieu. Man geht davon aus, dass man ein Leben lang in dieser Gemeinschaft leben und immer mit diesen Menschen verbunden sein wird, ganz ohne Facebook. Bis fast zum Schluss des Romans bleiben diese Beziehungen intakt, aber man merkt, dass sie sich nach und nach gewandelt haben: Sie werden nicht mehr getragen von Freundschaft, gemeinsamen Erlebnissen oder einem geteilten Schicksal, sondern von der Sucht. Ein Begleiter ist in erster Linie dann willkommen, wenn er Stoff hat.

Das zweite tragische Element ist die Idee der Vermeidbarkeit. Sie wird beinahe zum Leitmotiv von Skagboys, denn als die fatale Abwärtsspirale der Heroinabhängigkeit sich langsam in Gang setzt, bieten sich etlichen Figuren dennoch immer wieder Auswege an, die sie dann aber nicht nutzen: Erfüllung in der Kunst, eine akademische Laufbahn, eine Fußballkarriere, ein Entzugsprogramm, nicht zuletzt traute Zweisamkeit. Doch keiner schafft den Absprung.

Auch die Szene, als Mark auf einer Party in Manchester erstmals Heroin angeboten bekommt und es ablehnt, passt in diese Reihe. Es wird– erst recht, wenn man als Leser schon Trainspotting kennt – ein schicksalhafter Moment, denn Marks Abneigung gegen Skag, die nicht so sehr auf Willensstärke, sondern auf Snobbismus beruht, wird nicht allzu lange anhalten. Nachdem er dem Stoff einmal so nahe gekommen ist, lässt ihn die Versuchung nicht mehr los, und zugleich beginnt der Selbstbetrug beim Gedanken, man könne Herr über das Heroin bleiben: „Der Hang, vom rechten Weg abzukommen, und eine gehörige Portion Starrsinn sind zwei integrale Grundpfeiler des schottischen Charakters. Kein Wunder also, dass ich von dem Gedanken an Heroin besessen bin, seitdem ich zu diesen Wichsern auf der Party in Manchester ‚Nein’ gesagt hab. Manchmal wünsch ich mir sogar, dass ich einfach ‚Ja’ gesagt hätte, dann würde es mir jetzt wahrscheinlich leichter fallen, mich von dieser Fixierung zu lösen“, stellt er fest.

Die Passage ist auch deshalb eine Schlüsselszene, weil sie aufzeigt, wie Welsh seine Protagonisten moralisch positioniert: Sie werden nicht reingewaschen, sie sind keine Verführten und Opfer, sondern bleiben verantwortlich, bleiben Subjekte, auch als Süchtige. Sie sind gemein, egoistisch und treffen sehenden Auges falsche Entscheidungen. Nicht die Droge verkörpert hier das Böse, sondern die Welt, die Gründe liefert, sich der Droge hinzugeben. Schon bevor sie Junkies sind, schrecken Mark und seine Freunde weder vor Gewalt noch vor Betrug oder Verrat zurück. Als das Heroin dann ihr Leben regiert, werden sie zu Bestien.

Es gibt etliche Szenen in Skagboys, die von einer schockierenden emotionalen Grausamkeit sind. Es gibt viel Sex, es gibt reichlich zerbrechende Familien und eine so selbstverständliche Kriminalität, dass sie kaum mehr als solche wahrgenommen wird. Welsh erzählt all das sehr bildhaft und mit einer kurzweiligen Nonchalance, zugleich wird das Buch getragen von viel Weisheit und Menschenliebe und profitiert davon, dass es hinsichtlich der Dimension der Konflikte niemals zu explizit wird. Auch die zeitliche Verortung passiert deshalb eher über Musiktitel und Fußballerjahrgänge als über Schlagzeilen und politische Ereignisse (das gilt nicht nur für den Leser, sondern auch für die Figuren selbst). Dass es 1984 ist, merkt man beispielsweise daran, dass Michel Platini Frankreich zum Europameister macht.

Der Vergleich zu Trainspotting entkräftet auch den absurden Vorwurf, Irvine Welsh würde die Drogensucht beschönigen, überhöhen oder glorifizieren. Es gibt auch in diesem Roman viele Momente, in denen der Rausch eindrucksvoll und sogar poetisch geschildert wird, und eine witzige Szene, als ein Junkie – ausgerechnet in einer Therapierunde im Entzugsprogramm – minutenlang von der magischen Wirkung der Droge schwärmt. Aber es gibt keine einzige Passage in diesem Buch, in der Heroin glamourös erscheint.

Dazu passt des Ende von Skagboys, das man problemlos verraten kann, ohne damit den Spaß an der Lektüre zu schmälern: Mark und Sick Boy schwören sich, nach mehr als 800 Seiten, dass sie mit dem Skag aufhören werden. Es gibt wenig Argumente dafür, dass die es diesmal schaffen werden, und doch will man ihnen als Leser glauben, aus demselben Grund, der auch für Mark und Sick Boy gilt: Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass sie noch tiefer sinken könnten.

Bestes Zitat: „Ich liebte dieses Mädchen. Ich liebte sie wirklich. Ein schrecklicher Krampf zog durch meinen Körper, als mir klar wurde, dass sie mir schon bald weniger bedeuten würde als dieser abgehalfterte Wichser, den ich gerade erst kennen gelernt hatte und eigentlich nicht abkonnte. Aber dieser Gedanke war nicht viel mehr als ein schwaches Flüstern, das vom euphorischen Jubelgesang des Skag übertönt wurde.“

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